Full text: Hessenland (15.1901)

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Dieselben Worte stehen auch auf Henriette's 
Grabstein, „der edlen Freundin, die ihm das Auge 
schloß, der Künstlerfrau, die ihre Gaben Pflichten 
nannte und ihre aufopfernde Güte den Tribut, den 
man dem Talent schulde".— 
Ein solcher Mensch wie Ludwig Schunke bleibt 
aber nicht im Grabe, wenigstens nickt für die, 
denen er von seinem Geiste geliehen. Sie fühlen 
sich als seine Schuldner und wünschen ihn herbei, 
um ihm noch ein Mal sagen zu können, wie sehr sie 
ihn anerkannt. .. . Nach Schunke's Tod sind die 
Davidsbündler in merkwürdigen Stimmungen. 
„Seitdem er von uns geschieden," sagt selbst 
der Meister Raro, „steht eine eigene Rothe am 
Himmel. Ich weiß nicht, von wannen sie kommt. 
In jedem Falle, Jünglinge, schasset sür's Licht!" 
Unter den Fenstern Schnmann's ruft Nachts 
eine fremde, aber wohlthuende Stimme: Lud 
wig — — Ludwig. — — „Es mochte ein 
Fremder sein, der nicht wußte von dem, was ge 
schehen." Schumann selbst aber läßt in dem 
Kreise der Davidsbündler den Jonathan erscheinen, 
von dem man nichts Bestimmtes zu sagen weiß. 
Er ist deshalb schon für Schunke gehalten worden 
uitb zwar von Wasielewski in seiner Biographie 
Schnmann's, wogegen Jansen in seinen „Davids- 
bündlern" sagt, daß diese Annahme wenig Wahr 
scheinlichkeit für sich habe, da Jonathan erst 
1835 und 36 auftrete, während Schunke be 
reits 1834 gestorben sei. Damit allein ist 
Wasielewki's Andeutung aber nicht aus der Welt 
geschafft, auch nicht durch Jansen's jedenfalls 
richtige Behauptung, daß die beiden einzigen mit 
„Jonathan" unterzeichneten Aufsätze in der Zeit 
schrift von Schumann selbst seien, zudem Jansen 
mittheilt, daß Schumann auch an Schunke's 
Aufsätzen mit der Zahl 3 vielen Antheil gehabt 
habe, da Schunke „die Feder tausendmal schlechter 
führte als seine Klavierhand". Jonathan wird 
unter die Davidsbündler im ersten der von Euse 
bius an Chiara gerichteten „Schwärmbriefe" ein 
geführt, welche die ersten unter Mendelssohns 
Leitung gehaltenen Gewandhauskonzerte im Ok 
tober 1835 betreffen und von Schumann in den 
Ges. Schriften mit der Note versehen sind: „Wahr 
heit und Dichtung könnten auch diese Briefe heißen." 
„Eben zur Mitternachtsstunde", steht da ge 
schrieben, „tritt Florestan herein mit Jonathan, 
einem neuen Davidsbündler, sehr gegeneinander 
fechtend über Aristokratie des Geistes und 
Republik der Meinungen. Endlich hat Florestan 
einen Gegner gefunden, der ihm Diamanten zu 
knacken giebt. Ueber diesen Mächtigen erfährst 
du später mehr." 1836 aber läßt sich als von 
Jonathan ausgehend die zweite Stimme über 
das „Monument für Beethoven" vernehmen, und 
ferner ist Jonathan die Besprechung des zweiten 
großen Konzertes des damals schon verstorbenen 
G. E. Hartknoch (op. 14.) zugeschrieben. 
Man muß, wie schon zu Anfang bemerkt, E. 
T. A. Hoffmann im Sinne haben, um Schumaun's 
Davidbündlern in ihrem Thun und Treiben folgen 
zu können. . . . Eusebius kommt nach dem 
Konzert nach Hause, voll von dem Gehörten, von 
F. Meritis, gewöhnlich Felix Mendelssohn genannt, 
und von der Veränderung in der Regie, „die nicht 
mehr wie sonst wohl geschehen, italienischen Papillvns 
erlaubte um deutsche Eichen zu schwirren, sondern 
diese ganz allein dastehen ließ, so kräftig wie 
dunkel" — gestört hat ihn nur der Taktirstab 
des Maestro, der früher in Firlenz (Leipzig) bei 
der Aufführung der Orchesterwerke nicht üblich ge 
wesen, und Florestan hat ihm dieserhalb beige 
stimmt, indem er meinte, „in der Symphonie 
müsse das Orchester wie eine Republik dastehen, 
über die kein Höherer anzuerkennen". Voll von 
all diesen Eindrücken greift Eusebius in feinem 
Musikantenstübchen beim dämmernden Lämpchen 
zur Feder und schreibt davon feiner angebeteten 
Clara-Chiara im fernen Milano, und nun „eben 
zur Mitternachtsstunde" sieht er fein anderes Ich, 
den stürmischen Florestan, hereintreten, und mit 
ihm kommt der Geist seines so heißgeliebten Lud 
wig aus der bleichen, herbstlichen Mondnacht, die 
draußen ihr Wesen treibt. Ludwig's Geist giebt 
er den Namen „Jonathan" — Gottesgabe — da 
Gott ihm gegeben hat aus den höheren Sphären 
herabzusteigen, um unter ihnen wandeln zu können, 
und er läßt ihn die Aristokratie des Geistes gegen 
die Republik der Meinungen vertreten, die Florestan 
verfechtet, im Anschluß an die vorher über das 
Orchester gethane Aeußerung, und Jonathan ist 
der „Mächtige", über den Chiara später mehr 
erfahren soll — der „Mächtige, der Diamanten 
zu knacken giebt". Hat Schumann in Jonathan 
seinen geistigen Bruder Ludwrg noch einmal ver 
körpern wollen, so ist es auch begreiflich, daß man 
später trotz der gegebenen Versprechung nichts 
Weiteres über ihn erfährt. Die beiden mit Jonathan 
unterzeichneten Artikel mögen aber in Erinnerung 
an Ludwig Schunke geschrieben sein und theilweise, 
was die Stimme über das Beethoven-Monument 
betrifft, mit Ausnahme des Satzes über Mendels 
sohn als Felix Meritis, auch Schunke's Aeußerungen 
wiedergeben. Daß Schumann bei der Abfassung 
der mit Jonathan unterzeichneten Besprechung 
des Konzertes von Hartknoch an Schunke gedacht 
hat, erscheint gleick durch die Eingangsworte wahr 
scheinlich: „Es ist leichter gesagt als bewiesen, daß 
wir alle zur rechten Zeit stürben. Gewiß hat
	        

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