Full text: Hessenland (15.1901)

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1017 2) anlangte, den ersehnten Ort und erhielt hier 
von den Einwohnern die Erlaubniß, unter ihnen 
wohnen zu dürfen. Nicht nur durch sein frommes, 
asketisches Leben, sondern besondersdurch dieAusflüsse 
seines krankhaften Geistes, die sich in Weissagungen, 
Visionen. Hallucinationen, Ekstasen und dergl. 
kundgaben, gelangte er bei dem abergläubischen 
Volke sehr bald in den Ruf eines heiligen Mannes, 
sodaß Hoch und Niedrig zum Theil aus weiter 
Ferne herbeiströmte, um diesen Mann Gottes zu 
schauen und seiner Fürbitte theilhaftig zu werden. 
Augenscheinlich infolge seines psychischen Leidens, 
das zuletzt in Stumpfsinn überging, starb Heimerad 
schon nach höchstens zweijährigem Aufenthalt in 
Hafungen am 28. Juni 1019 P, am Vorabend 
des Peter und Paul-Tages. Sein Grab wurde 
zu einem wunderthätigen Wallfahrtsort, und der 
Klerus besann sich nicht lange, diese Gelegenheit 
den Zwecken der Kirche dienstbar zu machen. 
Schon Erzbischof Aribo von Mainz, zu dessen 
Diözese Hafungen gehörte, erbaute während seiner 
in die Jahre 1021—1031 fallenden Amtszeit 
auf dem Hasunger Berge ein Kloster In Ehren 
der Apostel Petrus und Paulus und zur Er 
innerung an den seligen Heimerad?) Im Anfang 
der 70cr Jahre desselben Jahrhunderts nahm der 
Ruf Hasungens als Wnnderstütte an Ausdehnung 
außerordentlich zu. Schaaren von Wallfahrern 
fanden sich täglich dort einZ und am Gedächtniß 
tage Heimerad's vermochte die Kirche die Zahl 
der Gläubigen und Heilung suchenden Pilger 
kaum zu fassen?) Gleichzeitig begann Erzbischof 
Siegfried dem Orte fein besonderes Interesse , zu 
zuwenden. Er führte im Jahre 1074 regnlirte 
Kanoniker (Chorherrn), die unter einem Propst 
standen, in Hasungen einZ und weihte eine nach 
feinen Vorschriften erbaute und für die Verehrung 
Heimerad's bestimmte Kirche zu Ehren des Erz 
engels Michael und aller Heiligen am 30. Sep 
0 Keineswegs früher, wie Andere annehmen. Das Jahr 
läßt sich ans der Erwähnung des Klosters Memleben und 
der Kaiserin Kunigunde in der vita Heim. bestimmen. 
Memleben kam 1015 an Hersfeld und Kunigunde war 
1017 in Paderborn. 
0 Grabschrift Heimerad's am Schluß der vita. 
0 vitaMeimverci cap. 70; Annal. Palid.; Annal. Saxo. 
5 ) Lamperti annales (Ausgabe von Holder-Egger 1894) 
pag. 139. 
9 vita Heim. cap. 34. 
7 ) Annal. Iburg, uni) die Urkunden Siegfried's für das 
Kl. Hasungen: Nr. I abgedruckt bei Schräder, Dhnasten- 
stämme u. s. w. S. 221; Original in doppelter Aus 
führung im Archiv zu Marburg. — Nr. II abgedruckt 
bei Falkenheiner, Gesch. Hess. Städte und Stifte (Urkunde I 
zur Gesch. Hofgeismars), Original in Marburg. — 
Nr. III abgedruckt bei Ledderhose, kl. Schriften III, S. 186. 
Original nicht vorhanden; Abschrift jüngeren Datums zu 
Marburg; Inhalt mit Nr. I größtentheils übereinstimmend. 
tember desselben Jahres ein. Z Zahlreiche 
Schenkungen0), unter ihnen auch die (Dorf-) Kirche 
(und der erzbischöfliche Hof zu Hafungen sicherten 
die Existenz der neuen Klosterinfassen?o) Doch 
schon im Jahre 1081 verwandelte Siegfried selbst 
die Propstei in eine Benediktiner-Abtei, deren 
Mönche nach einer neuen Ordensregel lebten, die 
zu Clugny in Frankreich ausgebildet war und 
durch das schwäbische Kloster Hirsau damals 
gerade in Deutschland Eingang fand?*) Aus 
letzterem Kloster wurde ein Bruder nach Hasungen 
gesandt, der als erster Hasunger Abt die neue 
Regel daselbst einführte?H ©iegfcieb, der als 
oberster Kirchenfürst Deutschlands in den politischen 
Wirren der damaligen Zeit, vornehmlich infolge 
feines wankelmüthigen Charakters, keine glückliche 
Rolle spielte und daher in feinem Amte wenig 
Befriedigung erntete, scheint sich, wenn er einmal 
procul negotiis sein wollte, gern nach Hafungen 
zurückgezogen zu haben. Er erwählte den ihm 
liebgewordenen . Ort auch zu seiner letzten Ruhe 
stätte. Nach feinem Tode, der im Jahre 1084 
in Thüringen erfolgte, wurden feine irdischen 
Ueberreste nach Hasungen überführt und dort 
beigefetzt?H Sein fchismatifch gewählter Nach- 
9 Urkunde Nr. III. Diese Kirche war offenbar schon 
die dritte auf dem Berge. Die erste (die Dorfkirche) war 
schon zu Heimerad's Zeiten vorhanden, die zweite (jeden 
falls die Hauptkirche und von Aribo erbaut) war dem 
Apostelfürsten geweiht (vergl. vita Heim. cap. 34). 
9 ) Urkunde Nr. I. 
") Manche glauben ans einigen Wendungen der ange 
führten Siegfried-Urkunden schließen zu müssen, daß Vor 
1704 ein Kloster in H. nicht bestanden habe, daß Viel 
mehr Von Aribo nur ein Münster, eine Kirche errichtet 
worden sei und daher das Wort monasterium bei Annal. 
Saxon. u. s. w. nicht mit Kloster, sondern mit Münster 
überseht werden müsse. Doch liegt zu solcher Annahme 
kein zwingender Grund Vor. Die schon recht alte Streit 
frage hoffe ich demnächst in einer ausführlicheren Behand 
lung der Hasunger Geschichte näher zu erörtern. 
1J ) Urkunde Nr. I, II und III. Das Jahr geht aus 
ihnen nicht hervor. Wir erfahren es durch die Annal. 
Ottenbur., die wahrscheinlich ein Auszug aus den verloren 
gegangenen Hasunger Annalen sind. — Man übersah 
seither vielfach, daß Siegfried nicht nur in der Urkunde II, 
sondern auch im letzten Drittel der Urkunde I von der 
Umwandlung der Propstei in eine Abtei spricht. Ur 
kunde I ist daher nicht im Jahre 1074, sondern frühestens 
1081 geschrieben und die verletzte Annahme, daß sie nur 
über das Jahr 1074 berichte, hat zu 'manchen Irrthümern 
geführt. Was z. B. von Holder-Egger in dem 8ub 
Anm. 5 citirten Werke Praefatio pag. LVII, Amn. 2 
über den Hasunger Abt Lambert und die Einführung der 
cluniacensischen Regel in Hasungen gesagt wird, gehört 
nicht zum Jahre 1074, sondern in das Jahr 1081. 
*9 Cocl. Hirsaug. pag. 22 in Biblioth. des Lit. Vereins 
zu Stuttgart Bd. I. Hier ist der Name Gisilbert an 
geführt, doch hieß der erste Hasunger Abt urkundlich 
(Urkunde I) Lambert. 
*9 Annal. Hilclesh.
	        

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