Full text: Hessenland (15.1901)

Eine hessische Literaturgeschichte. 
W ir leben im Zeitalter der Spezialisten. Je 
mehr Stoff die Wissenschaft anhäuft, desto 
schwieriger wird es für den Einzelnen, sich auch 
nur über ein Sondergebiet des Wissens gründ 
licher zu unterrichten. Zwar ist die Klage darüber, 
daß sich in unseren Tagen Niemand nur annähernd 
eine so allgemeine Bildung erwerben könnte, wie 
sie seiner Zeit etwa Goethe oder Alexander von 
Humboldt besaßen, schon lange vor dem Tode 
des letztgenannten geäußert worden, nämlich schon 
1840 von Hermann Hauff, dem älteren und 
bedeutenderen Bruder des Dichters Wilhelm, allein 
wir haben heutzutage zweifellos doch ungleich mehr 
Berechtigung dazu und auch Grund zu der Be- 
sorgniß, ob das große Frachtschiff der Wissenschaft 
bei derartiger Ueberlastung nicht Gefahr läuft, 
endlich noch unterzugehen (da ja z. B. von einer- 
wirklichen „Büchergefahr" unsere Bibliothekare 
schon • lange ganz ernsthaft reden), und ob die 
vielen kleinen Kommissionäre in ihrem Dienst 
das Frachtgut nicht eher in Verwirrung als in 
Ordnung bringen. Jedenfalls gilt gegenwärtig 
auf dem Gebiet der Wissenschaft fast nur noch 
das Prinzip äußerster Arbeitstheilnng. Während 
jedoch dieser Umstand auf der einen Seite auch 
für das praktische Leben die Unbequemlichkeit mit 
sich bringen kann, daß wir am Ende noch ge 
zwungen sind, wenn uns ein Backenzahn weh thut, 
zu einem anderen Heilkünstler zu laufen, als 
wenn uns ein Schneidezahn plagt, so hat er doch 
auf der anderen Seite wie jede gründliche Thätig 
keit natürlicherweise auch sein Gutes, namentlich 
aber, wenn der Gegenstand der Spezialisteuarbeit 
selber wieder mehr ein allgemeiner ist und folglich 
auch allgemeineres Interesse erregt. Das trifft 
bei der Arbeit zu, auf welche diese Zeilen auf 
merksam machen wollen: eine Arbeit aus Hessen, 
über Hessen und für Hessen, die in unserer Zeit, 
wo man so viel von „Heimathkunst" redet, doppelt 
angebracht erscheinen muß. 
Der rührige Redakteur der vorliegenden Zeit 
schrift hat kürzlich „Studien zu einer hessischen 
Literaturgeschichte"*) veröffentlicht, die jedoch 
dem Stoffe nach eine völlig ausreichende Geschichte 
der schönen Literatur Hessens darstellen. Das Buch 
*) Wilhelm Schoos, Die deutsche Dichtung in Hessen. 
Studien zu einer hessischen Literaturgeschichte. VII l und 
262 Seiten. Marburg, N. G. Elwert'sche Verlagsbnch^ 
Handlung, 1901. 
hat zunächst den ganz unbestreitbaren Vorzug, 
daß es das erste in seiner Art ist. Wir besitzen 
zwar das ungleich größer angelegte Werk von 
Strieder-Justi-Gerland, das sich bekanntlich 
als eine hessische Schriftsteller- und sogar noch 
Künstlergeschichte unmittelbar anzeigt, indessen 
macht es seine Form als Lexikon doch eben nur 
mittelbar zur wirklichen Geschichte. Ferner kommt 
zum Vortheil des Schoof'schen Buches hinzu, daß 
dieses so viel neuer ist als jenes und um so 
ausgiebiger gerade auch die neuere hessische Literatur 
behandelt, als ja erst im letztverflossenen Jahr 
hundert von einer relativen Blüthezeit unserer 
heimischen Dichtung die Rede sein kaun. 
Allerdings nur von einer relativen Blüthe. 
(Daß, nebenbei bemerkt, der Verfasser des be 
sprochenen Buches sogar noch eine frühere „Blüthe- 
zeit" hessischer Dichtung im 16. Jahrhundert 
konstatiren will, wird ihm schwerlich Jemand zu 
geben.) So ansehnlich die Zahl der bedeutenderen 
und namhaften Dichter und Dichterinnen Hessens 
von den dreißiger Jahren an bis zur Gegenwart 
auch ist, so unstreitig originell viele von ihnen 
erscheinen, so ist doch, wenn wir ehrlich sein wollen 
und von den noch lebenden absehen, das etwas 
kleinmüthige Geständniß zu machen, daß von den 
früher allgemeiner bekannten jetzt außerhalb 
Hessens kaum noch einer gelesen, ja, im weitesten 
Sinn des Wortes kaum nur dem Namen nach 
noch gekannt ist. Denn haben wir, um von 
Geistern allerersten Ranges ganz zu schweigen, 
einen einzigen Dichter, der wie Rückert, Uhland, 
Platen, Heine, Geibel u. s. w. jedem Kind be 
kannt wäre und in den deutschen Lesebüchern eine 
Nölle spielte wie einer der ebengenannten? O ja, 
ein einziger wäre wohl zu nennen, aber nur einer, 
den Jeder mehr als Gelehrten wie als Dichter 
kennt: Wilhelm Grimm mit seinen Märchen. 
Sonst aber, wer kümmert sich heute noch groß 
um Heinrich Koenig, um Dingelstedt, 
um Mosenthal, wenn er kein Hesse oder kein 
Literarhistoriker ist?. Zwar konnte der Schreiber 
dieser Zeilen, als er in Berlin Heinrich Seidel 
besuchte, um ihm den „Prinz Rosa Stramin" zu 
empfehlen, erfreulicherweise hören, daß unser 
klassischer Prinz dem entschieden wahlverwandten 
Verfasser des „Leberecht Hühnchen" bereits bekannt 
sei. „Es fehlt wenig", sagte Seidel, „daß Sie 
das Buch hier ans dem Tisch liegen sähen. Ich
	        

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