Full text: Hessenland (15.1901)

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Und wollten wir die Frage behandeln, was denn eigentlich > 
unter „einem freien deutschen Christen" 31t verstehen sei. ich | 
glaube — wir könnten Bücher darüber schreiben. Der Ans- ' 
druck nämlich besagt unendlich viel, vder auch gar nichts, und 
deshalb stört er in einem Gedichte zunächst durch seine starrende 
Leere. Die zwischen den Liederabtheilungen eingestreute 
Prosa besteht aus Humoresken, die inhaltlich lute formell 
alles Lob verdienen. Der Dichter ist hier ans einem Felde, 
ans dem er ausersehen scheint, noch Gutes zu leisten. 
■ E. I»r. 
Neue Gedichte von Christian Schmitt. X und 
142 S. Straßbnrg i. E. (Verlag von Ludolf 
Beust). Preis brosch. Mk. 2,40, geb. Mk. 3.— 
Vorliegende Gedichte des bekannten elsässischen Dichters, 
des Sängers der „Alsa-Lieder" und Schriftleiters der 
„Erwinia", haben für uns ein besonderes Interesse, da der 
Verfasser ein Freund hessischer Dichter und des Hessen- 
landes ist, das er bereist und in Liedern gefeiert hat. 
Schmitt zählt zu jenen wenigen Dichtern, die nur dann 
gesungen, wann es ihnen ans tiefstem Herzen quoll. 
Eigenartiger Schwung eines tiefen Poetengemüthes, ver 
bunden mit jenem klaren Geiste, der jeden Empfindungs- 
ansdrnck in der vollendeten Form und durch Gedanken- 
größe adelt, hat hier Perle an Perle gereiht. Großzügigkeit 
geht durch das ganze Buch. Erillparzer's Wort, daß bei 
dem echten Poeten der Gedanke im Herzen entstehe und 
von da erst durch den Kopf in die Feder fließe, be 
wahrheitet sich bei Schmitt vollkommen. Trotzdem ihm 
weder das große Menschheitsweh noch die alltäglich 
menschlichen Probleme fremd sind, ergeht er sich nicht in 
klügelnden Erwägungen, gereimten Tendenzversen, modernen 
Gedankenpoesieen, sondern greift voll mächtiger Empfindung 
in den Urquell alles Seins. Es ist ein edles Gleichgewicht, 
das dem ganzen poetischen Schaffen dieses Dichters eignet 
und ihm damit einen hohen Adel verleiht. In. fünf Ab 
schnitten bietet Schmitt uns eine reiche Auswahl, form 
vollendeter, inhaltreicher Poesieen, und nach der neuesten 
Talentprobe zu urtheilen glaube ich, daß die Zeit nicht 
mehr fern ist, da dieser Elsässer Dichter als einer unserer 
besten Lyriker Anerkennung finden wird. 
Valentin Hraudt. 
Büchner, Alex. Das „tolle" Jahr. Vor. 
während und nach 1848. Von einem, der 
nicht mehr toll ist. Gießen, Verlag von Emil 
Roth, 1900; eleg. geb. M. 5.—. 
Lebenserinnernngen pflegen, wenn sie nicht ans der 
Feder überragender Geister fließen, selten über einen 
kleinen Kreis hinaus zu kommen. Anders, wenn persön 
liche Memoiren zugleich eine Zeitepoche zu illnstriren ge 
eignet sind, noch besser, wenn ihnen dieser Zweck gleich 
als Stempel aufgedrückt ist, wie es bei dem vorliegenden 
Werke der Fall. Nirgends drängt sich das Persönliche 
so stark hervor, daß die Ereignisse dahinter zurücktreten, 
und dockst legt jede Seite Zeugniß ab von der starken 
Originalität des Verfassers, die den Leser bald in ihren 
Bann zwingt. Den eigentlichen Kern des Buches bilden 
1848er Erinnerungen. Daß es in Gießen, dem „Uni 
versitätsdorf", das es damals noch war, besonders kunter 
bunt zugegangen ist, wird den nicht wundern, der unsere 
studentische Jugend kennt. Büchner hat damals heftig 
mit gerathet und gethatet. Aber daß er nun als sein 
eigener Chronist alles fein säuberlich berichtet, ist der 
Sühne genug, zumal er so prächtig ztl erzählen weiß. 
Denn auch das, was sich um dies Hauptkapitel herum 
rankt, kommt diesem gleich, übertrifft es stellenweise sogar 
| in mancher Beziehung. Dem „Stndentendorf" z. B. ist 
! noch ein eigner Abschnitt gewidntet, der allerlei Ent- 
l hüllungen aus deut akademischen und galanten Leben der 
Herren Musensöhne bringt. Ein anderes Kapitel, „Mni- 
bvwlina" betitelt, handelt von einer jener Gesellschaften, 
die zur Nettnng des Vaterlandes damals allenthalben 
sich bildeten. Eine politische Liebesgeschichte macht dies 
Kapitel noch amüsanter, sodaß es geradezu als Novelle 
bezeichnet wird. Das Thema „Liebe" wird auch sonst 
noch häufig angeschlagen. Von köstlichem Humor durch 
tränkt, dem sich eine tüchtige Dosis gutmüthigen Spottes 
zugesellt, ist der erste Abschnitt „Bilder aus Arkadien", 
in dem der Verfasser durch ein reichhaltiges anekdotisches 
Material die idyllischen Zustände vor dem tollen Jahr im 
Darmstädtischen illustrirt. Eine anschaulich und interessant 
geschriebene „Neise nach Spanien" wäre ans den späteren 
Erinnerungen hervorzuheben. Ueber dem ganzen Buche 
liegt die sonnige Stimmung, wie sie dem Alter eignet, 
das ans ein zwar wechselvolles, aber schönes Leben zurück- 
| blickt. Man kann nach alledem das Buch nur warm 
empfehlen. Die gediegene, prächtige Ansstattnng macht 
es auch als Weihnachtsgeschenk höchst geeignet. K. P. 
Heimath. Roman von Wilhelm Jenseit. 
301 S. Dresden und Leipzig (Verlag von 
Karl Reißner) 1901. Preis brosch. Mk. 4,50. 
Jensen's neuester Roman spielt größtentheils ans hessischem 
Boden, in der alten Reichs- und Kaiserstadt Gelnhausen, 
und versetzt uns in den Ansang des 19. Jahrhunderts, in 
die Zeit der Herrschaft Louis Bonaparte's und der tiefsten 
Erniedrigung Deutschlands. Der Held des Romans ist 
Atnurice de Prunelles, dessen Vater, ein Monsieur 
Renard de Prnnelles, sich 1790 kurz nach der Geburt 
Maurice's als einer der ersten Emigranten in Gelnhausen 
niedergelassen hat. Der Knabe verwaist bald und kommt 
in die Obhut einer kleinbürgerlichen Faniilie Namens 
Blausuß. Er besucht die Volksschule zu Gelnhausen zu- 
sammmcn mit seiner Jugendgespielin Gela, der Tochter 
der Eheleute Blanfuß, und kommt später, da die Mittel 
fehlen, den Knaben auf die Lateinschule nach Hanau zu 
schicken, in die Lehre zu dem Krämer Lorenz Pfeffersack 
in der Langgasse. Durch den in Gelnhausen ansässigen 
Emigranten, den Chevalier von Saint-Vallier-Charbrillvu, 
dessen Namen sich die Gelnhüuser durch Zusammenziehnng 
in .Schwalwalliest mundgerecht machen, wird dem Knaben 
frühzeitig seine französische Abkunft in Erinnerung gebracht 
und seiner knabenhaften Thorheit die Verächtlichkeit gegen 
alles Deutschthum eingeimpft. Der Colonel de Fleury- 
Chaboubon, der im Juni 1806 mit französischen Truppen 
von Mainz her in Gelnhausen einzieht, um für einige 
Zeit in der Stadt Quartier zu nehmen, sieht in dem 
achtzehnjährigen schlank aufgeschossenen Jüngling einen 
brauchbaren Rekruten oder besser gesagt „Kanonenfutter" 
(chair ä canon) und weiß ihn zu überreden, für Frank 
reichs Ehre mit in's Feld zu ziehen. Bestrickt durch die 
Reize der siebzehnjährigen bildschönen Tochter des Obersten, 
tritt er als Gemeiner in die Armee ein, zeichnet sich in 
der Schlacht bei Jena aus und rückt bald zum Sous- 
lieutenant auf. Durch den Selbstmord seines Freundes 
Tentmar Steudlin, der als Württemberger gegen Zeine 
deutschen Landsleute kämpfen muß, aber den selbstgewählten 
Tod dieser Schmach vorzieht, kommt es ihm zum ersten 
Alal deutlich zum Bewußtsein, was ihm bisher schon bis 
weilen dunkel aufgedämmert war, daß er eigentlich kein 
Franzose, sondern ein Deutscher sei. Am Todtenbette seines 
Freundes wird es ihm klar, daß nicht vom „ererbten Blut 
und der Stätte der Geburt" dem Menschen die Heimath 
geschaffen wird, sondern daß er die nur von dem Erdreich
	        

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