Full text: Hessenland (15.1901)

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führende alte Straße, welche erst im 18. Jahr 
hundert aus Gründen der besseren Zollbeaufsichti 
gung aufgehoben wurde, deren deutliche Spuren 
aber heute noch sichtbar sind. Der damalige 
Pfarrer von Fronhausen (1661 —1691), Johann 
Philipp Lünker, schreibt in seiner Chronik wörtlich: 
„1672, den 6. September, find die Branden- 
bnrgischen Völker allhier durchgezogen und in 
Salzböden und Odenhausen einquartieret, da sie 
über Nacht gelegen, wie auch zu Roth im Eigen 
am 500 Mann; hier ist aber diesmal alles ver 
schont geblieben." — „Am 12. Dezember 1672 (?) 
kam der Kursürst von Brandenburg von Ober 
walgern herab mit allen Völkern wieder zurück 
und hat allhier in Dietrich Willershausen Hanse 
logirt. Sonnabend den 14. Dezember ist er nach 
Wetzlar weitergezogen. Der kurfürstliche Hosprediger 
hat im Pfarrhause logirt." 
Hessische Mechimchlsimchrrschan 
Einkehr. Neue Gedichte von M. Herbert. 
191 S. Stuttgart und Wien (Jos. NothJche 
Verlagshandlung) 1902. Brosch. Mk. 2, geb. 
Mk. 3. 
Wie Chrysanthemen in blüthenarmer Herbstzeit, wie 
ein heller Sonnenstrahl in trüben Novembertagen, so 
wohlig und freudig mnthet mich der neue Gedichtband 
M. Herbert's: „Einkehr" an. Mit Recht sieht man jedem 
neuen Werke M. Herbert's mit Spannung entgegen, mit 
Recht erwartet man von ihr immer etwas Besonderes, das 
sich der Zahl ihrer Schöpfungen würdig anschließen soll, und 
„Einkehr" vermag diese Erwartungen voll und ganz zu 
erfüllen. Ich gehöre nicht zu Jenen, die M. Herbert als 
Schriftstellerin weit höher stellen denn als Dichterin; ich 
sehe nn Gegentheil den Gemüthsmenschen Herbert weit 
besser in den Liedern charakterisirt als in den Prosawerken, 
von denen behauptet wird, daß Verstandesschärfe und 
kluge Ueberlegung ihr Lebensmark seien. Aus deu Liedern 
unserer Landsmännin weht der Hauch warmer Empfindung, 
eine Fluth großer, echter Gefühle und jener Hauch von 
Melancholie, der allen großen Dichtern eigen ist. Speziell 
über dem Bande „Einkehr" schwebt ein Hauch von Entsagung, 
Heimweh und frommer Hoffnung, und auf jeder Seite fühlt 
man: Hier giebt sich ein Herz in seinem tiefsten Fühlen 
kund. Gerade das macht das Buch so werthvoll, denn 
der echte Lyriker muß wahr uud tief empfinden, seine 
Lieder müssen aus der Seele strömen, wenn sie zu der 
Seele dringen sollen, und wie Goethe sein Leben in seinen 
Liedern ausklingen ließ, so scheint auch Al. Herbert ihr 
ganzes Empfinden in die Sänge zu legen, mit denen sie 
uns erfreut und ergreift Der Raum gestattet es leider 
nicht, einige Perlen ans „Einkehr" hier wiederzugeben, 
aber — was könnte auch schließlich ein herausgerissener 
Vers sagen? Oft ist es die tiefe, schöne Idee, die uns an 
einzelnen Gedichten entzückt, dann wieder der verdämmernde 
Wehhauch, der darüber liegt, die ungeweinte Thräne, das 
ungestillte Sehnen und das unverstandene Fühlen. Wer 
sich und Andern eine genußreiche Stunde durch tief em 
pfundene Lyrik schaffen will, der lese, was hier ein hessischer 
Dichtermund singt, lese in stillen Stunden M. Herbert's 
„Einkehr". W. v. Klrensteen. 
H u s s a s s a! Reiter-Lieder, Jäger-Lieder und andere 
Lieder von Eberhard Fr ei Herrn von 
Wechmar. 168 S. München (I. Schön) 
1901. Preis Mk. 3.- 
Das ist ein frisches, fröhliches Singen in diesem Buche, 
dessen Inhalt seinem Titel sehr gut entspricht und sich 
zweifellos Freunde machen wird. Der Dichter, der zwar 
kein Hesse ist, aber in Marburg lebt und das Hessenland, 
das grünende mit seinen blauen Bergen, nicht das papierene, 
zu lieben scheint, kann zwar auch ernst werden, aber das 
sitzt nicht tief, und handelte es sich um den Tod. Was 
will uns der Dürrling mit der Hippe? „Dragoner kennen 
dessen Ton" schon, und muß endlich doch ein „frommer 
Dragoner" hingemäht werden, was schadet's: er geht „selig" 
in den Himmel ein und „darum ist der Himmel so blau". 
Doch der Dichter des „Hussassa" macht sich selbst aus 
einer himmlischen Trühniß nicht viel; er requirirt sich in 
seiner fröhlichen Reiterlaune einfach den Pegasus, also 
auch ein sogenanntes Roß, und singt am Schluß seines 
„Marburger Burschenliedes": 
„Wenn nächtlich drauf der Sturmwind braust 
In Schluchten. Wald. und Höhn, 
Wird Wams und Fell auch dornzerzaust. 
Mein Roß muß vorwärts gehn; 
Dann brech ich mit dem jungen Tag 
In Marburgs Mauern ein, 
Und nach des Weges Wanderplag' 
Wird mein 'die Liebste sein". 
Nur will hier die „Wanderplage" des Weges nicht recht 
passen zum „Roß", da man die Wanderinstrumente doch 
wohl in den Bügeln des Rosses vermuthen darf. 
Im Ganzen macht es den Eindruck, als ob von Wechmar 
sich Fritz Bley's „Horridoh" zum Vorbilde genommen 
Hütte, obwohl ja Bley als Jäger ein ungleich größeres 
Feld beherrscht. Schon die Anlage des „Hussassa" erinnert 
an Bley. Hier wie dort humoristische Intermezzos in 
Prosa; hier sind wir „an der Wetterkar", dort heißt es 
„von der Wetterkar"; hier lesen wir „Ich bin ein junges 
Jägerblut", dort wieder „Ich bm ein junger Waidgesell" 
und schließlich ist auch der Ton sehr oft ganz der Bley's. 
Leider ist unser Hussassadichter, auch was den „klingenden 
Reim" anbetrifft, nicht frei von den Ungeheuerlichkeiten Bley's 
geblieben, wie z. B. „schließ'st — ist", „flennt — gönnt", 
„Flint' — Sünd'", „Troß — los", „Werth — gehört", 
„Pardon — davon". Auch gilt es als nicht schön, wenn 
man schreibt: „Und's", oder „so ’it". In der Form, so 
wie in der Glätte der Sprache hat offenbar Bley einen 
Vorsprung und muß unser Dichter daher noch strengere 
Selbstkritik üben. Verse, wie: 
„Und Weihestunden sind ich nur 
Im Waldesdom. ans Schöpfers Spur, 
Dankbar ich bin", 
„So nimm mich Herr hin, denn dein ist mein Will'", 
„Drück deine Brust mir (!) an mein Herz". 
„Des Herzens trüb’ (!) Gedanken" u. a. m. 
zählen nicht gerade zu den besten. — Dann: was soll 
das „schwarze Pack" in einem Gebete? Dieser Hieb 
paßt zu keinem „Gebete" und ist im übrigen abgenutzt, 
so daß seine nnmotivirte Wiederkehr im Buche stört. Was 
sollen wir uns ferner unter „Gottes Besen" vorstellen?
	        

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