Full text: Hessenland (15.1901)

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und redaktionellen Thätigkeit war er dem Vor 
stand des konservativen Vereins für Hessen und 
Waldeck lange Jahre hindurch ein aufopfernder 
Schriftführer. Ganz besonderer Gunst aber erfreute 
er sich in seiner amtlichen Thätigkeit, sowohl bei 
seiner vorgesetzten Behörde wie bei dem in der 
Landesbibliothek verkehrenden Publikum. Alle die 
Vielen, welche jahraus, jahrein die Hallen besucht, 
in welchen die reichen Literaturschütze eines halben 
Jahrtausends aufbewahrt werden, werden seinen 
Hingang am meisten bedauern. 
Von seinen Berufsgeschäften rastend, fand der 
Verstorbene ein reiches Glück in seiner jungen 
Ehe, die er am 5. April 1899 mit Hanna 
Kaiserling, Tochter des Rentners Gustav 
Kaiserling in Kassel, geschlossen hatte. Leider 
war es ihm nicht vergönnt, dieses Glückes lange 
theilhaftig zu werden. 
Seit September vorigen Jahres zeigten sich bei 
dem sonst kräftig gebauten Mann Spuren eines 
asthmatischen Leidens, das ihm häufig Beschwerden 
verursachte, aber nicht weiter ernsthafte Befürch 
tungen erweckte. Doch es kam anders, als wir 
dachten. Zu Anfang des Jahres war er gezwungen, 
wegen Unwohlseins einige Tage seinem Berufe 
fern zu bleiben. Nicht lange aber duldete es den 
Pflichtgetreuen, der trotz seines leidenden Zustandes 
noch das vorige Hest unserer Zeitschrift auf 
opferungsvoll redigirt hatte, zu Hause. Kaum 
hatte er sich einigermaßen erholt, so widmete er 
sich wieder seinen Amtsgeschäften. Da wurde er 
am Abend des 16. Januar durch einen unerwarteten 
frühzeitigen Tod mitten aus seiner Arbeitsthätig 
keit herausgerissen, nachdem er noch Tags zuvor 
anscheinend gesund seinen 44. Geburtstag begangen 
hatte. An seinem Grabe trauern seine junge, ihn 
liebende Gattin, seine 81jährige Mutter, seine 
Geschwister und Verwandten und zahlreiche Freunde 
aus Nah und Fern. 
Große Liebenswürdigkeit und Bescheidenheit, 
sowie ein eiserner nie ermüdender Fleiß waren 
die Grundzüge seines durchaus edeln Wesens, die 
ihn: bei allen, die ihm im Leben nahe getreten 
sind, ein dauerndes Andenkerl über das Grab 
hinaus sichern werden. Obwohl Nichthesse von 
Geburt, wurzelte er mit allen Fasern seines 
Schaffens in der hessischen Heimath, und so möge 
er in ihrem Schooße auch den ewigen Frieden 
finden. Die Worte, die Goethe seinem ver 
storbenen Freunde nachrief, finden auch auf ihn 
passende Anwendung: 
„Denn er war unser! — Mag das stolze Wort 
Den lauten Schmerz gewaltig übertönen!" 
Wilhelm Schoof. 
Auf dem Hasunger Berge einst und zetst. 
Von Do. R. Ei esc. 
m 9. September v. I. feierten die Bewohner 
des im Kreise Wolfhagen gelegenen Dorfes 
Burghasungen das 100jährige Bestehen ihres 
Gotteshauses. Die kleine, schmucklose, aus Sand 
steinquadern errichtete und über der Dachmitte 
mit einem Glockenthürmchen versehene Kirche steht 
auf einer Felsstufe an der Nordostseite der Basalt 
kuppe des Hasunger Berges und überragt durch 
ihre erhöhte Lage die Gebäude des Dorfes, die 
sich unter ihr in halbmondförmiger Anordnung 
dem Bergabhang anschmiegen. An der Kirche 
vorbei führt vom Südansgang des Dorfes her 
ein steiler und zur Noth noch befahrbarer Weg 
an der Ostseite der Bergknppe hinauf ans den 
Gipfel, eine geräumige, kahle Fläche mit schöner 
Fernsicht nach fast allen Seiten hin. Hier stand 
bis zum Jahr 1800 die frühere Kirche, nicht 
weit entfernt von der Ruine eines hohen Glocken- 
thurmes, beide die letzten Ueberreste der im Jahre 
1528 säkularisirten Benediktiner-Abtei Hasungen. 
Schon vor der Gründung des Klosters war 
der Hasunger Berg bewohnt und auf seiner Höhe 
mit einer Kirche gekrönt. Z Am Anfarrg des 
11. Jahrhunderts wurde der bis dahin Un 
bedeutende Ort durch die Anwesenheit Heimerad's, 
des späteren Hasunger Heiligen, allgemeiner be 
kannt. Dieser Heimerad war eirr frommer, aber 
von religiösen Wahnvorstellungen heimgesuchter 
Mann, der sein Heimathland Schwaben, wo er 
als Priester in Diensten einer vornehmen Dame 
gewesen war, verlassen, zunächst eine Wallfahrt 
nach Rom, dann nach Palästina unternommen 
hatte und nach seiner Rückkehr sich in Deutsch 
land irgendwo niederzulassen gedachte, um dort 
ungestört ein frommes Leben führen und als 
Prediger nach seiner Art auf das Volk einwirken 
zu können. Nach längerer Irrfahrt, auf der er 
hauptsächlich durch Vertreter seines eigenen 
Standes, die ihn für einen Abtrünnigen und 
Verrückten hielten, viel Ungemach, selbst körper 
liche Züchtigungen hatte erdulden müssen, fand 
er endlich in Hasungen, wo er etwa im Jahre 
st 'Vita Heimeradi cap. 13,
	        

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