Full text: Hessenland (15.1901)

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Sie wollte nichts mehr hören davon, und doch 
lauschte sie den Tönen nach, die sie so seltsam süß 
umstrickten. In ihrem Busen ward es so unruhe- 
voll ... Warum denn nur? ... 
Und da kam der junge Wanderer um die Wege 
biegung herangeschritten, ein Bild blühender ManneS- 
krast. Wollte denn der Hammer da drinnen ihr 
die Brust sprengen? Sie wußte nicht, was sie 
begehrte. Nur das sühlte sie, daß sie mit ihm 
gehen möchte weit, weit! 
Und doch klang zaghast der Gruß, mit dem sie 
an seine Seite trat. Sie merkte nicht seinen etwas 
verwunderten Blick; nur Freude empfand sie, daß 
sie neben ihm hergehen durfte. Und sie ging neben 
ihm, erst still und zurückhaltend, dann immer fröh 
licher plaudernd, und Heller lachend zu ihm, der 
einsilbig blieb und die räthselhafte Fremde immer 
wieder von der Seite ansehen mußte. Sie sah 
nicht den Reif an seinem Finger, sah nicht den 
Weg, nichts von der Welt sah sie. Immer enger 
hielt sie sich an ihn, verlangender wurden ihre 
Blicke. Und als er im Schatten eines blühenden 
Apfelbaumes stehen blieb, ein wenig zu rasten, 
schlang sie die weichen Arme um ihn, und ihre 
Lippen suchten die seinen. Aber da fühlte sie einen 
Stoß, daß sie zurücktaumelte. Sie hörte noch sein 
zorniges „Dirne!" und sah ihn eilig davonschreiten, 
ihre Nähe fliehend. Leeren Blickes sah sie ihm 
nach. Sie mußte sich an den Stamm lehnen; 
müde war sie, und in ihrem Busen war's todteu- 
still. Nur ein nagender Schmerz begann sich darin 
zu regen. Tiefer schritt sie in den Wald; das 
Sonnenleuchten that ihr weh und Spott schien ihr 
der Frühlingssänger Jubel. Lange irrte üe im 
Walde, ohne- Thränen. 
Und plötzlich blieb sie stehen; ein harter Zug 
ging über ihr Antlitz. Was war denn schuld an 
allem? Woher ihr, der Göttlichen, solches Leid! 
Müd' und leise sühlte sie es im Busen pochen ... 
Das Herz? rannten ihre Lippen säst unbewußt. Und 
wild aufjauchzte sie: „Das Herz! ... O du Herz!" 
Und sie riß es heraus aus dem Busen imb trat das 
zuckende mit Füßen. „O du Herz! ... O du Herz!" 
Erst als es ganz stille lag, schritt sie davon, 
schritt mitten hinein in das Leben der Menschen. 
An einem Häuschen kam sie vorüber, welches Epheu 
umspann. Aus dem offenen Fenster drang eine 
zage Stimme: „Das Glück ist ja herzlos" — dann 
leises Weinen ... 
Sie hörte es und hocherhobenen Hauptes schritt 
sie hohnlachend vorüber, der Riesenstadt entgegen, 
deren von leichten Rauchwölkchen gekrönten Schlote 
am Horizont auftauchten. 
An der Stelle aber, wo das Herz sich verblutete, 
sprossen Blumen auf — herrliche Blumen, lies im 
Walde ... 
Gustav Friedrich Wilhelm Grostmanu 
-Umtut ein Gebiet der deutschen Kulturgeschichte ist int 
Laufe der beiden letzten Jahrzehnte derartig durchforscht 
und bebaut üvorden als dasjenige des Theaters. Mehrere 
Monographien über die Entstehung und Weiterentwicklung 
der Bühne in verschiedenen bedeutenden Städten sind er 
schienen, andere die Vergangenheit des deutschen Theaters 
erhellende Schriften, in erster Linie die von Professor 
Litzmann in Bonn herausgegebenen Publikationen haben 
wesentlich dazu beigetragen, Klarheit in mehrere noch 
zierillich dunkle Kapitel der Bühnengeschichte zu bringen 
und bedeutende Persönlichkeiten derselben in ein helleres 
Licht zu stellen. 
Trotzdem bleibt gerade in der aus eingehendster Quellen 
forschung beruhenden monographischen Darstellung solcher 
Mitglieder des deutschen Theaters, deren Wirken den all 
gemeinen Fortschritt desselben oder die örtliehe Entwicklung 
einer Bühne gefordert hat, noch viel zu leisten übrig. 
Wie sehr das Aufblühen der dramatischen Kunst oft von 
dem Eingreifen eines Einzelnen abhängt, das beweist auch 
wieder die vorliegende Schrift Joseph Wolter's über 
Grvßmann.*) Namentlich giebt die biographischeAbhandlung 
über diesen ein anschauliches Bild der Theaterverhültnisse 
in rheinischen und inainischen Städten am Ausgange des 
18. Jahrhunderts. In einzelnen Zügen freilich wäre 
*) „Gustav Friedrich Wilhelm Groszmann, 
ein Beitrag zur deutschen Litteratur- und Theatergesehichte 
des 18. Jahrhunderts." Jnaugural-Dissertation. Köln, 
Druck von Wilhelm Hoster, 1901. 
dieselbe noch zu ergänzen durch die gleiche Schilderung 
der Wirksamkeit der Theaterdirektoren March and und 
Böhm, deren Bedeutung zwar nicht auf der nämlichen 
Höhe wie diejenige Großmann's steht, immerhin aber doch 
groß genug ist, um das Gesammtbild der rheinischen 
Bühnengeschichte abzurunden und die neben Großmann's 
Thätigkeit gebliebenen Lücken auszufüllen. 
Obwohl über dieselbe in gedruckten Quellen seither schon 
manche, wichtige Mittheilung zusammengetragen war, so 
bot dies Material doch noch lange keine klare Ueberschan 
über das Leben des merkwürdigen Mannes, der durch 
seine literarische Bildung und genaue Kenntniß des Bühnen 
wirksamen nächst Dalberg am meisten dazu befähigt war, 
den jungen Schiller zu erkennen, und nach Kräften zu 
fördern. Um Großmann's Leben und Wirken so ein 
gehend als möglich zu schildern, hat Ur. Wolter neben 
der Benutzung der vorhandenen gedruckten Quellen die 
Archive und Bibliotheken der in Betracht kommenden 
Städte, vor allem aber den 2071 Nummern umfassenden 
Briefwechsel Großmann's, zur Kestner'schen Briefsammlung 
in Leipzig gehörig, genau durchgearbeitet und mit Glück 
benutzt. So hören wir zum ersten Male Näheres über 
Großmann's Lehr- und Wanderjahre, über seine erste 
Berührung mit der Bühne, seine frühesten dramatischen 
Versuche, seinen Uebergang von der juristischen Thätigkeit 
zur Bühne, sein Wirken in Frankfurt, Mainz und Köln 
und seine Berufung zum Direktor des Bonner Hoftheaters 
im November 1778. An der Hand sicherer Forschungen 
verfolgt Wolter seinen Helden Schritt für Schritt und
	        

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