Full text: Hessenland (15.1901)

Doch fast barsch fuhr es dem Mann heraus: 
„Glück? Schweig mir vom Glück — das Glück 
hat kein Herz!" 
Die Lauscherin erhob sich. Da waren sie richtig 
wieder bei ihr angelangt. Lachen wollte sie darüber. 
Aber das Lachen blieb ihr halb in der Kehle stecken. 
Das Glück hat kein Herz — das war so herb, so 
bitter, so verächtlich gesagt, daß sie nicht loskommen 
konnte davon. Im Grunde wußte sie ja nicht 
recht, was es bedeuten solle. Aber sie fühlte, daß 
sie etwas entbehrte, was die Menschen hatten, daß 
sie etwas vor ihr voraus hatten, diese thörichten 
kleinen Menschlein. Das ließ ihr keine Ruh'. Ein 
Gedanke löste den anderen ab im Schreiten. 
Und plötzlich stand sie stille, wie eine, die einen 
Entschluß gefaßt hat. Sie ließ die Gewandung 
niedergleiten, daß die herrlichen Schwanenschwingen 
frei wurden. Die spannte sie weit und flog — 
und flog, immer höher hinan zu den aufblinkenden 
Sternen. Die ganze Nacht hindurch flog sie. Kaum 
daß sie den Gruß der Morgenröthe erwiderte, die 
auf ihrem lichtlohenden Wagen einhergesaust kam. 
Und als der erste Sonnenstrahl die Erde küßte, 
die tief, tief unten wanderte, stand sie vor dem 
Beherrscher der Welten: 
„Allvater gieb, daß ich ein Herz habe." 
Milde blickte der Weltregent sie an: 
„Meine Tochter, weißt Du auch, um was Du 
bittest?" 
Sie schlug die Angen nieder. 
„Nein, aber ich bitte." 
Und Allvater nickte Gewährung. 
Froh ließ sie sich nieder, ein wenig auszuruhen 
von dem weiten Flug, und sie schlummerte ein. 
* * 
* 
Tiefe Nacht lag über der Menschen Wohnungen 
gebreitet, als das Glück die Erde wieder betrat. 
Und gleich ging es an sein gewohntes Werk. Es 
hatte ja einen Tag und eine Nacht wieder ein 
zuholen. Ob sich diese Versänmniß wohl lohnte? 
Es wußte, daß es nun ein Herz hatte. Aber davon 
war einstweilen noch nichts Besonderes zu spüren. 
Die eitlen Menschlein machten wohl zuviel Auf 
hebens davon. Und es schritt dem Dörfchen zu, 
durch das es vor wenigen Wochen erst gekommen 
war. Bei der ersten Hütte hielt es an. Da 
wohnte ein armer alter Weber, dem es schlecht 
genug ging. Es sah, wie er sich ruhelos ans 
seinem Lager wälzte; der Hunger scheuchte ihm 
wohl den Schlaf. Das sah das Glück — und 
wollte vorüber eilen. Aber es griff hinein in die 
Fülle seiner Gaben und streute über dem Schläfer 
aus. Dann schritt es hastig weiter, als ob es sich 
der Anwandlung schäme. Schritt vorüber, was es 
noch nie gethan, am Hos des jungen Großbauern 
und fand die Entschuldigung, daß der ja genug 
habe. Erst am andern Ende des Dorfes hielt die 
nächtige Wanderin inne und blickte zurück. Da 
sah sie in einem der letzten Häuschen ein trübes 
Licht flackern, und ihr siel etwas ein. Wohnte da 
nicht die arme Häuslerin, deren einzig Kind so 
krank gewesen, als sie jüngst vorüberschritt? Vor 
überschritt? Sie begriff es nicht. Sie begriff auch 
sich nicht mehr, als es wie Erschrecken durch sie 
hinging bei dem Gedanken: Wie, wenn es zu spät 
wäre jetzt — wenn es zu spät wäre nun. Zögernden 
Schrittes trat sie an die Hütte heran und blickte 
bang durch die halbblinden Scheiben in's Stübchen. 
Aber da saß die Mutter ruhig am Bette des still 
schlafenden Kindes, aus dem ihr Blick ruhte so 
innig, als könne sie sich nicht sattsehen an dem ihr 
Wiedergeschenkten. Ausathmend sank die Späheriu 
auf das an der Hütte aufgeschichtete Holz. Immer 
wieder zog es ihren Blick in's Stübchen; immer 
wieder raunten ihre Lippen: „Wenn es zu spät 
gewesen wäre?" 
Und mit einemmal stand all' das Elend vor 
ihr, an dem sie fühllos vorüberschritt in der Welt. 
Allenthalben tauchten aus dem nächtlichen Dunkel 
die Schemen vor ihr auf, bittend, anklagend, ver 
zweifelnd. Und als die Wanderin im Morgen 
grauen sich müde erhob und weiter zog — da hatte 
sie ihr Herz gefühlt. 
* * 
* 
Durch die Lande eilte das Glück, segnend ans 
seiner Fülle die Bedürftigen, weigernd nur Ueber- 
fluß den Satten, hilfreich den Fleißigen, aufrichtend 
die Leidenden. Denn es hatte die Menschen lieb 
gewonnen und ihr thörichtes Thun. 
Aber da war noch ein anderer, mit dem sie sich 
nicht zurechtfinden konnte — das war der Frühling. 
Wenn der mit vollen Händen streute, kam sie sich 
gering, fast überflüssig vor. Denn nicht minder 
als an ihren Gaben freuten sich so biete Menschen 
kinder an den seinen. Aber sie konnte ihm nicht 
zürnen deshalb. Nein, wenn sie ihren ersten Un- 
muth überwunden, hatte auch sie ihre Helle Freude 
an ihm und sah ihm fröhlich zu, wenn er seine 
Herrlichkeiten austheilte. 
So that sie auch heute. Am Waldesrande saß 
sie und ließ die Menschlein ihres Wegs vorüber- 
ziehn. Es war ihr so seltsam wonnevoll zu Sinn... 
O du balsamischer Dust, so süß und schwer! O du 
Lerchenjnbel und du Blüthenpracht im fluthenden 
Sonnenschein! — — — 
Alls der Ferne erklang eine frische Männerstimme. 
Manchmal verflogen die weichen Töne, um dann 
um so einschineichelnder sich ihr an's Ohr zu legen.
	        

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