Full text: Hessenland (15.1901)

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wie früher die Dichter, um ihnen zu huldigen, 
in ihren vier Wänden aufsucht, als besondere 
Sehenswürdigkeit einer Stadt, dafür aber öffent 
lich um so mehr getrommelt und der Ruhm an 
den Haaren herbeigezogen wird. 
Therese Huber scheute sich vor der Oessentlich- 
keit, und ihre Zurückhaltung ist um so bezeichn 
nender, als diese merkwürdige Frau sonst, eine 
Freundin der französischen Revolution, ungewöhn 
lich vvrurtheilsfrei, überlebhaft, thätig, energisch, 
zugreifend, nicht allzu rücksichtsvoll und vor Allem 
fast männlich kühn und tapfer erscheint. Trotz 
dem sie sich zeitlebens Alles selber erkämpft, Jahr 
zehnte lang mit der Feder ihr Brot verdient, 
ganz nur aus sich angewiesen, überall selbständig 
auftritt, will sie, die Redakteurin eines ausgezeich 
neten Blattes, des „Morgenblattes", als solche 
nicht genannt sein und zeigt sich den Ideen der 
modernen Frauenemanzipation nichts weniger als 
geneigt. 
Ihr Leben ^ wie es uns in Geiger's Buche, 
mehr noch aus den zahlreich mitgetheilten Brief 
stellen als aus der Darstellung des Herausgebers 
selbst entgegentritt, macht einen vorwiegend harten 
und düstern Eindruck, der nur durch ihr rastloses 
Vorwärtsdringen und Hindurcharbeiten durch 
schwere Hindernisse gemildert und endlich sogar 
zum erhebenden wird. Denn die edle Frau mit 
ihrem männlichen Geist und männlichen Muth 
und doch so vielen echt weiblichen Tugenden der 
Häuslicykeit, der Hingebung, Treue und Wohl 
thätigkeit, ringt sich gegen Ende ihres Lebens 
immer mehr zum freien Standpunkt einer heiteren 
Resignation unb selbstlosen Thätigkeit durch. Noch 
in ihrem letzten Lebensjahr schreibt sie das schöne 
Wort (S. 392): „Und wie gestört alles Gute 
auch wird, hindert uns Nichts, an unserem eigenen 
Gntwerden zu arbeiten." 
Diesen Eindruck des Geklärten erhält der Leser 
aber erst am Schluß der Lektüre, nicht nur, weil 
Klarheit das Ergebniß der Entwickelung selber 
ist, nicht, weil die Verhältnisse der früheren Lebens 
abschnitte allerdings verworren genug sind, sondern 
weil er vorher vielfach überhaupt kein recht klares 
Bild empfängt, selbst da, wo es nicht nur wünschens- 
werth, sondern auch entschieden möglich gewesen 
wäre. Die Schuld an diesem Mißstand scheint 
mir in der Anlage des Werkes begründet zu sein. 
Der Verfasser hat mehr die Materialien zu einem 
Buche als ein Buch selbst geliefert. Auf das 
Gründlichste werden die -Quellen namhaft gemacht 
fund doch läuft hier und da ein Irrthum mit 
unter), viele auch wiedergegeben, die Durcharbeitung 
aber des Ganzen ist stellenweise so wenig gelungen, 
daß man über ganz wesentliche Punkte im Un 
klaren bleibt oder allzu lange gelassen wird, 
während auf allerlei Unwesentliches viel zu viel 
Raum verwandt ist. Es hat nämlich die Absicht 
auf Seiten des Verfassers vorgelegen, weder eine 
bloße Biographie, noch auch eine bloße Brief 
sammlung zu bieten, sondern ein mixtum eom- 
positum aus beidem, wobei denn freilich das 
mixtum ein bloßes oomxo8itum geblieben ist. 
Immer wieder im Verlauf der Darstellung unter 
bricht sich der Verfasser und zieht sich hinter die 
langen Briefstellen seiner Heldin zurück, ungefähr 
wie in einer Schaubude der Besitzer erscheint und 
erklärt und dann immer wieder zur Seite tritt. 
Diese Art hat etwas Unkünstlerisches und Un 
befriedigendes, namentlich wenn gar die Zwischen 
bemerkungen Unklares nicht klarer machen. Das 
ist im Besondern bei der Geschichte von Theresens 
Ehescheidung der Fall. 
Therese, die Tochter des Philologen Heyne in 
Göttingen, hatte nach einer durch schweres (von 
ihr selbst schonungslos aufgedecktes) Familien 
unglück getrübten Jugend auf Wunsch ihres Vaters 
den berühmten Reiseschriststeller und Naturforscher 
Georg Förster geheirathet. Die Ehe war zu 
nächst nicht unglücklich, führte aber doch, noch 
bevor ein Jahrzehnt verflossen war, zur Scheidung. 
Was indessen der eigentliche Grund hierzu gewesen 
ist, da einerseits Förster seine Frau nach wie vor 
liebte, Therese ihren Mann in hohem Grad schätzte, 
während andererseits schon vor ihrer Hwirath 
Therese eine Neigung zu dem damals viel be 
kannten Schriftsteller Wilhelm Meyer hegte 
und später den Publizisten Ferdinand Huber, 
den früheren Bräutigam der Malerill Doris 
Stock in Dresden, liebgewann, das aufgeklärt 
zu haben, ist keineswegs das Verdienst der Dar 
stellung Geiger's, sondern seiner Mittheilung 
einer freimüthigen brieflichen Aeußerung Theresens 
gegen Böttiger ganz am Schluß des Buches (S.390). 
„Man glaubt", sagt sie dort, „und muß glauben, 
mich habe eine fremde Neigung Förster abwendig 
gemacht — das war nie der Fall." Sie giebt 
zu, daß sie Huber geliebt habe, spricht aber aus, 
daß diese Liebe nicht, wie Geiger bei der Schilde 
rung der Ehescheidung meint, der Grund zu ihrer 
Trennung von Förster gewesen sei. Und dieser 
Aeußerung ist offenbar weder der Verdacht einer 
Selbsttäuschung noch gar der einer Unredlichkeit 
entgegenzusetzen. Therese nennt dort auch den 
wahren Grund zur Scheidung, wonach ihr Fehler 
zwar ein Fehler bleibt, vielleicht aber ein un 
vermeidlicher genannt werden muß. „Ich befolgte", 
schreibt sie, „die große Moral aus Kosten der 
kleinen". In Wirklichkeit, dünkt mir jedoch, hat 
sie die kleine Moral auf Kosten der großen befolgt.
	        

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