Full text: Hessenland (15.1901)

Therese 
O bwohl Therese Huber nur sehr mittelbare Be 
ziehungen zu Hessen gehabt hat, einerseits als 
Frau Georg Forst er's, den sie aber erst nach 
seiner Berufung nach Wilna geheirathet hat, 
andererseits als Mutter des verdienstvollen Publi 
zisten und zeitweiligen Litteratur-professors in 
Marburg Viktor Aime Huber, so ist die 
Bedeutung der interessanten Frau doch groß genug, 
um ein selbst indirektes Verhältniß zu unserm 
Hessenland für eine Besprechung ihrer Persönlich 
keit und ihres Lebeus auch in diesen Blättern als 
ausreichend erscheinen zu lassen. Dazu giebt uns 
die im laufenden Jahre erschienene umfangreiche 
Biographie von Ludwig Geiger, dem bekannten 
Historiker, willkommene Veranlassung.*) 
Fragt man sich, ob eine so in's Einzelne 
gehende Lebensbeschreibung dem Werth dieses 
Lebens und der Frau, die es geführt hat, ent 
spricht, so muß man meines Erachtens unbedingt 
mit „Ja" antworten. Therese Huber tritt nun, 
nachdem sie bis jetzt weniger bekannt als genannt 
war, in die erste Reihe der hervorragenden Frauen 
gestalten aus der Zeit der vorletzten Jahrhundert 
wende. Es ist eine stattliche und imponirende 
Gruppe, zu der sie gehört. Karoline ist dabei, 
Nahet, Bettina, Henriette Herz und manche andere. 
Diese Frauen spielen eine eigenthümliche Nolle 
in der damaligen Zeit. Schöpferisch als Schrift 
stellerinnen und überhaupt mit ihrer Person treten 
nur die wenigsten in die Oesfentlichkeit. Sie 
sitzen wie in einer idealen Theaterloge und sehen 
dem Drama der Weltgeschichte zu. Sie loben 
und tadeln sehr eifrig, und ihre Kritik wird hoch 
gewürdigt. Zugleich aber können sie nicht in 
dieser kontemplativen Abgeschlossenheit verharren. 
Sie sind nicht wie der antike Chor, der ruhig 
zusieht und sein Gutachten abgiebt. Vielmehr 
greifen sie hier und da ein, leben immer mitten 
drin, und ihr Dasein ist angefüllt von Ereignissen, 
von Leidenschaften und Thaten. Spricht un§ nun 
Karoline mehr durch ihren seingebildeten, klaren 
und scharfen Verstand an, Rahel durch ihren 
sprühenden Geist und ihre leidenschaftliche Em 
pfänglichkeit, Bettina durch ihre poetischen Launen 
und ihre launenhafte Poesie, Henriette durch ihre 
äußerlich wie innerlich gleich harmonische, weib 
liche Schönheit und edle Ruhe, so ist bei Therese 
ihr kräftiger und tüchtiger Charakter als das bei 
weitein Anziehendste zu nennen. 
*) Therese H u b e r. 1764—1829. Leben und Briefe 
einer deutschen Frau. Nebst einem Bildniß von Therese 
Huber. VIII und 436 Seiten. Stuttgart (Verlag von 
I. G. Cotta's Nachfolger) 1901. 
Huber. 
Ungewöhnliche Gedanken und Urtheile auch bei 
dieser Frau zu entdecken, kann Niemanden über 
raschen, der ihre Zeit kennt. Denn rnan findet 
beim Studium jener Tage, daß auch Leute dritten 
und vierten Ranges, wie angesteckt von der Ge 
nialität der Großen, sich oft sehr bedeutend und 
eigenthümlich äußern. Es giebt Zeiten, wo große 
Gedanken gleichsam in der Luft liegen, wo die 
ganze Atmosphäre erfüllt ist von genialen Ideen, 
die Jeder mehr oder weniger einathmet, und die 
überall, wo sie auf Keime stoßeil, wie ein April 
regen befruchtend wirken. Mehr vielleicht wie je 
war dies in Deutschland gegen Ende des 18. und 
Ansang des 19. Jahrhunderts der Fall. Aber 
ein Charakteristikum unserer klassischen imd roman 
tischen Periode ist neben der Fülle, der Vielseitig 
keit und der Schöpferkraft der Erscheinungen das 
Ungesuchte und in gewissem Sinn Unpersönliche 
der Bewegung. Ganz im Gegensatz zu unserer 
Zeit, in der wir immer hören müssen, es finge 
nun ganz von vorne an, es müßte ein neuer 
Styl geschaffen werden (als ob das ans diese be 
wußte Art möglich wäre), und uns ängstlich vor- 
demonstrirt wird, was wir alles für große Künstler 
und Dichter besäßen, obwohl sie selbst schon genug 
für Reklame sorgen, stieß man damals mit fester 
Hand veraltete Formen um, war sich aber auch 
der sicheren Anknüpfung an das Wahre und 
Schöne der Vorzeit froh bewußt, schuf vor Allem 
wirklich Neues und Großes und hatte nicht das 
böse Gewissen, dem Publikum immer wieder vor 
zuhalten, was man denn eigentlich geleistet hätte. 
Nicht die Person war das Wichtige, sondern die 
Sache. Nicht um seinen Namen im Tempel der 
Unsterblichkeit anzuschreiben, strengte man sich an, 
sondern um dem Ganzen zu dienen, um erkannte 
Wahrheiten muthig und selbstlos zu vertreten, 
und nur deshalb suchte man auch seilte Persönlich 
keit zu wahren, zu bilden itnb zu behaupten, mit 
sie eben in deit Dienst der Sache stellen zu können. 
Daher aber auch der Mangel an banalem Ehr 
geiz und der geringe Werth, den man auf persön 
liches Bekanntsein und persönlichen Ruhm legte, 
selbst bei Schiller, dessen an sich schon unlogisches 
Wort, daß „von des Lebens Gütern allen der 
Ruhm das höchste" sei (da doch der „Leib" schon 
„in Staub zerfallen" ist), durch sein eigenes Leben 
und Lehren Lüget: gestraft wird. Zwar der be 
deutenden Persönlichkeit wurde ja damals bekannt 
lich ein förmlicher Kultus gewidmet, allein auch 
dies war umgekehrt wie jetzt, denn es geschah 
gleichsam hinter den Kulissen, nur privatim, 
während heutzutage, wo zwar kein Reisender mehr
	        

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