Full text: Hessenland (15.1901)

323 
dem das feurige entlaufen war. Als Hermann 
sah, daß sie sich entfernten, verließ er den Stall 
nnd das Wirthshaus und eilte in großer Ge 
fahr in einen Wald und entfloh ihnen so. 
Wildungen kam dann bald auf Hermann's Pferde 
sammt seinen Gesellen vor das Wirthshaus ge 
rannt. Um Mitternacht stiegen sie hier ab und 
suchten den Flüchtling, die Knechte mit gespannten 
Armbrusten, Wildungen mit gerauftem Schwert, 
stachen durch Bett, Heu, Stroh und anderes mehr. 
Weil sie ihn aber hier nicht finden konnten, rannten 
sie in das Feld, um nach ihm zu sehen. In der 
Nahe der Malstatt, wo sie die Reisenden zuerst 
angerannt hatten, fanden sie Herrn Ruprecht 
von Biedenseld in einem Busch oder einer Dorn 
hecke und nahmen ihn, nachdem er sich eine Zeit 
lang gewehrt, zuletzt gefangen. Dann hoben sie 
ihn auf seinen Maulesel, von dem sie ihn bei 
dem ersten Angriff heruntergeschlagen hatten, banden 
ihn und setzten ihm eine große Kappe, das Hinterste 
nach vorne gewandt, auf, als ob er ein Dieb 
wäre, und führten ihn mit sich fort. 
Herr Ruprecht besaß vom Landgrafen ein schrift 
liches Geleit, ein Jahr lang allenthalben in Hessen 
zu wandern, hatte Wildungen dies auch angezeigt, 
und doch drohte dieser ihn zu erstechen und führte 
ihn gebunden Tag und Nacht durch zwölf Meilen 
weit auf ein Schloß am Sindfeld*). Dort mußte 
er 14 Tage lang gefangen sitzen, bis er durch 
vielfältiges Schreiben des Erzbischofs von Mainz 
und des Landgrafen frei gelassen wurde. Als 
Wildungen deshalb von seinem Lehnsherrn, dem 
Landgrafen, zur Rede gestellt wurde, warum er 
sein Geleit an Herrn Ruprecht nicht gehalten habe, 
antwortete er, das wüßten viele, er habe der Zeit 
nicht aus jenen, sondern aus Hermann Schwan ge 
halten, worauf ihm der Landgraf wieder gnädig wurde. 
Hermann war am Morgen nach dem Ueberfall 
glücklich wieder nach Fritzlar entkommen. Der 
Verlust seines guten Pferdes ging ihm sehr nahe. 
Deshalb schickte er schon am nächsten Tage von 
Fritzlar aus Boten mit einer Schrift, um Johann 
von Wildungen zu Englis, Borken nnd Nassen- 
erfurt zu suchen und sein Pferd, wenn es noch 
unverletzt sei, zurückzuverlangen; Wildungen solle 
ihm dasselbe auf eigene Kosten am nächsten Tage, 
den 8. August, nach Fritzlar schicken. Wildungen 
wollte sich aber nicht finden lassen. Am 13. August 
schickte Hermann abermals und bat auch um Aus 
kunft, aus welcher Ursache Wildungen so gehandelt 
habe, da er es doch anders um ihn verdient habe. 
Auch warnte er ihn, seine Boten wieder so übel 
behandeln zu lassen, er würde es sonst mit denen 
*) Nördlich von der Diemel zwischen Marburg und Brilon. 
Wildnngen's ebenso machen. „Laß einen Boten 
einen Boten sein" hieß es im Briese. Als auch 
darauf nichts erfolgte, schrieb er ihm eine Heraus 
forderung zu, um sein Pferd mit Schwert und 
Kampf wieder zu erlangen. Er solle ihm 
binnen vier Tagen nach Amöneburg in Mußen 
Haus Antwort schicken, damit er am 25. August 
sich all dem von Wildungen zu bestimmenden 
Orte einfinden könne. Wenn eine befriedigende 
Antwort wieder ausbleibe, werde er seine Handlung 
genau, wie sie sei, in der Oeffeiltlichkeit schriftlich 
bekannt machen. Dazu fügte er drohend hinzu: 
„Wo ich deinen Schild, Helm oder Wappen finde,. 
darunter oder dabei dein Name geschrieben oder 
gezeichnet steht, will ich die durchhauen, stechen, 
vertilgen und meinen dagegen machen lassen." 
Der Junker schickte ihm aber weder das Pferd 
noch eine Antwort, und am 9. September 1522 
setzte Hermann einen offenen Brief auf, in dem 
er den ganzen Vorgallg eingehend schilderte und 
Johann von Wildungen mit Einschluß seiner 
beiden Verwandten als eingefleischte Bösewichter, 
ehrlose Straßenräuber und mit ähnlichen Aus 
drücken bezeichnete. Mit witziger Anspielung aus 
die Hackmesser in ihrem Wappen nannte er sie 
auch verwegene, treulose Fleischverkäufer, die ihn 
gerne auf die Fleischbank geliefert hätten. 
Weil seine Herausforderung nicht angenommen 
war, schrieb er: „Sie sind alle drei nit so erlich 
und redlich herkamen, auch von vatter und mutter 
geborn, das ir einer anff diesen heutigen tag 
lloch zwischen hier und Samt Michelstag (29.Sept.) 
den kämpf, so ich Joh. v. W. vormals zugeschriben, 
voll mir durst annemen und denselben gen Frideburgk 
iil der Wederauw dem Wirt zur Reusen znschriben 
und schicken, dem ich bevolheil, mir fürter zu über 
senden. Wo sie aber wollen sagen, ich sott nit 
gut gniig sein, mit ir einem einen kämpf zu 
schlagen, wie sie vor dieser zeit gethan haben, 
denn ich sei kein Edelmann, so traw ich zu be 
weisen , das ich mein tag redliches und erlicher 
(sonder rühm zu sagen) gehandelt und gelept 
habe, denn sie gethan." Weiterhin heißt es: 
„Darumb bit ich, wer ir schilt, Helm oder wapell 
findet mit zweien Hackniessern in einem gelben 
Felde, dabei der dreien namell angezeigt, woll 
inen das durchhauen" u. s. w. 
Den Brief ließ Hermann drucken und mit 
seinem Siegel versehen, in Hessen, wo es anging, 
besonders aber zu Fraukfilrt während der Messe, 
zu der voll weit lind breit die Lellte gezogen 
kamen, verbreiten und öffentlich anschlagen. Wil- 
dnngen, der gegeil diese öffentliche Bloßstellung 
etwas thun mußte und darin im Vortheil war, 
daß Schwan verbannt und in Ungnade war, ver-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.