Full text: Hessenland (15.1901)

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Abwesenheit des Rentmeisters, er wissentlich die 
Buhlerin gewähren ließ, sie auf der That zu 
überraschen, auszuheben und ihr schamloses Treiben 
der Oesfentlichkeit preiszugeben. Der Beweis 
gelang, aber das verschlagene Weib wußte den 
Umstand, daß ein Fenster durch Hermann ein 
geschlagen war, gegen ihn auszunutzen, und ihr 
Mann, der am nächsten Tage von der Reise 
zurückkehrte, verklagte Tags darauf, am 7. April 
1522, Hermann beim Landgrafen wegen Ehren 
kränkung seiner Frau und bat, ihn in Stille 
alsbald gefangen zu setzen. Hermann war zwar 
noch zeitig entflohen, aber damit zugleich aus 
seinem Vaterland verjagt, und sein Gut, das er 
besaß, und sein Uatrirnonium bei seinem Vater 
wurden mit Beschlag belegt. Durch Vermittlung 
guter Freunde erbot er sich dann wiederholt 
schriftlich und mündlich gegen den Landgrafen, 
über alle Anklagen genügende Antwort Zu geben, 
damit er zurückkehren könne und den großen Ver 
lusten, die sich schon über 1000 Gulden beliefen, 
Einhalt geschehe. Alles war vergeblich. 
Noch ein anderes abenteuerliches Erlebniß 
Hermann's, das einige ähnliche Züge wie die 
Geschichte von Johann Kohlhaas aufweist, machte 
mit seinen Weiterungen die Lage Hermann's noch 
verwickelter. Die Darstellung beruht in der Haupt 
sache auf Hermann's eigenen Angaben, ein ein 
gehender Bericht der Gegenpartei liegt nicht vor. 
Nachdem er aus Marburg und ganz Hessen hatte 
fliehen müssen, war er nach Sachsen gegangen. 
In Leipzig hielt er sich Geschäfte halber ans. 
Sicher schon vor Weihnachten 1522 war er 
Bürger in Torgau*) und mit einer Katherina 
verheirathet. Seinem Bruder Johann, der 1522 
nach Wittenberg kam, war er damit sehr nahe 
gekommen; von einer Begegnung der beiden 
Brüder hören wir aber nicht. Im Juli oder 
Anfangs August 1522 unternahm Hermann 
eine Geschäftsreise seiner Kaufhandlung halber 
von Leipzig nach Frankfurt a. M., wahrscheinlich 
zur dortigen Herbstmesse, die gegen Ende August 
beginnt. Hessen konnte oder wollte er dabei nicht 
umgehen, er mußte sich aber, weil er wegen der 
Marburger Angelegenheit flüchtig war, vorsehen, 
daß er nicht verhaftet würde. So weit es daher 
möglich war, reiste er in Hessen durch nicht land 
gräfliches Gebiet und kan: so auch am 5. August 
nach der mainzischen Stadt Fritzlar, wo er die 
Nacht über blieb. Als Herr Ruprecht von 
Biedenfeld, ein Mainzer Domherr, der gerade 
in Fritzlar anwesend war, davon hörte, daß Her 
*) Aus dem Torgauer Stadtarchiv konnte nichts über 
ihn in Erfahrung gebracht werden. 
mann Schwan nach Frankfurt reiten wolle, erbot 
er sich heimlich ans besonderem Wohlwollen, ihm 
Gesellschaft zu leisten; er wolle auch, wenn es 
ihm gelegen sei, dafür sorgen, daß das Thor, 
welches in der Nacht verschlossen war. geöffnet 
würde. Hermann nahm diese gute Gesellschaft 
an, und Mittwoch am 6. August wurden sie 
nebst Johann Diederich Burgemeister und einem 
ans Wetter des Abends um 9 Uhr aus der Stadt 
gelassen und ritten mit einander fort. Hermann 
und der Domherr wollten zunächst nach Amöne 
burg. Als sie ungefähr eine Meile Weges ge 
kommen und im Fürstenthum Hessen ans einer- 
freien Reichsstraße ritten, brachen — es war 
Abends zwischen 10 und 11 — Plötzlich vier 
wohlgerüstete Männer zu Pferde mit Armbrusten 
und Harnischen, ohne Bescheid von ihnen zu be 
gehren, gegen sie hervor. Es war der Lehnsmann 
und Diener des Landgrafen, Ritter Johann 
von Wildungen zu Nassenerfurt. Hermann 
hörte später von Hunderten sagen, daß dessen 
Bruder Kaspar, der damals Domherr in Fritzlar 
war, sie verrathen habe. Den Zweck des Ueber- 
falls sah er darin, daß Johann von Wildungeu 
sich durch seine Auslieferung einen Hofdank 
verdienen wollte. Er hatte früher nie Feindschaft 
mit den Wildungen gehabt. Unter den drei Be 
gleitern des Ritters befand sich auch der Sohn 
von dessen Vetter Jost, Namens Henrich, der, wie 
Hermann sagte, hier als Straßenrüuber angelernt 
wurde. Um seine Reisegenossen, die ungerüstet 
waren, darunter auch zwei junge Knaben, aus 
der Gefahr zu bringen, wies Hermann sie an, 
sich in Sicherheit zu bringen, und setzte sich selber 
allein gegen die vier zur Wehr. Wildungen und 
die Seinigen ritten aus ihn los und suchten ihn 
mit Fausthämmern und gespannten Armbrusten 
über das Pferd herunterzuschlagen. Als ihnen 
dies aber nicht gelungen war, hatte Heruiann 
einen günstigen Augenblick ersehen, um der Ueber- 
macht auf seinem Pferde zu entkommen. Indem 
nun die vier ihn verfolgten und Wildungen ihm 
dabei ganz nahe kam, gab er diesem einen Schlag, 
daß er mit seinem Gaul zu Falle und unter 
demselben zu liegen kam. Er wollte ihm noch 
eins oder das andere gegeben haben, aber die 
drei Gesellen waren auch wieder bald an ihm, 
daß er von Wildungen ablassen mußte und mit 
Gewalt in's Dorf Arnsbach davonritt. Hier fiel 
er vor Erschöpfung vom Pferde, das er nun, so 
hart es ihm auch ankam, — er hätte es nicht 
für 100 Gulden hergegeben — seinen Feinden 
preisgeben mußte. Zunächst verbarg er sich im 
Wirthshausstall. Die Knechte fingen aber sein 
Pferd ein und brachten es ihrem Hauptmann,
	        

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