Full text: Hessenland (15.1901)

M 23. 
Gedichte von 
ßerbstlied. 
Es fährt ein Heller Freudenstrahl 
Bis zu des Schlosses Spitzen, 
Die tausend Fenster funkeln zumal 
Und die goldenen Kuppeln blitzen. 
Und drunten blinkt der schnelle Fluß 
In eilendem Entweichen, 
Wenn über den mächtigen Wogenguß 
Die spielenden winde streichen. 
Dazu der Wassersturz erschallt 
In mächt'gen Donnerchören; 
Wie läßt er brausend durch den Wald 
Sein Freudenloblied hören! 
Es ist, als wolle vor Winters Dräu'n, 
Eh' Sturm und Schnee sich jagen, 
Noch einmal die alte Erde sich freu'u 
In wonnigem Behagen. 
Ls ist, als lade weit und breit 
Natur zuin fröhlichen Feste 
Nor langer, trauriger Winterszeit 
Uns arme Lrdengäfte. 
Und daß uns ihre Ladung trifft, 
Läßt sie von allen Höhen, 
Läßt sie auch drunten auf grüner Trift 
Die Fahnen flattern und wehen. 
Als Freudcnfahnen gelten zumal 
Die bunten Blätter am Baume, 
Die weißen Sonunerfäden im Thal, 
Die Wölkchen am Himmelsfaume. 
Nur von des Schlosses Thurme still, 
Da winkt ein schwarzer Streifen, 
Der in des Herzens Jubel will 
Mit ernster Mahnung greisen. 
Kassel, 2. Dezember 1901. 
Ernst Ko«ch? 
Der finst're Arin ward ausgereckt, 
weil in des Schlosses Hallen 
Der Tod einen Menschen hingestreckt, 
Line Eiche gebracht zum Fallen. 
Mich aber mahnt das schwarze Tuch 
An hingeschwundene Jahre, 
wie ich geweint um der Menschheit Fluch 
An meiner Freude Bahre. 
Was führst du meine Seele fort 
vom vollen Freudenreigen, 
Und lässest sie am düstern Drt 
Ueber einsame Gräber steigen? 
So lang das Laub noch unzcrstückt, 
Noch lustig rauscht im Winde, 
Nicht frag' ich, ob ich's morgen gepflückt, 
Zerstreut am Boden stnde. 
Vrr alte Spiclmaiiii. 
Es blühet und duftet der Liudenbanm, 
Die Alten sitzen im Kreise, 
Es jauchzen die Bursche und schwingen die Dirn, 
Es tönet die lustige weise. 
Das Auge blitzet, die Wange glüht, 
Es schäumet der Trunk im Glase, 
Die Mädchen kichern einander in's Ghr, 
Die Buben kollern im Grase. 
Der greise Spielmann steht allein 
Und geiget unverdrossen, 
Und während dem Geigen ist es wie Thau 
Ihm über die Wangen geflossen. 
Und unbemerkt von der jubelnden Schaar 
Ist die Thräne zur Erde gesunken, 
Es sah sie nur das Abendroth, 
Das lächelnd sie getrunken. 
XY. Jahrgang. 
') vergl. voriges tzeft S. 303.
	        

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