Full text: Hessenland (15.1901)

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Den größten Theil nehmen natürlich die Spricht 
Wörter über die Hessenblindheit ein, der zehn 
Nummern gewidmet sind. Der hier gegebene 
Erklärungsversuch befriedigt indessen nicht. Dem 
Verfasser scheint die darüber existirende Literatur 
nicht hinreichend bekannt zu sein. Jakob Grimmas 
Deutungsversuch in seiner „Geschichte der deutschen 
Sprache", die bekannte Stelle aus Möser's 
Werken 5, 26, Vilmar's Erklärung in seinem 
Idiotikon (unter „Blind" und „Hessen"),V.Jakobi's 
Schrift „Die blinden Hessen" (1865), namentlich 
aber F. Wiesenbaus geistvolle sprachlich-heral 
dische Studie „die blinden Hessen" (Hamburg 1891) 
hätten wohl herangezogen werden müssen. Statt dessen 
vertritt Küffner die ziemlich einseitige Annahme, 
daß die Hessenblindheit von einer alten Stamm 
sage herrühre, laut deren die Hessen von Hunden ab 
stammen sollen, und möchte das Wappenthier der 
Hessen demnach als Hund gedeutet wissen, ohne 
sich weiter um eine Erklärung des zweiten Theils 
des Sprichwortes zu bemühen. Uns scheint Wiesen- 
bach's Hypothese einleuchtender. Danach wird 
das Wappenthier nicht als Hund, sondern als 
Katze d. h. als Löwe bezw. eine Löwengattung ge 
deutet und der Grund, warum gerade dem Hessenvolk 
das Blindsein beigelegt wird, im Namen Hesse, 
nicht in irgend einer besonderen Eigenschaft oder 
Eigenthümlichkeit des Volksstammes gesucht. Da 
der Löwe — wie der Tiger, Panther und Leo 
pard — nur einen Sonderschlag des allgemeinen 
Katzengeschlechts bildet und der Name aller Katzen 
arten und somit speziell des Löwen bei den Ur 
vätern das, hat, hass, katt*) gelautet haben kann, 
ehe er durch den von dem römischen leo über 
kommenen Löwen verdrängt wurde, berechtigt uns 
dieser Umstand zu der Annahme, unter der Be 
nennung katze, hass, katt den Löwen oder eine 
Löwengattung zu begreifen und weiterhin, daß der 
Volksstamm der Hesseil von dieser Bezeichnung 
seines Wappenthieres seinen Namen erhalten habe. 
Daraus würde sich dann auch der Name Katzen 
an Stelle des Wortes Hessen als Bezeichnung der 
Zugehörigkeit zum Hessenland in Ortsnamen wie 
Katzensurt (Kreis Wetzlar), Katzen-Eschbach (Kreis 
Usingen), Katzenellnbogen (Kreis Untertaunus) leicht 
erklären lassen. 
*) Die Jndentitüt der Namen Chatten und Hessen 
sucht Wiesenbach (entgegen der Ansicht Vilmar's) S. 33 ff. 
nachzuweisen. Vgl. hierzu noch die neueren Forschungen 
Wilhelm Braune's in den „Jndogerm. Forschungen" 
(herausgeg. von Brngmann und Streitberg), Bd. IV, 
S. 341—351 und Hermann Möller's in der „Zeitschr. 
f. deutsches Alterth". Bd. 43, S. 172—180, der gegen 
Braune's Ansicht die Jndentitüt der beiden Volksnamen 
vertritt. 
Die Bezeichnung der Hessen als „blinde Hunde", 
„blinde Hundehessen", wie sie noch im 16. Jahr 
hundert eristirt und woraus später unter Weg 
lassung des einen Subjekts „blinde Hessen" ge 
worden sein mag, bezieht sich dagegen, wie Grimm 
(Deutsche Mythologie, 2. Ausg. S. 346) angedeutet 
und in seiner „Geschichte der deutschen Sprache" 
S. 566 ausgeführt hat, auf eine alte mythologische 
Stammsage, die allmählich in Vergessenheit gerieth. 
Hierdurch wird bei Küffner die sprichwörtliche 
Redensart unter 287a erklärlich, während die fünf 
folgenden verständlicher in Anwendung aus die 
Katze erscheinen, da diese allerdings mit dem Hund 
die Eigenheit blind geboren zu werden und bis 
zum neunten Tage blind zu bleiben und ferner die 
Anhänglichkeit an den Menschen gemeinsam hat. 
Da fernerhin die Redensart wie „Katze und Hund" 
zusammenleben mitgespielt haben mag, so darf es 
nicht befremden, wenn Gegenüberstellungen von 
blinden Hunden und blinden Katzen, von (Hessen-) 
Katzen-Hunden und Hunde-Katzen (-Hessen) vor 
kommen. Diese Thatsache führt uns zu der von 
Küffner und bereits von Grimm ausgesprochenen 
Annahme zurück, daß der sprichwörtlichen Be 
zeichnung „Blinde Hessen" eine uralte mytho 
logische Stammsage (die sich übrigens auch in 
Schwaben sindet) zu Grunde liege; nur möchten wir 
diese nicht auf den Hund beziehen, sondern aus die 
Katze, d. h. den Löwen,, das Banner- und Wappen 
thier des Hessenlandes.*) Alle andere Ableitungen, 
wie die von dänisch hess „Pferd" oder gar die 
JacobLs, der den Namen Hessen von hahsa-poples 
ableitet, weil — Werra und Fulda eine hahsa 
bilden (!), sind abzuweisen. 
Demnach würde Küffner^s Eintheilung der in 
Nr. 287 zusammengefaßten Sprichwörter besser in 
die drei aufeinanderfolgenden Gruppen I.a, II.b, c, d, 
e, f, III. g, h, i, k, zu ändern sein. Von diesen 
dürste I.a die älteste sein, aus welcher dann wieder 
II. b, c, d, e und später, als in dem Wort Hessen 
die Bedeutung als Thiername verloren ging und 
mau größereu Nachdruck aus das „blind" legte, 
III. g, h, i, k, in übertragenem Sinne für einen 
Ungeschickten, einen blinden Tölpel, der nichts sieht, 
hervorging. Daß letztere Bedeutung die jüngste ist 
und daß die unter I und II zusammengefaßten 
Sprichwörter noch nichts von einem schmähenden Sinn 
an sich hatten, beweist die Thatsache daß weder 
Sebastian Frank in seinem Weltbuch, noch Jo 
hann F i s ch a r t im Gargantua und in der Praktik, 
welche beide die ungünstigen Bezeichnungen der 
*) Einschließlich der Wetterau und der Nassanischen 
Lande. Darum fübrt nicht das hessische Fürstenhaus 
allein, sondern führen auch die Häuser Solms und Nassau 
den Löwen im Wappen.
	        

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