Full text: Hessenland (15.1901)

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und bestand im Sommer 1873 zu Kassel die 
Neferendarprüfung mit der Note „gut". Im Jahre 
1878 zum Gerichtsassessor ernannt, wurde er anfangs 
bei dem Amtsgericht zu Kassel, dann bei dem zu Hers- 
seld beschäftigt, bis er am 20. November 1878 im 
Alter von 261/2 Jahren als Amtsrichter nach 
Weyhers versetzt wurde. Hier blieb er bis zum 1. Mai 
1885. Einem besonderen Wunsch seiner nächsten 
Verwandten folgend, die fast ausschließlich zu Kassel 
wohnten, trat er aus dem Staatsdienste aus, um 
zur Landesverwaltung überzugehen und seinen bis 
herigen Wohnsitz mit dem zu Kassel zu vertauschen. 
Mehrere Jahre als Mitglied des Direktoriums 
der Landeskreditkasse beschäftigt, trat er am 1. Januar 
1892 zur Centralverwaltung über und erhielt zu 
gleich den Titel „Landesrath". Am 15. Mai 1879 
hatte er sich mit Hedwig Schmidt, einer Tochter 
des ehemaligen Kurfürstlichen Leibarztes und Hos- 
raths Dr. Schmidt zu Kassel, vermählt, aus welcher 
Ehe drei noch lebende Kinder, ein Sohn und zwei 
Töchter, hervorgingen. Ein tückisches und unheil 
bares Leiden befiel vor wenigen Jahren seine früher 
so lebensfrohe und gesunde Gemahlin, und Zuschlag 
selbst wurde von einem schweren Magenleiden heim 
gesucht, in Folge dessen er sich einer lebensgefährlichen 
Operation unterziehen mußte, deren glücklicher Er 
folg allgemeines Aufsehen, selbst in medizinischen 
Kreisen, erregte. Den kaum Genesenen traf leider 
bald ein neuer Schicksalsschlag. Am 26. Januar 
1900 verschied seine treue Lebensgefährtin, auf 
deren Genesung er noch immer gehofft hatte, und 
nach einiger Zeit wiederholte sich sein altes Leiden, 
dem er am 6. Oktober erlag. Unter zahlreicher 
Betheiligung seiner Verwandten, Freunde und Be 
kannten fand am 9. Oktober seine Beerdigung statt, 
bei welcher Pfarrer Dr. Heußner eine des Ver 
ewigten würdige Trauerrede hielt. 
Zuschlag war ein liebenswürdiger, überall gern 
gesehener Gesellschafter. Bescheiden und zurück 
haltend in seinem Auftreten, dabei vornehm in 
seinem Wesen und Denken, freundlich gegen jeder 
mann, milde in seinem Urtheil, hat er wohl niemals 
zu einer ihm feindseligen Gesinnung gerechtfertigten 
Anlaß gegeben. Im amtlichen Verkehre war er 
sehr angenehm, zuvorkommend und stets leicht zu 
gänglich. Wo und wann er sich jemandes an 
nehmen konnte, that er dieses mit der größten 
Bereitwilligkeit. Stets zur milden Auffassung einer 
Sache geneigt, war er scharfen Maßregeln abhold. 
Als ein außerordentlich fleißiger Beamter hat er 
oft auf Erholungsurlaub verzichtet. Ave pi;i anima! 
M. K. 
— 
Kessrsche Müctzerrschcru. 
Die Deutschen im Sprichwort. Ein Beitrag 
zur Kulturgeschichte von Dr. G e o r g M. K ü s f n e r. 
Heidelberg, Karl Winter's Universitätsbuch 
handlung. 1899. 
Eine lehrreiche Sammlung von deutschen und 
fremdländischen Aussprüchen über deutsche Volksart 
bietet uns der Verfasser in vorliegendem Werk. 
Eine „populär estimate“' soll es sein, ein Schätzungs 
bild unseres Volkes und unserer Stämme. In 
der That sind die Sprichwörter von großem völker 
psychologischem Werthe. Sie sind wichtig für die 
Beurtheilung unseres geschichtlichen Verhältnisses zu 
andern Völkern und Nassen Europas und lehren 
uns national-politische Gegensätze vom Stand 
punkt Pes naiv rückhaltslosen Volksgemüthes aus 
betrachten. 
Neben den Deutschen als Gesammtvolk werden 
auch die einzelnen deutschen Stämme in alpha 
betischer Reihenfolge behandelt, und hier sind es 
neben den Schwaben, die am meisten mitgenommen 
werden, namentlich die Hessen, die reich bedacht 
sind. Aber es ist mehr Günstiges als Ungünstiges, 
was über sie gesagt wird, und der Verfasser ist 
entschieden im Irrthum, wenn er die Bezeichnung 
„Blinder Hesse" unter der Rubrik „Ungünstiges" 
anführt. Charakteristisch und bedeutungsvoll ist 
gleich das erste Sprichwort, das die Hessen von 
sich selber sagen sollen: „Wir sind Hessen, wir 
lassen uns nicht fressen". Aus den Muth und 
die Tapferkeit bezieht sich ferner das aus dem 
dreißigjährigen Kriege stammende: „Die Hessen, die 
besten". Die Thatkraft, Ausdauer und Genügsamkeit 
unseres Stammes sind ausgedrückt in dem Sprichwort: 
„Wo Hessen und Holländer verderben, 
Wer wollte da Nahrung erwerben!" 
Aus frühere Streitigkeiten mit benachbarten 
Stämmen gründet sich: „Draus los! es ist ein 
Hesse!", das auch im Plattdeutschen als: „Drup, 
et is en Hesse!" existiert. Vom bösen Hausen 
der hessischen Soldaten im dreißigjährigen Kriege (?) 
soll der Vorwurf des Diebstahls -gegen die Hessen 
herrühren: 
„Wo ein Hesse in ein fremdes Haus kommt, 
So zittern die Nägel an den Wänden." 
Uns scheint jedoch das Sprichwort eher ein Be 
weis für den alten Kriegsrnhm der Hessen zu sein. 
Aus den Jähzorn und die Hitzigkeit spielt an: 
„Speirer Wind, 
Heidelberger Kind, 
Hessen-Blut 
Thun selten gut."
	        

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