Full text: Hessenland (15.1901)

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nur seiner Kunst und archäologischen Studien. 
Ein kleines meisterhaft ausgesührtes Bild, „die 
heilige Elisabeth auf ihrem Sterbelager," ist un 
bedingt das Beste unter allen damaligen Kasseler 
Malereien. Die Legende dieser Heiligen, welcher 
der Akademieprosessor Müller einen besonderen 
Kult gewidmet hatte, beeinstußt durch den ihm 
befreundeten ultramontanen Grafen Monta- 
lembert, war fast zum orthodoxen Thema für 
die Schüler geworden. 
Ein einflußreicher Freund und Verehrer seines 
Talents verschaffte endlich Gunkel einen Auf 
trag aus ein großes historisches Gemälde für 
das Maximilianeum in München und hob ihn 
für die Zeit über alle Sorgen hinweg. Das Bild 
wurde in Nom gemalt, aber man hatte das 
Können des Künstlers überschätzt, die Aufgabe 
überstieg seine Kräfte, und die Lösung fand nur 
sehr bedingten Beifall. Wohl mag das Bewußt 
sein unzureichender Kraft in dem Künstler eine 
immer wachsende Verstimmung erzeugt haben, er 
verzweifelte an sich und griff endlich zur Mord 
waffe. 
Ein Kasseler Kind war der begabte Genre- 
uud Landschaftsmaler A. von Wille, den es 
aber auch nicht lange in der Vaterstadt litt. Er 
ging nach Düsseldorf, und in rascher Folge ent 
standen dort seine prächtigen lebensvollen Bilder, 
die ihm Ruf und Ansehen verschafften. Vorüber 
gehend lebte Wille in Weimar, wohin er an die 
Kunstschule berufen war. Der Kasseler Kunst 
verein besitzt eines seiner besten Bilder, ebenso eine 
großartige Landschaft von Professor E. Stiegel, 
der als Lehrer an der Kasseler Akademie lange 
Zeit erfolgreich thätig war. 
Die hiesige Gemäldegallerie enthält eine Anzahl 
von Kopien nach italienischen Meistern des oinguo 
oento, hauptsächlich Rafael und Tizian, die unser 
Landsmann, der Maler E. Jhlae, während 
seines langen Aufenthalts in Italien geschaffen. 
Die Treue der Wiedergabe, besonders die exakte 
Zeichnung, ist bewuudernswerth, nur was Farbe 
betrifft, stehen sie hinter den Originalen zurück, 
es ist, wie ein Kenner sagte, „kein Blut" in diesen 
Gestalten. 
Wenig an die Oeffentlichkeit mit seiner Arbeit 
trat Professor Ludwig Grimm*), der jüngere 
Bruder der berühmten Germanisten, der der 
Kompositionsklasse an der Akademie vorstand. 
Vielleicht ist älteren Lesern noch ein Bild er 
innerlich, welches im Anfang der vierziger Jahre 
auf der Kunstausstellung großen Beifall _ hatte 
und eine „Mohrentaufe" darstellte. Sehr srucht- 
*) Vgl. „Hessmland" lfd. Jahrgang S. 240 ff. it. 258 ff. 
bar war Grimm als Radirer, und man verdankt 
ihm viele Portraits feiner hervorragenden Zeit 
genossen ,. deren Züge uns vielleicht aus jener 
vorphotographischen Zeit nicht erhalten worden 
wären. 
Von Kasseler Portraitmalern in damaliger Zeit 
sei zunächst als ein wirkliches Talent C. Glinzer 
erwähnt. Unter allen Rivalen ragte er hervor 
als Kolorist. Zu seinen größeren Gemälden 
wählte er meist Vorgänge aus der biblischen 
Geschichte. Aber mit der flotten Malerei hielt 
die Zeichnung nicht Schritt, die manchmal die 
tollsten Fehler auswies. Er pflegte viel zu 
experimentiren mit Oelen und Firnissen, was 
leider manchen seiner trefflichen Gemälde zum 
Verderben wurde. 
Eine Zeit lang studirte auf der Kasseler- 
Akademie Gustav Süs aus Rinteln, der sich 
mit aller Liebe in das Studium der Hühner- 
und Entenwelt versenkte, die er mit einem alle 
Welt erheiternden Humor und Witz zu schildern 
wußte. Ein kleines Bild, ein eben aus dem Ei 
kriechendes Küchel darstellend, hatte einen immensen 
Erfolg. In Düsseldorf, wohin er ging, kam 
Süs bald zu Ansehen und Erfolg. Er war das 
belebende Element der Malergesellschaft, im Mal 
kasten bei den Festen unentbehrlich und ein Poet 
von nicht gewöhnlicher Begabung. 
Ein ganz eigenartiges Talent war der früh 
verstorbene Heinrich Faust. Die Farbe war 
sein Element, er liebte seine Köpfe auf Goldgrund 
zu stellen und wußte dann das Kolorit zu einer- 
reizvollen Zartheit zu tönen. Gedichten entnahm 
er gern Stoff zu seinen Bildern, Märchenscenen 
in phantastischer Beleuchtung, aber unklar in der 
Bedeutung. Auch in seine Landschaft wußte 
er eine poetische Stimmung zu bringen. Die 
Kasseler Gemäldegallerie besitzt mehrere feiner 
Bilder. 
In München hatte sich der Kasseler Dallwig 
mit seinen Gebirgslandschaften einen klangvollen 
Namen gemacht, er hatte sich ganz dort eingelebt. 
Auch unser Landsmann Karl Arnold verließ 
früh die Vaterstadt, um sich in Berlin nieder 
zulassen, wo er Hofmaler wurde. 
Vergessen sei nicht, wenn von Kasseler Künstlern 
die Rede ist, eine liebenswürdige Persönlichkeit, 
der „alte Kr aus köpf". Hoch oben in einer 
bescheidenen Mansardenwohnung der Karlsstraße 
hatte der treffliche Zeichenlehrer seine Werkstatt, 
wo er eine kleine Schaar von Schülern und 
Schülerinnen unterrichtete. Es lebte etwas in 
ihm von dem Geiste der strengen David'schen 
Schule, die seine Lehrmeisterin gewesen; selbst zu
	        

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