Full text: Hessenland (15.1901)

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illjclm Grotefend t- 
m it tiefem Schmerze theilen wir unsern Lesern 
die Trauerkunde mit, daß am Mittwoch 
den 16. Januar, Abends 10 3 /4 Uhr, unser all 
verehrter Leiter des Blattes, Dr. Wilhelm 
Grotefend, infolge eines Herzschlages nach eben 
vollendetem 44. Lebensjahre Plötzlich verschieden ist. 
Was dieser schwere Verlust 
für uns bedeutet, kann nur 
der ganz ermessen, der die 
Verdienste des Verblichenen 
um das „Hessenland" kannte 
und die Anfänge dieser Zeit 
schrift miterlebt hat; der mit 
angesehen hat, wie er dieses 
Blatt sechs Jahre hindurch 
mit unermüdlichem Fleiß und 
großem Geschick geleitet und 
im Sinne des Begründers des 
selben,Ferdinand Zwenger, 
zu dem gemacht hat, was es 
hat sein wollen, eine für die 
Erhaltung unseres hessischen 
Volksthums unentbehrliche 
Pflegestätte heimathlicher Ge 
schichte und Literatur unter 
Fernhaltung aller politischen 
und religiösen Streitigkeiten. 
Gestützt auf seine reichen 
geistigen Gaben, gestützt auf 
seinen rastlosen Fleiß und 
Dr. Wilhelm 6rotefcnd 
einen klugen, weiten Blick, hat der Verstorbene 
mit einer bewunderungswürdigen Selbstlosigkeit 
seine ganze Manneskrast und sein bestes Wissen 
itt den Dienst dieser Bestrebungen gestellt und sie 
mit seltener Liebe und Hingebung gepflegt. Nun 
hat ein früher Tod seine Lebensarbeit jäh abge 
brochen und hat eine Lücke in die Reihe der 
Förderer dieser Zeitschrift gerissen, die nie wieder 
auszufüllen sein wird. 
Der Lebensgang des Dahingeschiedenen war 
wie sein ganzes Wesen schlicht und einfach. 
Wilhelm Grotefend wurde am 15. Januar 1857 
zu Scheesel im hannoverschen Kreise Rotenburg 
als Sohn eines Pfarrers geboren, der bald darauf 
nach Escherode, einem lauschig und unmuthig im 
oberen- Niestethale gelegenen Dörfchen, versetzt 
wurde. ^ Nach Absolvirung des Friedrich-Gymna 
siums zu Kassel bezog er die Universität Göttingen 
und später die zu Leipzig, wo er sich dem Studium 
der Philologie, speziell der Geschichte, widmete. 
Nachdem er — gleichfalls in Kassel — sein 
Dienstjahr im Infanterie- 
Regiment Nr. 83 abgeleistet 
hatte, war er zwei'Jahre lang 
in der Nähe von Berlin als 
Hauslehrer thätig und ging 
hierauf zu erneuten Studien 
nach Jena, wo er bei Ottokar- 
Lorenz auf Grund seiner Dis 
sertation „Zur Charakteri 
stik Philipp's von Schwa 
ben und Otto's IV. von 
Braunschweig" 1886 pro- 
movirte. Nicht allzu lange 
darauf siedelte er wieder nach 
Kassel über, das nun dauernd 
seine Heimath werden sollte. 
Er beschäftigte sich zunächst 
mit schriftstellerischen Arbeiten 
aus dem Gebiet der Alter 
thumsforschung und bewarb 
sich zugleich um die Stelle 
eines wissenschaftlichen Hilfs 
arbeiters bei der ständischen 
Landesbibliothek, wo er seit 
Juni 1889 als solcher beschäftigt und seit 1894 
als Assistent angestellt war. 
Obwohl nicht- Kurhesse von Geburt, unterhielt 
der Heimgegangene schon früh durch die Nachbar 
schaft seines Heimathortes Beziehungen zu Kassel 
und wandte der Geschichte unserer engeren Heimath 
sein Interesse zu. Dieses Gebiet ist es auch in 
sonderheit gewesen, auf dem er bald eine reiche 
wissenschaftliche Thätigkeit entfalten sollte. Da 
neben begann er mit Emmo Freiherrn von 
Grote Ende der 80er Jahre ein Urkundenbuch 
der Familie Grote, ein umfangreiches Werk, das 
1891 unter dem Titel „Geschichte des Gräf 
lichen und Freiherrlichen Grote'schen 
Geschlechts" im Druck erschien (Hannover,
	        

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