Full text: Hessenland (15.1901)

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Unsere heimische Landschaft hat eigentlich nur 
selten Kasseler Maler zur Wiedergabe inspirirt. 
Auswärtige Landschafter, so uanleutlich der Karls 
ruher Schirmer, verstanden den Habichtswald 
mit seinen herrlichen Bäumen besser auszunutzen. 
Das bedeutendste Talent unter den Kasseler 
Landschaftsmalern war Fr. Müller, der „rothe 
Müller" genannt. Nach längerem Aufenthalt in 
Italien und Sicilien kehrte er zu dauerndem 
Aufenthalt in den vierziger Jahren in die Heimath 
zurück. Die meisterhaften Studien und Skizzen, die 
er aus dem Süden mitgebracht hatte unb zu Bildern 
verwerthen wollte, ließen Vorzügliches'erwarten, 
man glaubte schon in ihm den ersten deutschen 
Landschaftsmaler zu sehen. Diese Erwartungen 
wurden nicht erfüllt. Dem jovialen und geist 
vollen Künstler behagten die heimischen Kunst 
zustände nicht. Auch ihm wurde keine Förderung, 
und er war nicht charakterstark genug, sich ganz 
der Arbeit hinzugeben. Ein . leidenschaftlicher 
Jäger, und dem Kneipenleben mit bewundernden 
Genossen mehr als billig ergeben, verlernte er 
allmählich das Arbeiten. Welches Talent in ihm 
verloren ging, zeigte unter andern das herrliche 
Waldbild „der heilige Hubertus". Einen ge 
fürchteten Ruf hatte sich Müller als Karrikaturen- 
zeichner erworben. An den Wänden seines Ateliers 
sah man eine Reihe von bekannten Persönlichkeiten, 
humoristisch verzerrt gezeichnet, in frappanter 
Ähnlichkeit. Den Radmantel malerisch um 
die Schulter geschlagen, den Hut schief auf dem 
Kopf sitzend, war der „rothe Müller" eine 
der bekanntesten Persönlichkeiten unserer Stadt. 
Noch einmal, schon in reiferem Alter, entschloß 
sich der Künstler, nach München zu gehen, um 
in der Kunststadt sich selbst wiederzufinden. Es 
war zu spät. So gern ihm die dortigen ©cnoffcit 
zur Seite stehen wollten — es war ihm nicht zu 
helfen, man ließ ihn fallen. 
Zum Lehrer der Landschaftsmalerei wurde bei 
der Reorganisation der Akademie der in Düssel 
dorf lebende Kasseler August Brom eis berufen, 
ein ernster, in strenger Schule gebildeter Künstler. 
Aus seinem langjährigen Aufenthalt in Italien 
datiren eine große Anzahl meisterhafter Schilde 
rungen des klassischen Bodens. Mit dem Blick 
des echten Künstlers wußte er in seinen Bildern 
das plastische Element in der Landschaft hervor 
zuheben, eine harmonische Linienführung zu er 
zielen, die seine Gemälde, indem sie ihnen ein 
vornehmes Gepräge giebt, weit über die Masse 
des damals Gebotenen erhebt, wenn man ihnen 
auch den leisen Vorwurf der Härte nicht ersparen 
kann. In die Heimath zurückgekehrt, wendete 
sich der unermüdlich thätige Mann der deutschen 
Landschaft zu. Immer großartig in der Auf 
fassung, innner vornehm ist der Meister auch in 
diesen Bildern, nur ist ihm die Form stets Haupt 
sache, der Zauber der Farbe stand ihm weniger 
zu Gebote. Mit ganz besonderer Meisterschaft 
wußte Bromeis seine Landschaften mit Figuren, 
Menschen und Thieren zu beleben. 
In dem schmalen Hause am Steinweg, in 
welchem sich vor Jahren der Echtermeyer'sche 
Gipsfigurenladen befand, das Geburtshaus unseres 
gefeierten Bildhauers, hatte sich vor nun bald 
fünfzig Jahren eine kleine Künstlergruppe den 
nach der Aue zu liegenden Raum als Atelier 
gemiethet. Ueberbescheiden war dieser Raum, den 
man über den engen Hof, eine steile dunkle 
Treppe erklimmend, erreichte. Aber was that's! 
Jung, gesund und hosfnungssrendig, in Freund 
schaft verbunden, arbeiteten da der Bildhauer 
Gustav Kaupert und die Maler Gunkel und 
Des Coudres. 
Von Kaupert, dem Schüler Henschel's 
und später Schwanthal er's, der zu den nam 
haftesten deutschen Bildhauern zählt, sind zahl 
reiche Werke im Privatbesitz, außer diesen eine 
seiner schönsten Schöpfungen der Löwe in der 
Karlsaue. Nach längerem Aufenthalt in Nom 
wurde ihm eine Professur an der Kunstschule in 
Frankfurt a. M. übertragen. 
Kaupert's älterer Bruder Werner, der Gold 
arbeiter, ein wahrer Künstler in seinem Fach, 
wenn man ihn Morgens in seiner Werkstattstracht 
ans seinem bescheidenen Häuschen treten sah, um 
vor Beginn der Arbeit einen Gang durch die Aue 
zu machen, erinnerte unwillkürlich an die be 
rühmten Meister Handwerker, Peter Bischer und 
Adam Kr afft, die neben Albrecht Dürer den 
Ruhm Nürnbergs bildeten. 
Des Coudres, in München gebildet, ein 
langsam arbeitender, peinlich gewissenhafter Künstler, 
wählte zur Darstellung, einer gewissen Zeitrichtung 
folgend, Scenen aus der deutschen Heldensage. 
In strengster Selbstkritik konnte er sich nie genug 
thun und machte unzählige Vorstudien zu feinem 
Bilde, in denen er, wie seine Freunde scherzhaft 
sagten, das beste Feuer verpuffte. Ein ehrenvoller 
Ruf brachte ihn an die Kunstschule nach Karls 
ruhe. 
Aus dürftigen Verhältnissen sich mühsam empor 
arbeitend, hatte W. Gunkel durch sein Talent 
und seinen eisernen Fleiß die Achtung und An 
erkennung seiner Lehrer und Kunstgenossen er 
worben. Es war sein Ehrgeiz, Historienmaler 
in großem Stil zu werden. Anspruchslos in 
seinem äußeren Auftreten, Entbehrungen mit 
philosophischem Gleichmuth ertragend, lebte er
	        

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