Full text: Hessenland (15.1901)

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übrigen ist das Verhältniß zwischen Graf und 
Volker ebenso unwahrscheinlich, wie auch die 
Einführung Georg's gleichzeitig mit der Entdeckung 
eines Schurkenstreiches des Grafen, der natürlich 
der Böse in Person sein muß, einer realistischen 
Schilderung wahrlich keine Ehre machen würde. 
Ganz anders geartet ist dagegen der Roman 
„Altar und Kerker". Es ist das letzte uns hinter 
lassene große Werk. Es ist auch sein reifstes. 
Man merkt, wie dem erfahrenen und geschickten 
Romancier die Begeisterung für seinen Stoff die 
Feder geleitet. Es ist ein Tendenzroman ge 
worden , schlecht und recht. Aber es ist auch ein 
Kunstwerk geworden, das unter allen Romanen, 
die zu Ehren des „tollen Jahres" geschrieben, 
einen ehrenvollen Platz einnimmt. Wahr, er 
greifend wahr, treten uns die Persönlichkeiten 
des Romans, an der Spitze der unglückliche 
Pfarrer Friedrich, entgegen, alles geschrieben freilich 
vom einseitigen Standpunkt. Aber deshalb um 
so überzeugender. Ich halte diese Art der Roman 
schreiberei für viel eindrucksvoller, zumal, wenn 
man sich so fest auf den Boden der Wirklichkeit 
stellt, wie Müller es gethan. 
Dnrmstadt. 
Der Roman „Georg Volker" wirkt namentlich 
im dritten Theile hochdramatisch durch die Schilde 
rungen der Volkswuth, der Schlachten, die ein 
entzügeltes Volk mit dem Militär ausfocht. Der 
artige Szenen kennt „Altar und Kerker" nicht. 
Dieser Roman ist mehr psychologischer Natur. 
Der laute Schall der menschlichen Leidenschaften 
verhallt, es bleiben zurück die Schilderungen des 
Seelenleidens eines Mannes, einer Familie. So 
konnte der Roman ein viel tiefgründiger werden, 
nicht arbeitend mit rohen Effekten wie der andere 
(seine guten Eigenschaften alle anerkannt), sondern 
wie gesagt mehr ein Seelenbild. Eine Szene im 
großen traurig-komischen Schauspiel, die sich ab 
spielt fern vom großen Theater der Weltgeschichte, 
in der Stube des einfachen Landpfarrers, der mit 
seinen Gedanken allein der Welt die lang ersehnte 
Freiheit geben will. 
Im letzten Theile giebt uns Müller auch noch 
einige Proben der Weidig'schen Lyrik. Sie zeigen 
den Verfasser als einen tief empsindenden Dichter, 
dem freilich die Schulung fehlt. Immerhin würde 
es sich aber einmal lohnen, die Gedichte des 
„Revolutionärs" kritisch zu betrachten. 
Alexander Murger. 
Are Marburger Familie rum Schwan 
um die Zeit der Neformution. 
Von Or. Eduard Wintzer. 
(Fortsetzung.) 
3 vhann Schwan gehört zwar nicht zu den be 
kanntesten Buchdruckern der Resormationszeit 
in Straßburg, wie namentlich Wolsgang Köpfel, 
doch haben einige seiner Drucke an der so leb 
haften reformatorischen Bewegung, die auch von 
Straßburg ausging, keinen ganz unbedeutenden 
Antheil. Röhrich's „Geschichte der Reformation 
im Elsaß und besonders in Straßburg I. Theil, 
1830" und desselben Schrift „Mittheilungen zur 
Geschichte der evangelischen Kirche des Elsasses, 
1855" erwähnt daher auch an mehreren Stellen 
Johann Schwan. So ist die von ihm im Jahre 
1525 besorgte Straßburger Kultordnung unter 
dem Titel „Ordnung des Herrn Nachtmal, so 
man die Mess nennt rc." als die letzte und 
kürzere der von den Straßburger Druckern zu 
sammengestellten der Art, daß sie von Nöhrich 
vor den anderen durch vollständigen Abdruck*) 
ausgezeichnet ist. In seiner Vorrede sagt I. Schwan 
*) R ö h r i ch n. n. £)., 1855, I, S. 185. 
und giebt damit der echt reformatorischen Frei 
heit Ausdruck, es sei bei dieser Ordnung nicht die 
Meinung, jemand damit eine Regel oder Gesetz 
zu machen, da solche Gebete frei nach Eingebung 
des Geistes gemindert oder gemehrt werden könnten, 
sofern nur das Wort Gottes selbst nicht geschwächt 
würde. 
Zu der gemäßigten Richtung, wie sie in 
Straßburg durch die Prediger Zell, Capito, 
Butzer und Hedio vertreten wurde, und der 
Köpfel ganz seine Dienste lieh, gehörte, wie 
Nöhrich hervorhebt*), Schwan nicht. Er war 
vornehmlich einer von denen, die zum größten 
Leidwesen der Prediger, die es nüt Luther nicht 
verderben wollten, Karlstadt's Streitschriften über 
die Sakramente nachdruckten, wogegen schließlich 
der Rath durch strenges Verbot einschritt. Karl 
stadt selber wurde, als er im Herbst 1524 nach 
Straßbnrg kam, nach einigen Wochen aus der 
*) Rvhrich a. a. O. 1830, S. 213, A. 26 und 27, 
und S. 298.
	        

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