Full text: Hessenland (15.1901)

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weil sie den Erzähler von zwei ganz verschiedenen 
Punkten aus zeigen. In dem einen als gemüth 
lichen Plauderer, in den: anderen als Tendenz 
schriftsteller. Die Erzählung „Münchhausen im 
Vogelsberg"*) ist ein humorvolles Charakterbild 
aus dem „dunklen Deutschland", genannt Vogels 
berg. Jeden, der diese Gegend kennt, heimeln 
die lebenswahr gezeichneten Figuren der kleinen 
Humoreske sofort an. Glücklicherweise hat sich 
der Verfasser davon frei gehalten, die Vogelsberger 
Bauern in ihrem Dialekt reden zu lassen. Ge 
rade der Vogelsberger (Wetterauer) Dialekt ist 
nämlich einer der schwierigsten, mit auf dem 
Papiere festgehalten zu werden. Mit allen Mitteln 
sträubt er sich mit seinen Doppelvokalen u. s. f. 
gegen eine Niederschrift. Nur die berühmte Ge 
schichte vom „Jlweshäuser Babbegei", vom Pfarrer 
erzählt, wird in einem Gemisch von „Vogelsberger 
und Schriftdeutsch" festgehalten. Sonst reden die 
Personen, wenn auch nicht gerade sehr hochdeutsch, 
was der Wahrscheinlichkeit einen großen Stoß geben 
würde, doch auch nicht direkt im Dialekt, freilich 
anscheinend auf Kosten der Wahrheit. Wer aber 
schon einmal in seinem Leben ein Buch in „Vogels 
berger Deutsch" vor sich gehabt, ohne daß er 
gerade aus der Gegend stammt, wird dem Ver 
fasser nur dankbar sein. So wird doch die 
Lektüre auch außerhalb des Landes möglich sein. 
Soll ich hier eine Analyse des Werkes geben? 
Ich muß offen gestehen, ich bin ein ausgesprochener 
Feind solcher. Die Eigenart des Werkes geht 
meistens unter den Worten eines Fremden ver 
loren. So möge denn jeder das Merkchen selbst 
lesen. Aber das möchte ich noch sagen. Wer in 
der „Erzählung" (wohlweislich hat Otto Müller- 
sein Werk selbst nicht „Humoreske" genannt) ein 
Buch mit jenen Wortwitzen sucht, der möge lieber 
die Lektüre nicht anfangen. Das Werkchen wird 
von einem Hauch jenes wahren Humors durch 
zogen, den freilich in unserer Zeit des „Weißen 
Rößl's" nur noch wenige aufzufinden vermögen. 
Wer ihn aber findet und wer sich hineindenken 
kann in die Charaktere, für den wird das kleine 
Büchelchen, das sich frei hält von allen tiefsinnigen, 
physiologischen und psychologischen Problemen, znm 
lieben Hausgesährten werden, und er wird manch 
mal, wie es mir ergeht, wenn man gerade gar 
nicht weiß, was man lesen soll, zu ihm greifen, 
als einem letzten Rettungsanker, den ich noch 
nie unzufrieden los ließ. 
*) Die erste Ausgabe erschien 1880. In einer billigen 
Ausgabe (zu 50 Pfennig) ist sie zu haben im „Hausschatz 
deutscher Erzählungen" (Verlag von Enßlin & Laiblin, 
Reutlingen), außerdem hat Heyse die Humoreske für würdig 
gesunden in seinen „Novellenschatz" aufgenommen zu werden. 
Was dem Werkchen aber zunächst für jedes 
Hessenkind jenen eigenartigen Reiz giebt, das sind 
die mit wenigen Worten, aber treffend ausgeführten 
Schilderungen der Landschaft, gerade in ihrer 
Kürze zum Besten gehörend, was über sie geschrieben. 
Haben wir hier den Dichter als gemüthvollen 
Romancier, als Schilderer seiner Heimath kennen 
gelernt, so zeigt er sich in seinen letzten Werken 
als Tendenzschriftsteller, der die Feder ergreift 
zum Gedenken einer längst vergangenen Zeit, an 
der auch er Antheil gehabt. „Altar und Kerker"*) 
ist der Erinnerung geweiht. „Den Manen 
Weidig's gewidmet" steht als Untertitel zn lesen. 
Den 'Manen jenes unglückseligen Pfarrers, der 
erfüllt von den größten Idealen für Freiheit und 
Vaterland unterging und den Häschern der 
Büreaukratie znm Opfer fiel. Man mag denken 
über die Jahre 1830 und 1848, wie man will, 
man wird aber doch gerade einem Weidig nicht 
jene Ehrfurcht versagen, die solch' sprudelnden 
Feuerköpfen, die ganz im Interesse ihrer Sache 
aufgehen, gebührt. Weidig. war in seiner. Art 
gewiß ein Fanatiker, er war aber ebenso Fanatiker, 
als jene Beamten und Richter, die glaubten, 
jedes Wort über Freiheit und persönliches Recht 
unterdrücken zu müssen. 
Sehen wir aber ganz von politischen Erörterungen 
ab, so ist der Roman als das reifste Kunstwerk 
Otto Müller's und zugleich als der einzige 
kulturgeschichtliche Roman, der ans der 
Feder eines oberhessischen Dichters geflossen, von 
doppelter Bedeutung. Auch hier steht Müller fest 
ans dem Boden der Heimath (bekanntlich war 
Weidig Pfarrer in Obergleen). 
Es drängt mich hier unwillkürlich einen Ver 
gleich zu ziehen zwischen den beiden aus der Feder 
Otto Müller's stammenden Revolntions-Romanen, 
den Romanen „Georg Volker", der 1851, also 
noch direkt unter den Eindrücken des Jahres 1848, 
entstand, und „Altar und Kerker", der erst ein 
Lebensalter später erschien. Ein solcher Vergleich 
ist auch interessant, weil er die Entwickelung des 
Dichters in schriftstellerischer Hinsicht am deut 
lichsten zeigt. 
Der Roman „Georg Volker" arbeitet noch mit 
allen Mitteln einer längst abgebrauchten Familien- 
blattliteratnr. Der Verfasser erhebt sich erst zur 
wirklich dichterischen Höhe, wo er nur schildert, seien 
es die Gedanken des Einen, seien es Schilderungen 
der Vorgänge aus dem Schloß u. s. s. Hier 
merkt man sofort, wie die gemüthliche Erzählung 
eigentlich die Domäne des Dichters ist. Im 
*) „Altar und Kerker". Ein Roman ans den dreißigcr 
Jahren. 1889. Stuttgart. Adolf Bonz <fc Comp.
	        

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