Full text: Hessenland (15.1901)

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Das WUHrtmshöher Schloß. 
a nter den Schönheiten der Umgebung unserer 
Hauptstadt Kassel nimmt die Wilhelms 
höhe mit ihren herrlichen Anlagen die erste 
Stelle ein. Mancher, welcher viele Schlösser ge 
schaut, ist von dem zu Wilhelmshöhe nicht minder- 
entzückt. Zuerst von Landgras Moritz den: Ge 
lehrten als Schloß Weiß enstein an Stelle eines 
ehemaligen Augustinerklosters erbaut (1606), dann 
im 30 jährigen Kriege, besonders bei der Belagerung 
von Kassel durch Tilly (1626) zum großen Theile 
zerstört, von seinen Schäden geheilt durch Land 
graf Friedrich II. und daraus von Wilhelm IX. (als 
Kurfürst: Wilhelm I.) vollständig neu aufgeführt 
und nach ihm Wilhelmshöhe genannt (1798), ist 
dasselbe in der Sommerzeit Lieblings-Aufenthalt 
der jeweiligen Herrscher geworden. Und es enthält 
nun wieder in seiner Kuppel über dem Mittel 
bau eine ganz eigenartige Schönheit, nämlich die 
Bilder unserer hessischen Regenten von dem 
Stammvater an bis zum letzten Kurfürsten. Die 
selben, an verschiedenen Orten — Ahnaberger 
Kloster zu Kassel, Elisabethkirche zu Marburg, 
Martinskirche zu Kassel, Friedrich II. daselbst 
unter der von ihm erhauten katholischen Kirche, 
Wilhelm I. unter seiner Schöpfung in der Löwen 
burg zu Wilhelmshöhe, Wilhelm II. in der 
Marienkirche zu Hanau, endlich Friedrich Wilhelm 
auf dem alten Friedhofe zu Kassel — zur ewigen 
Ruhe gebettet, finden sich vereint in der den 
Wilhelmshöher Schloßbau krönenden Rotunde der 
Zeitfolge nach in einer Reihe schöner Gemälde 
in Lebensgröße. Und über ihren Häuptern be 
findet sich auf einem mächtigen, den äußeren Um 
kreis der Kuppel durchziehenden und mit schönen 
grünen Blättern umrankten Baumstamm das 
hessische Wappen und daneben die Wappen 
der Gemahlinnen. Der innere Saal der Kuppel 
wird von diesem Umkreise durch 12 das Decken- 
Gewölbe tragende korinthische Säulen geschieden. 
Schreiber dieser Zeilen hatte nun die Ehre, am 
2. Oktober d. I. beim Ausstuge des Vereins für 
Hessische Geschichte und Landeskunde nach Wilhelms 
höhe und Besichtigung des Schlosses eine große Ge 
sellschaft von Herren und Damen in der Kuppel 
umherzuführen und denselben nach Mittheilung der 
Geschichte von Wilhelmshöhe in großen Umrissen 
die Fürstenbilder, welche als jedesmalige Ueber- 
schrift Namen des Regenten, daneben Geburtsjahr, 
Negierungsdauer, Todesjahr und Lebensalter tragen, 
im Einzelnen unter Angabe ihrer Hauptthaten zu 
zeigen und sodann die Entwicklung des in pracht 
vollen bunten Farben die Decke zierenden hessischen 
Wappens, sowie die Wappen der hessischen Fürstinnen 
auseinanderzusetzen. 
Ein danach nochmals mit Herrn vr. Losch 
von der Landesbibliothek unternommener Besuch 
des Wilhelmshöher Schlosses und weitere Er 
kundigungen bei verschiedenen Personen haben 
mancherlei Enthüllungen gebracht, und die nun 
mehr gemachten Feststellungen haben folgendes 
Ergebniß geliefert*): 
Zunächst hat sich die unter der Dienerschaft 
des Schlosses verbreitete Erzählung, eins der 
Bilder, das des Landgrafen Hermann des Ge 
lehrten, sei während der Regierungszeit des Königs 
Jorome von Westfalen. (1807—1813) ans der 
Kuppel entfernt worden, als vollständig unwahr 
herausgestellt, denn damals waren die Bilder 
überhaupt noch nicht in derselben. Vielmehr 
stammt die ganze Anlage erst aus der Zeit n a ch 
der Wiederkehr des Kurfürsten WilhelmI. 
in das Hessenland. Er fand das alte Chatten 
schloß an der Fulda in Trümmern vor. Zwar 
war bei dem furchtbaren Schloßbrande im No 
vember 1811 noch ein Theil desselben stehen 
geblieben, in welchem sogar im Jahre 1812 eine 
Schwurgerichtsverhandlung über eine große Räuber 
bande vor zahlreichem Publikum gehalten wurde, 
allein wer will es Wilhelm I. verargen, wenn 
er das einst im herrlichen Glanze strahlende Schloß 
seiner Väter nicht wieder sehen wollte. Er zog 
deshalb in das kleine Bellevueschloß ein, trug 
aber in seinem Innern sich mit dem Plane herum, 
ein neues Schloß an der alten Stelle aufzubauen, 
daneben aber einen Ersatz für die beim Brande des 
Schlosses mit zerstörten Wappen und den Stamm- 
baum des hessischen Fürstenhauses im Ordenssaale 
*) Vgl. „Kasseler Tageblatt und Anzeiger" Nr. 524, 
vom 7. November 1901; „Hessische Blätter" Nr. 2800 
u. 2801 vom 26. u. 30. Oktober 1901.
	        

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