Full text: Hessenland (15.1901)

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heutigen Begriffen den Namen einer „Sternwarte" 
verdiente. Ein am Zwehrener Thor in Kassel 1561 
erbauter Thurm war so eingerichtet, daß sich sein 
oberer Theil um die Mittelaxe des Thurmes drehen 
ließ, sodaß^man die auf dem Thurme ausgestellten 
astronomischen^ Instrumente durch eine Oeffuung 
im Dach aus jeden Theil des - Himmels richten 
konnte. Hier hatte Wilhelm bis zu seinem Re 
gierungsantritt sehr fleißig beobachtet, soweit es 
seine Zeit erlaubte (er hatte schon als Prinz fünf 
Jahre lang während der Gefangenschaft seines 
Vaters die Regierung zu führen) und zwar haupt 
sächlich sich mit der Neubestimmung der Fixstern 
orte beschäftigt, welche er schon vor Tycho als 
dringendstes Bedürfniß erkannt hatte. Wenn der 
von Wilhelm geplante Sternkatalog nicht über die 
grundlegenden Beobachtungen hinauskam, so lag 
das daran, daß der Prinz und spätere Landgraf 
diesem mühseligen Werke nur verhältnißmäßig wenig 
Zeit widmen konnte und bis zu TychoP Ankunft 
ganz ohne Gehilfen gearbeitet hatte. An Eifer 
und Fleiß stand der Landgraf ganz gewiß Tycho 
nicht nach, wenn er auch nicht dessen außerordent 
liche Begabung für Verbesserung der Methoden 
und Instrumente besaß und daher seine Beobach 
tungen den später von Tycho in Dänemark an 
gestellten an Genauigkeit nicht gleichkamen. Zweifel 
los war aber Wilhelm IV. neben Tycho der 
bedeutendste Astronom der damaligen Zeit und die 
Kasseler Sternwarte die erste der ganzen Welt seit 
der Begründung der modernen Astronomie durch 
Copernicns. Der Schreiber dieser Zeilen weiß 
nicht, ob ein Denkmal für Landgraf Wilhelm IV. 
von Hessen existirt, verdient hätte er jedenfalls ein 
solches eher als mancher andere Fürst, und das 
würdigste, das ihm gesetzt werden könnte, würde 
die Errichtung einer Sternwarte in Kassel oder 
einem andern geeigneten Punkt des Hessenlandes 
sein, das gegenwärtig kein Institut besitzt, das 
diesen Namen verdient. 
Die Anwesenheit Tycho's in Kassel belebte die 
astronomischen Pläne des Landgrafen von Neuem 
und hatte zur Folge, daß derselbe sich in Roth- 
mann und später in Bürgt Gehilfen bei seinen 
astronomischen Arbeiten gewann, von denen be 
sonders letzterer die Instrumente und Uhren wesent 
lich verbesserte. Ueberhanpt wurden letztere in 
Kassel bei den Beobachtungen vielfach verwendet, 
während Tycho dieselben niemals ausgiebig benutzte. 
weil er — wohl mit Recht — die in seinem Be 
sitz befindlichen, die den Kasseler Werken späterer 
Zeit nicht ebenbürtig waren, für zu unzuverlässig 
hielt. Eine weitere Folge dieser Zusammenkunft 
der bedeutendsten Astronomen war ein zwischen 
beiden von da ab gepflegter ziemlich reger Brief 
wechsel und Gedankenaustausch über astronomische 
Themata, der beiden Theilen reichen wissenschaft 
lichen Gewinn brachte. Bon höchster Bedeutung 
aber wurde für Tycho diese persönliche Bekannt 
schaft mit dem Landgrafen dadurch, daß dieser ihn 
dem König Friedrich II. von Dänemark aus das 
Wärmste empfahl, was zur Folge hatte, daß, als 
Tycho zu Ende des Jahres 1575 nach Dänemark 
zurückgekehrt war, der König ihm die zwischen 
Kopenhagen und Helsingör im Sunde liegende 
kleine Insel Hveen als lebenslängliches Lehen nebst 
einem Jahresgehalt von 500 Thalern und 
400 Thaler zum Bau einer Sternwarte anwies." 
Im Anschluß an diese Ausführungen des Straß 
burger Professors möchten wir auch an dieser 
Stelle weiteren Kreisen unserer hessischen Heimath 
den Gedanken einer Ehrung des sternkundigen 
Landgrafen, der doch auch sonst seine Verdienste 
hat, noch einmal an's Herz legen. Zwar wird 
aus einer Sternwarte in Kassel so bald nichts 
werden, da ja noch nicht einmal die Universität 
Marburg ein würdiges Institut dieser Art besitzt, 
auch zu einem Denkmal für den Landgrafen 
werden die Begeisterung und die allgemeine Theil 
nahme des Volks nicht hinreichen, aber trotzdem 
sollte etwas geschehen, um dem ältesten Sohn 
Philipps des Großmüthigen wenigstens nach seiner 
wissenschaftlichen Seite hin gerecht zu werden. 
Ließe sich nicht eine Gedenktafel an dem Zwehren- 
thurm, von dem aus Wilhelm IV. seine astronomischen 
Beobachtungen machte, anbringen? Unseres Er 
achtens wäre in erster Linie der Hessische Geschichts 
verein dazu berufen, die Sache in die Hand zu nehmen, 
und wir zweislen gar nicht daran, daß jeder Freund 
unserer heimathlichen Geschichte bereit ist, sein 
Scherflein zur Ausführung dieses Gedankens bei 
zutragen. Denn in unserer Zeit, wo die Erinnerung 
an das alte Hessen in dem Gedächtniß des lebenden 
Geschlechts mehr und mehr verblassen will, sollen 
wenigstens die Hüter seiner Geschichte nichts ver 
säumen, was das Andenken an unsere Fürsten 
und ihre Thaten auch bei der Nachwelt zu er 
halten im Stande ist. gj. Zz.
	        

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