Full text: Hessenland (15.1901)

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Der Schimmel bewegt sich nicht. 
Da besinnt sich der Offizier, daß der Todte auch 
von einem Notizbuch gesprochen hat; vorsichtig 
öffnet er die blutgetränkte Uniform und findet eine 
Brieftasche; er nimmt sie an sich wie ein Ver- 
mächtniß; vielleicht kann er noch eine Pflicht gegen 
den Entseelten erfüllen! 
Er streichelt sanft das Tier: „ Viens, pauvre 
bete! “ und es folgt ihm langsam, den Kopf immer 
wieder zurückwendend. 
Frieden! Das zieht wie Glockenton durch die 
Lande. Sieg! Das braust wie Jubelschrei durch 
Deutschlands Gauen. Unter den Klängen von 
Siegesmärschen ziehen die Truppen in die heimath 
lichen Garnisonen ein. 
An der Spitze einer Kompagnie reitet auf 
schlankem, weißem Berber ein sonnengebräunter 
Offizier mit einer breiten Narbe an der linken Stirn 
seite; Blumenregen grüßt die Heimkehrenden, und 
die Straßen sind..wie blühende Gartenbeete; der 
Offizier sieht nur das breite Flügelfenster, wo in 
weißem Scheitel seine Mutter feuchten Auges steht 
und in blondem Lockenschmuck die geliebte Braut; 
jetzt zögert er, bewegt hinaufgrüßend. Da löst sich 
aus des Mädchens bebender Hand ein prächtiger 
Kranz La Dranoe-Rosen; im gleichen Augenblick 
hebt Mel-Ghir den schlanken Kopf . .. Der Kranz 
fällt ihm um den Hals und stolz, als müsse es so 
sein, geht der Berber im Rosenschmuck dahin. 
Aus Chaumont ist ein Brief gekommen ; Frau 
de St. Jgnan hat dem Deutschen für den letzten 
Liebesdienst gedankt, den er ihrem sterbenden Sohn 
erwiesen hat; sie hat auch angefügt, daß der Be 
trag, den er für Mel-Ghir gesendet hat, einer 
Stiftung für Witwen und Waisen gefallener Krieger 
übergeben wurde; das Notizbuch mit Mel-Ghirs 
Pedigree hat sie zurückgesendet als Andenken nebst 
einem Bilde ihres Sohnes, der ihr Einziger war. 
* 
Jahre sind vergangen. Mel-Ghir ist nicht mehr 
so feurig wie in seiner Jugend. Acht Jahre sind 
verrauscht seit der blutigen Schlacht von Gravelotte, 
zehn Jahre, seit er die Steppen seiner Heimath ver 
ließ. Er ist bequem geworden und hat Fett an 
gesetzt; das einst so große, helle Auge blickt müde 
und trüb. Sein Herr lebt in Pension als Major 
in seiner theuren Heimathstadt, und der Berber 
kaut behaglich das Gnadenbrod vollkörnigen Hafers. 
Der kleine Hans, der Stammhalter, macht ans 
seinem breiten Rücken seine ersten Reitversuche; 
Mel-Ghir ist dabei zahm und geduldig wie ein 
Lamm. Er leckt der Herrin die Hand, wenn sie 
ihm Zucker reicht, und er wiehert — wie ein fröhliches 
Lachen — wenn der kleine Hans ihm mit fran 
zösischen Kosenamen schmeichelt. ... 
Seit Wochen hat Mel-Ghir seinen kleinen Freund 
nicht mehr gesehen, seit Wochen hat ihm die Herrin 
keinen Zucker mehr gereicht und sein Herr kein 
zärtlich-ermunterndes Wort für ihn gehabt. Er 
steht aus zitternden Füßen und schaut aus dem 
Stallfenster nach dem Hose, und zuweilen packt ihn 
ein Frost, der ihn gewaltig schüttelt. 
Da trägt man durch Hos und Garten einen 
kleinen Sarg, der unter Blumen versteckt liegt, und 
eine Musikkapelle intonirt den Chöpinffchen Trauer 
marsch. 
Da bläht Mel-Ghir die Nüstern, da saßt ihn ein 
nervöses Zittern; er reißt die Halfter los, er bäumt 
sich jäh auf — laut wiehernd — doch nicht wie 
fröhliches Lachen, — es klingt wie ein Angstton — 
dann stürzt er zusammen. 
„Auch Pferde verenden am Herzschlag", erklärt 
der Roßarzt. 
Mel-Ghir wurde eingescharrt, doch den rechten 
Borderhus ließ sein Herr mit Gips ausfüllen und 
mit Silber beschlagen;. ein Freund malte des Berbers 
Kops daraus. 
Ehe im Jahre 1897 der deutsche Offizier starb, 
übergab er mir in seinem traulichen Heim in der 
Hohenzollernstraße in Kassel den seltsamen Brief 
beschwerer. 
Später erzählte mir seine bleiche Witwe, was 
sie aus Leutnant St. Jgnaws Skizzen und aus den 
Erzählungen ihres Gatten von Mel-Ghir wußte. 
Aus aZtex uuö neuer Ieit. 
Landgraf Wilhelm IV. vonHessen und 
Tycho Brahe. Zum 14. Oktober 1901, der 
300 jährigen Wiederkehr des Todestages Tycho 
Brahe^s des berühmten Astronomen, veröffentlichte 
Professor Dr. Wislicenus (Straßburg) in der 
„Frankfurter Zeitung", Nr. 286, 1. Morgenblatt, 
einen kleinen Aussatz über Tycho Brahe, in dem 
auch die Verdienste des hessischen Landgrafen Wil 
helm IV. um die Astronomie gewürdigt werden. 
Die betreffende Stelle des Aussatzes lautet: 
„Sein Weg führte Tycho zunächst nach Kassel, 
wo der seit 1567 regierende Landgraf Wilhelm IV. 
von Hessen zum erste» Male in der ganzen Welt 
ein Institut eingerichtet hatte, das auch nach
	        

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