Full text: Hessenland (15.1901)

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„Der ist noch zu haben, Herr!" 
Claude fuhr mit Daumen und Zeigefinger den 
zierlichen Knöchel des Thieres hinab; als er sich 
wieder emporrichtete fragte er: „Und der Preis?" 
»Fragt Ihr nur aus Neugier, oder soll's ein 
Handel sein?" 
„Ich brauche ein Pferd, jung, feurig und von 
edler Abstammung." 
„Wer seid Ihr, Herr?" meinte Nefatka. 
Da war's Ktaua, der Bescheid gab: 
„Ich stehe für den Käufer, ein Leutnant ist's 
aus Biskra; mach' Deinen Preis, als ob's für 
mich wäre, Nefatka, und nenne Laster oder Tugenden 
des Rosses ehrlich; ich aber will sorgen, daß Dir 
guter Empfang werde bei Sheliga, wenn Du in 
Biskra Rast machst." 
Des Schillukhs Augen leuchteten, und in kurzer 
Zeit war der Handel abgeschlossen; alle drei waren 
guter Dinge: Claude hatte ein junges, edles Pferd 
um annehmbaren Preis, Nefatka freute sich aus 
die schöne Sheliga in Ktaua's Schenke, und der 
Kabyle hatte ein gutes Trinkgeld erhalten. 
Leutnant de St. Jgnan hatte seinen jungen 
Berber Mel-Ghir genannt, und das fromme und 
doch wieder so feurig-heißblütige Thier war sein 
Stolz; fast zärtlich behandelte er es, und es lauschte 
auf den Ton seiner Stimme, als verstände es 
den frohen oder herben Klang und als erriethe es 
die Stimmungen seines Herrn. 
Als Claude nach kaum zwei Jahren wieder zum 
Mutterlande zurückkam, war Mel-Ghir sieben Jahre 
alt, ein prächtiges, in seiner Vollkraft stehendes 
Thier, um das ihn die Kameraden beneideten, und 
dem bewundernd mancher Blick aus den Gluth 
augen graziöser Französinnen folgte. Wenn die 
Regimentsmusik fröhliche Märsche spielte, dann 
blähte er wie in Ungeduld die rosigen Nüstern 
und schüttelte die wallende, weiße Mähne, gegen 
Trauermärsche aber hatte er eine Aversion; er 
neigte den seinen, schönen Kopf, spitzte die Ohren 
und wieherte wie in Groll; dann mußte Claude 
ihm zusprechen und sanft den schlanken Hals 
streicheln, daß er sich beruhige; — nur Claude's 
Stimme brachte das fertig. 
Wenige Monate nach Claude's Heimkehr hallte 
der Kriegsrus durch das Land, hoch zu Roß aus 
seinem weißen Berber zog Leutnant de St. Jgnan 
der östlichen Grenze zu. 
Der Schlachtendonner dröhnt durch den schwülen 
Augusttag, Pulverdampf düstert durch die Lust und 
die scheidende Sonne beleuchtet ein riesiges Todten- 
seld. Als die Dämmerung den achtzehnten Tag 
zu Grabe trägt, verhallt das Krachen der schweren 
Geschütze und das Geknatter der Gewehre; ver 
ziehender Pulverdamps vermischt sich mit dem 
schwülen Hauch von Blut. Auf den weiten, end 
losen Feldern von Rozerieulles, Mars-la-Tour 
bis Gravelotte, liegt die blutige Ernte des schweren, 
grauenvollen Tages, und aus der weiten Schlucht 
klingt Stöhnen und Seufzen. Krankenträger keuchen 
unter der Last der Verwundeten, fern tönt kräch 
zender Krähenrus. — Ein junger deutscher Offizier 
geht schwankenden Schrittes der Ferme St. Hubert 
bei Gravelotte zu; ein Schuß hat ihn vom Pferde 
geworfen, am Wiesenrain ist er blutend zusammen 
gesunken, — aber die Abendkühle hat ihn aus der 
Ohnmacht erweckt; mühsam hat er sich aufgerafft 
und die Kopswunde mit dem Taschentuch verbunden; 
dann hat er sich mit einem Schluck aus der Feld 
flasche gestärkt und umhergespäht nach seinem 
Pferde . . . Nirgends eine Spur davon; — wo 
hin sein Auge blickt, todte Brüder. 
Fern sieht er einen Bauernhof, und mit un 
sicherem Schritt geht er aus ihn zu, quer durch 
das blutgetränkte Leichenseld. 
„Wer war wohl Sieger des' Tages?" 
Niemand giebt ihm Antwort, nur die Naben 
krächzen. — Seine Gedanken kreisen — zur Mutter, 
zur geliebten Braut in der fernen, theuren Heimath, 
im lieben Hessenland, in der schönen Hauptstadt. 
Alles wird so lebendig vor ihm, und eine heiße 
Sehnsucht saßt sein Herz . . . Und im Weiter 
schreiten wird ihm so wohl und lebensfreudig zu 
Sinn; die Theuern in der Heimath werden seinen 
Namen nicht unter den Todten lesen; ihn hat ja 
die Sense des knöchernen Schnitters nur gestreift! 
Da trifft ein Röcheln sein Ohr; er wendet sich 
nach der Stelle: ein französischer Offizier ist's, mit 
brechendem Auge; neben ihm steht ein seingliedriger 
Schimmel, unruhig den Boden stampfend. Der 
Deutsche bückt sich, hebt den Kopf des Schwer 
verwundeten und flößt ihm einige Tropfen aus der 
Feldflasche ein; das belebt den Sterbenden, tief 
holt er Atem und haucht: „Merci.“ 
„Strengen Sie sich nicht an, Kamerad; ich bleibe 
bei Ihnen, bis Hilfe kommt!" und wieder netzt er 
ihm die Lippen mit dem belebenden Trunk und 
feuchtet ihm die Schläfen. 
„Trop tard!“ murmelt der Franzose; dann seufzt 
er: „pauvi-e mere“. Leise wiehert der Schimmel 
bei dem Klang der Stimme; ein Ausleuchten geht 
durch die Augen des Sterbenden, und in einer 
letzten Krastanstrengung sagt er: „Camarade, — 
prenez mon cheval Mel-Ghir et raon carnet.“ 
Schwer sinkt' sein Kops zurück, „mon Dieu“ . . . 
zittert es wie ein Hauch durch die herabsinkende 
Nacht; bald liegt in Todtenstarre der entseelte Körper. 
Der Deutsche hat das Haupt entblößt und hat den 
Blick zum Himmel gehoben. 
Jetzt greift er dem Berber in die Zügel: „Komm!"
	        

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