Full text: Hessenland (15.1901)

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On wie se änn do dann frojen bohren I, 
Wie's en der Schtohd ämme hätte jefollen, 
Do minnt hä: „Goinz gutt, äwer bi ollen 
Den scheenen Hiesern on oll den Wärken 
Do könn me doch ö noch soot Ormu?) merken. 
„Bi wär' dann dos?" hatten se do jefroggt; 
„Jo", sät hä, „dos honn ich mü so jedocht. 
Wie ich do wor en der Aue jewän; 
Do kann me ne Mosse Fijuren jesähn. 
Die ds Tuch ö doch gor so wenig drecket?) 
Do doicht' ich, hätte des Geld jeschecket. 
Dann wären die Kerlen woll olle zusammen 
Doch ö noch zu en boar Lomber?") jekommen." - 
Keinrich Winter. 
9 fragten, 8 ) genug Armuth, fl ) drückt, 10 ) Lumpen. 
(ftcl-Ohip. 
Ein Erinnerungsblatt von M. von Ekensteen. 
— (Nachdruck verboten.) 
städten zu verkaufen. Claude wollte sich diese gute 
Gelegenheit nicht entschlüpfen lassen; er hegte längst 
uf meinem Schreibtisch steht als Briefbeschwerer 
ein Pferdehns; nicht etwa eine zierliche Nach 
bildung aus Metall oder Masse, nein, — es ist 
der wirkliche, echte Vorderhuf eines edlen Berbers; 
der Beschlag ist von Silber, und den oberen 
flachen Abschluß der Gipsfnllnng ziert eine Malerei; 
kunstgeübte Hand hat einen prächtigen Pferdekops 
mit wallender Mähne, rosigen Nüstern und großen, 
feurigen Augen naturgetreu daraus gebannt. , Unter 
der Malerei steht: „Mel-Ghir". 
In Vollmondnächten, wenn der Schlaf mich 
flieht und leise raunend die Fulda durch die 
Hauptstadt des ehemaligen Kurfürstenthums Hessen 
eilt, vom Habichts- und Neinhardswald her ein 
kühler Wind durch die Baumkronen streicht und 
ein Flüstern durch die doppelte Lindenreihe aus 
dem Friedrichsplatz blätterrauschend geht, dann ist 
mir, als hörte ich aus weiter Ferne Husschlag 
nahen, und lebendig zieht die Geschichte Mel-Ghirs 
an meinem Geiste vorbei, — des schneeigen Rosses, 
dessen Huf seit Jahren meinen Schreibtisch schmückt: 
Claude de St. Jgnan war als junger Leutnant 
nach Biskra, dem südlichsten französischen Militär 
posten des Departements Constantine in Algier 
versetzt worden. Vom eleganten Nancy nach Süd- 
Tunis, nach der kleinen Oase der algerischen Sa 
hara, das war ein harter Schlag gewesen für den 
lebenslustigen Claude, und übel gelaunt kämpfte 
er mehrere Monate gegen das Unabänderliche an; 
dann siegte wieder sein leichter Sinn, und er ver 
gaß im Umherstreisen nach und nach die aufregenden 
Annehmlichkeiten des heimathlichen Garnisonlebens. 
Eines Tages hatte er sich in Begleitung eines 
Kabylen, der eine bessere Schänke in Biskra hatte, 
zu einer Wanderung nach der wüsten Zone der 
Salzsümpfe aufgemacht, weil ihm dieser in Aus 
sicht gestellt hatte, er könne möglicher Weise mit 
einem Pferdehändler zusammentreffen, der von 
Merayer oder El-Aghuat alljährlich um diese Zeit 
nordwärts zöge, seine edlen Rosse in den Garnison- 
den Wunsch, sich ern gutes Theer edler Abstammung 
zu kaufen. Theils durch, Steppenland, Wüste mit 
dichtbesäeten Kulturstellen oder liebliche Oasen 
wandernd, ließ er den eigenartigen Reiz dieses 
Landstriches voll ans sich einwirken, pflückte hier 
und dort den spärlichen Thymian oder Stachel 
büsche von Mimosen und trällerte französische 
Couplets vor sich hin. Mitten in einem lustigen 
Refrain unterbrach ihn plötzlich Ktaua, der Kabyle, 
indem er, zur Ferne deutend, sagte: „Seht, dort 
liegt das Schott (Salzsumps) Mel-Ghir, und wenn 
mich nicht alles täuscht, rastet Nefatka mit seinen 
Pferden in der Nähe." 
Claude beschattete die Augen und sah nach der 
angedeuteten Richtung: „Ein junger Mann ist's 
mit zwei Pferden." 
Ktaua legte die hohlen Hände an den Mund, 
damit der Schall sich nicht zertheile, und ries: 
„He, Nefatka!" 
Der Angerufene, ein junger Schillukh von 
sehnigem Bau und trotzigem Antlitz, horchte auf 
und sah scharf den Nahenden entgegen; dann klang 
es zweifelnd: „Bist Du's, Ktaua?" 
„Vom Wirbelhaar bis zur Fußsohle!" — 
Sie standen nun dicht beisammen, und die Pferde 
an der langgelassenen Trense fraßen die spärlichen 
Grashalme. 
„Hast Du nur zwei Thiere?" fragte Ktaua. 
„Ich hatte fünf; in Bresina und Tadscheruna 
setzte ich drei ab, der Araber ist nach Batna be 
stellt, und ich nehme in Biskra die Bahn." 
Claude war an die Pferde herangetreten; lieb 
kosend fuhr er einem schlanken Schimmel über den 
Nacken, und als Nefatka schwieg, fragte er: „Und 
dieser Berber?" 
Der Schillukh kniff die Augen zusammen, sah 
Claude, dann den Kabylen an, und pfiffig lachend 
gab er den Bescheid:
	        

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