Full text: Hessenland (15.1901)

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genannten zu einer „Sterbemedaille" wegen der darin 
zum Ausdruck gekommenen religiösen Empfindung, 
sowie ein „Portraitrelies" und das Hautrelief 
einer „Bacchantin" von Brandt wegen der vor 
züglichen Marmortechnik besonders erwähnt werden 
mögen. 
Unsere hiesigen Maler und Malerinnen nahmen 
sich, wie vorweg anzuerkennen ist, sehr zusammen, 
nur Gediegenes zu bieten, und so zeigt sich denn 
die Kasseler Kunst im Allgemeinen von günstiger 
Seite, trotzdem einige der bekanntesten Künstler 
ausgeblieben sind. 
Abgesehen von der Historienmalerei, welche auch 
hier wieder begreiflicher Weise das Stiefkind ist 
— denn die Kunst geht nach Brod —, finden wir 
alle Arten der Malerei vertreten. Genrebilder, 
Portraits, Studienköpfe, Landschaften und Still 
leben bieten sich in reicher Fülle, so daß jeder 
Geschmacksrichtung Genüge geleistet wurde. Wir 
sehen Bilder in Oel-, Pastell- und Bleistifttechnik, 
auch einige Federzeichnungen und Nadirungen, 
und überall macht sich eine gründliche Schulung, 
sowie das Streben nach gewissenhafter Durchbildung 
angenehm bemerkbar. Es bezieht sich das eben 
Gesagte natürlich nur auf die jüngeren, noch im 
Werdegange befindlichen Künstler und Künstlerinnen; 
über die an der Spitze marschirenden Meister sind 
ja die Akten längst geschlossen 
Betrachten wir die Räume der Kasseler Kunst 
im Einzelnen, so fallen besonders eine Anzahl Land 
schaften, ferner mehrere Genrebilder Matt hei's 
und die Zeichnungen W. Thielmann's in die 
Augen. Unter erstgenannten stechen wieder die 
Marinen und Gebirgsveduten Emil Neumann's, 
sowie die Stimmungsbilder Je schleus und Koch's 
vor allen anderen heraus. Neumann's grandios 
angelegte Darstellung des „Breithorns in der Schweiz", 
sein „Holländisches Strandbild" bei Mondschein 
und sein wundervoll zart und duftig behandelter 
„Kanal zu Hildesheim" sind Meisterwerke ersten 
Ranges. Die vereinsamten Gebirgshöhen unserer 
benachbarten Berge, mit einzelnen Baumgruppen 
bestanden und vom milden Dämmerlicht des Abends 
übergössen, bilden eine Spezialität Richard Jeschke's, 
welchen an sich so einfachen Motiven er einen un- 
gemein poetischen Reiz zu verleihen und dieselben 
dadurch zu tief innerlicher Wirkung zu bringen 
weiß. Biele ähnliche Züge finden wir bei den 
Darstellungen Ferdinand Koch's, wie z. B. bei 
seiner „Waldeinsamkeit", welche ebenfalls eine überaus 
ruhige, in sich geschlossene, dichterische Stimmung 
ausweist. In anderen Werken spürt er aber doch 
mehr äußeren Effekten nach, und zwar mit besonders 
gutem Gelingen bei seiner „Winterlandschaft", 
wo das Schimmern des Mondenlichts ans dem 
Schnee vorzüglich wiedergegeben ist, oder bei der 
„Herbstabendstimmung" mit der in das glühende 
Licht der scheidenden Sonne getauchten Baumgruppe 
Außer den genannten Landschaften schmücken 
noch gar viele andere die Kasseler Abtheilung, 
welche einzeln anzuführen den karg zugemessenen 
Raum weit überschreiten würde. Es berührt sehr 
angenehm, daß die Motive der größeren Mehrzahl 
nach unserer nächsten Umgebung entnommen sind, 
welche ja auch für den, der sehen kann und will, 
der intimen landschaftlichen Reize eine Menge bietet. 
Die Damen Fernande von Hugo und Johanna 
Körtling erfreuen ja allerdings mit ihren schweizer, 
harzer, resp. holländischen Ansichten nicht minder. 
Heimische Motive behandelten mit Glück und 
Talent Bertha Braunhos, Frieda Koeppel, 
Gertrud Queisner und Fräulein Rausch, 
ferner Hermann Metz, Fritz Barth, Julius 
Jung, Paul Schesser, Julius Helln er, 
Walther Merkel und Adolf Wagner. Die 
hessischen Dorfstraßen des Letztern und Hermann 
Metz' gehören mit zu den besten Gaben der Aus 
stellung, besonders wegen des in denselben zum 
Ausdruck gekommenen gesunden Realismus. 
Einige treffliche Landschaften in Aquarell aus 
Dörnberg und dem Habichtswalde sehen wir noch 
von Oskar Woite, sowie einen warm-sonnigen 
„Oktobertag aus der Schwalm" und eine charakte 
ristische Gruppe von „Oelbäumen im Sabiner 
gebirge" von T h e o d o r M a t t h e i. Beide Künstler 
bethätigten sich im klebrigen wieder als hervor 
ragende Portrait- und Genremaler. Ersterer brachte 
zwei im Jncarnat sehr lebhaft getonte Bildnisse, 
Letzterer mehrere weibliche Studienköpse aus Süd 
italien und die prächtig ausgeführten Genre-Dar 
stellungen „Der Liebesbrief". „Sein Bild" und 
„Kriegsnachrichten." 
Auf dem Gebiete der Portraitmalerei sind über 
haupt eine große Zahl erfreulicher Leistungen zu 
registriren. Sigismund Gerechter stellt in 
ganzer Figur und in der liebenswürdig unbeholfenen 
Haltung der frühen Jugend ein reizendes Mägdelein 
vor uns hin, welches von einem samos charakte- 
risirten großen Hunde bewacht wird. Fräulein 
Klara May bietet zu diesem Bilde eine Art 
wohlgelnngenes Pendant, aber in's Männliche über 
setzt. Ein allerliebstes kleines Schwälmerlieschen 
bemerken wir von Julius Müller, eine gut 
gemalte „Lautenspielerin" und die Charakt'erköpfe 
eines „Gelehrten" und eines „Antiquars" von 
Helene Braunhos, drei vortrefflich individnali- 
sirte Bildnisse, darunter das des Malers Jeschke, 
von Julius Helln er, die in kräftigen, satten 
Tönen gehaltene „Portraitstudie" einer jungen 
Dame von Julius Jung, die sehr tüchtig durch
	        

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