Full text: Hessenland (15.1901)

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und Sinn der heiligen Schrift recht gehandelt 
habe; zugleich hofft er dadurch seinen Vater zu 
bewegen, daß er ihm helfe, einen neuen, besseren 
Beruf zu ergreifen.*) Es -läßt sich annehmen, 
daß Daniel seinen Sohn, als er in den Orden 
trat, in der Weise abgesunden hatte, daß er dem 
Orden ein seinen guten Vermögeusverhältnissen 
entsprechendes Kapital oder Grundeigenthum oder 
Einkommen aus Grundeigenthum übergeben hatte. 
Es ist zwar nicht bezeugt, aber aus den sonstigen 
Umständen wahrscheinlich, daß Johann die er 
wünschte Hilfe durch seinen Vater erhalten hat. 
Ob aber der alte Daniel, der vier Jahre nachher 
das Zeitliche segnete, wirklich von seinem Sohne 
zu dessen religiöser Ueberzeugung bekehrt worden 
ist, und ob Luther's Büchlein von der Freiheit 
eines Christenmenschen, auf das Johann seinen 
Vater hinweist, und die mit dem Briefe über 
sandte, klein gedruckte Epistel zu den Römern**) 
mit dazu geholfen haben, darüber fehlt uns auch 
jede Nachricht und auch jede Möglichkeit der 
Entscheidung Es muß auffallen, daß Johann, 
wenn er zum Schlüsse schreibt: „Meine liebe Mutter 
wollest Du grüßen, dergleichen meine Brüder und 
unsere Verwandten", warum er nicht vorher ebenso 
von seiner Mutter vorausgesetzt hat, daß sie durch 
die Kunde von seinem Uebertritt zur lutherischen 
Sache erschreckt sein werde. War sie vielleicht 
schon im Einverständniß mit dem Sohne gewesen? 
Unter den Verwandten werden vor allem seine 
fcetbeit verheiratheten Schwestern und deren 
Männer zu verstehen sein. 
Daß Johann schon in Wittenberg die Druckerei 
erlernte, um sie zu seinem künftigen Lebensberus 
zu machen, und sie auch schon gelegentlich mit 
fremdem oder eigenem Werkzeug zu seinem Ge 
*) Sendbrief S. 13. 
**) Scndbries S. 9. 
brauch betrieb, wird aus diesem Sendbriefe wahr 
scheinlich, der keiner! andern als Drucker angibt 
und wohl auch kaum eine solche Ausdehnung er 
halten hätte, wenn er als Schreiben und nicht 
als Druck beabsichtigt gewesen wäre. Auch der 
klein gedruckte Römerbrief, den er seinem Vater 
mitschickte, dessen sonst nirgendwo Erwähnung 
geschieht, ging wahrscheinlich aus der von ihm 
geleiteten Presse hervor. Dazu kommt noch eine 
zweite, von ihm selbst in Wittenberg verfaßte 
und wohl auch gedruckte Schrift, die ihrem Inhalte 
nach große Aehnlichkeit mit dem Sendbrief haben 
muß; sie findet sich bei Weller im 1. Supplement 
1874 unter Nr. 272 angeführt: Ein kurtzer 
Begriff des Erfchrocklichen stands der münch, nütz 
lich vnd nottig zu leßen allen dennen, die sich 
verpflicht haben mit munchsgelübden. Gegeben 
zu Wittenburg 1523. o. O. 4 Bl. 4 von Joh. 
Schwan. Wären diese Schriften von ihm erst 
in Straßburg gedruckt worden, hätte er sich ohne 
Zweifel auch als Drucker bekannt. Weil er in 
Wittenberg kein Bürger war, konnte er jedenfalls 
keine selbstständige Druckerei betreiben, daher auch 
seinen Namen als Drucker nicht neunen. 
Zu Anfang 1524 war Johann Schwan dann 
in Straßburg mit eigener Druckerpresse thätig, 
wie das seine frühesten unterschriebenen Drucke 
beweisen, die im Mai ausgegeben wurden.*) Am 
2. Juni wurde er Straßburger Bürger auf 
Gruud seiner Heirath mit Margarethe Preuß, 
der Wittwe des Straßburger Druckers Reinhard 
Beck. Schon 1526 muß Johann gestorben sein, 
weil seine Wittwe 1527 sich von neuem ver- 
heirathete. Dr. K. Schorbach, dem ich letztere 
Angaben verdanke, schreibt ihm bisher ca. 24 
Druckwerke zu. 
*) Weller a. a. Ö., 1861. Nr. 3023. 
(Fortsetzung folgt.) 
Kasseler Kunss auf der Gemälde-Ausssellnng im Mefssiaufe. 
lle zwei Jahre öffnet sich der allerdings nicht 
besonders würdige Kunstsalon an der oberen 
Königstraße, um die zwischen einigen norddeutschen 
Städten verkehrende Wanderausstellung aufzunehmen. 
Sie ist in diesem Jahre ganz außerordentlich reich 
beschickt, so zwar, daß es unmöglich war, sämmt 
liche eingesandten Kunstwerke zu placiren. In 
verschiedenen Füllen dürfte das kein großer Verlust 
sein, denn wie bei allen derartigen Veranstaltungen 
läuft neben wenigem Trefflichen, vielem (Buten und 
noch mehr Mittelnräßigein arrch gar manches ab 
solut Minderwertige unter. Glücklicher Weise 
bietet die diesmalige Ausstellung immerhin eine 
genügende Anzahl durchaus befriedigender Nummern, 
so daß der Besucher ohne^ Aergerniß die Räume 
durchwandern kann. 
- Geht man nach dem Eintritt sofort geradeaus, 
so gelangt man in jene Kabinete, welche den 
heimischen Künstlern reservirt sind und die. uns 
heute ausschließlich beschäftigen sollen. Im Vestibül 
fesseln einige Plastiken Wiegel's, Dürrickfts 
und Brandt 's, von denen der Eutwrrrs des Zweit-
	        

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