Full text: Hessenland (15.1901)

289 
mögens und Unvermögens des Schaffenden, er 
unterschied, was abhängig von Werkzeug und 
Material, was praktisch und zweckentsprechend und 
was darüber hinaus in den Dienst einer höheren 
Idee: der Frömmigkeit, der Schönheit, gestellt war. 
Und er ahnte nicht nur verständnißvoll die 
Handgriffe der Voreltern: er strebte in heimlichem 
Wetteifer selbst darauf hin. Wie eine fränkische 
Filigranarbeit aus Silberdraht und wie dieser 
Silberdraht selbst zu Stande kam, wie ein spät 
romanischer Kampfschild aus Kalkgrund bemalt 
ward, wie man die Balkenverschränkung eines 
gothischen Dachstuhls, einen klösterlichen Bucheinband 
des 15., ein bäuerliches Küchengeräth des 18. Jahr 
hunderts fertigstellte, er hatte es bis zur Nach 
ahmung ausprobirt. Das Harmonium, das seinen 
andächtigen Verkehr mit den Meistern der Tonkunst 
vermittelte, der Dauerbrandofen mit dem hessischen 
Löwen, der seinen Nächten mehr noch als seinen 
Tagen dienen mußte, waren ganz nach seinen 
Angaben gearbeitet, der photographische Apparat, 
der ihn in sein liebes Hessenland hinausgeleitete, 
erlebte immer neue Verbesserungen seiner eigensten 
Invention. 
Bickellls Forschung umspannte die hohe und die 
niedere Kunst, er umfaßte mit warmem Verständniß 
die gothischen Dome wie die ländlichen Holzbauten, 
den Sarkophag der Landespatronin wie den Empire 
leuchter aus dem Elternhause. Er konnte Stunden 
aus die Aufnahme eines oberhessischen Hofthores 
verwenden, und darum schwand die hehre Schönheit 
von St. Elisabeth doch nicht aus seiner Seele. 
Bis an die Schwelle seiner Jugend reichte sein 
historisches Interesse herab, aber der heutigen 
Generation freilich traute er nicht die Kraft und 
die Fähigkeit zu neuen Kunstbahnen und zur 
Schaffung eines eigenen Stiles zu, und den 
praktischen Anforderungen der Gegenwart hat er 
sich oft trotzig verschlossen. 
Seine Art sich zu äußern neigte in Scherz und 
Ernst zu einer Derbheit, die aws Groteske streifte. 
Er war oft heftig und starrsinnig, er konnte un 
gerecht sein, er konnte undankbar scheinen, es gab 
Momente, wo er uns wie ein Egoist vorkam und unser 
Gefühl verletzte. Aber ein Blick aus sein Lebens 
werk und seinen Lebensinhalt genügt, um schon 
heute diese Eindrücke schwinden zu lassen. Wer 
so selbstlos einer höhern Idee lebte, wer mit 
lebenslangem Leiden, mit Dürftigkeit und Elend 
ringend doch nicht einen Augenblick an seinen 
Zielen und in seiner Bahn irre wurde, bei dem 
verstehen wir es, wenn er mit dem bischen Ge 
sundheit geizte und gelegentlich auf die Ungeduldigen 
schalt, die doch Natur und Umfang seiner körper 
lichen Gebrechen nicht ermessen sollten. 
Denn hinter seinem rauhen und eckigen Wesen 
barg sich eine spröde und schamhafte Seele, hinter 
allem Grollen und Poltern steckte die Liebe — 
und diese Liebe galt nicht nur der Heimath und 
der Kunst, sie galt auch den Menschen. Wer so 
bei allen Forschungen vom antiquarischen aufstieg 
bis zum seelischen Antheil der Menschen, der 
mußte auch ein Herz voll Liebe haben. Nichts 
rührenderes als der ängstlich fragende Blick, mit 
dem er einem sein Beileid und Mitgefühl wortlos 
entgegentrug, nichts erquickenderes als das helle, 
frohe, schelmische Leuchten seiner schönen Augen, 
wenn er einen köstlichen Fund verkünden, oder 
Einen zu etwas Freudigem beglückwünschen konnte. 
Auch sein Heimathsgefühl hatte etwas verhaltenes, 
keusches. Ich habe den Hessennamen gelegentlich 
wohl trotzig, niemals pathetisch oder sentimental 
aus seinem Munde gehört, in seinem „um:" oder 
„bei uns" aber lagen alle Töne der heimlichen 
Liebe beschlossen. Ohne Engherzigkeit war diese 
Liebe zur hessischen Heimath, wie seiner Andacht 
zum Kleinen in der Forschung jeder kleinliche 
Pedantismus ferulag. Er blieb seinen burschen- 
schastlichen Idealen treu und freute sich ehrlich des 
großen, geeinigten Vaterlandes. Aber er verlangte 
überall Respekt vor der historischen Ueberlieferung, 
auch wo ihre Eigenart nicht Reichthum, sondern 
Einschränkung aufwies. Er war stolz auf jedes 
alte Kleinod, mit dem er unsern ungleichmäßigen 
Besitz vermehren konnte, aber auch völlig offen im 
Bekenntniß unserer Armuth aus vielen Gebieten 
des Kunstlebens: ehrlich und wahrhaft in der Liebe 
wie in der Forschung! 
Wir können der Sache, der er sein Leben ge 
weiht, nicht besser dienen als in seinem Geiste. 
Und wie sich auch unsere Bestrebungen um die 
Sammlung und Vereinigung der hessischen Kunst 
alterthümer gestalten mögen, ob wir in dem be 
scheidenen Rahmen weiter wirken, den er zuerst 
gespannt hat, oder ob wir einmal ein hessisches 
Provinzialmuseum erleben, stets wird uns sein 
Bild, befreit nunmehr von allen irdischen Ge 
brechen und Zufälligkeiten, vorschweben, unser guter 
und treuer Schutzgeist, Ludwig Bickell!
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.