Full text: Hessenland (15.1901)

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Dem Andenken Ludwig Drckell's. 
Worte am Grabe des Verstorbenen gesprochen von Prof. Edward Schröder. 
Verehrte Trauergenossen! In doppeltem Auf 
trag tret ich an diese Stelle: im Namen des 
Hessischen Geschichtsvereins, dem Ludwig Bickell 
mehr als ein Menschenalter angehörte, dem er den 
besten Theil' seiner Lebensarbeit geweiht und für 
den er das geleistet hat, wodurch die Bestrebungen 
unserer Generation der Nachwelt am eindruckvollsten 
vor Augen bleiben werden; und im 
Namen der philosophischen Fakultät, 
die vor nun bald zehn Jahren dem 
gelehrten Sonderling die Würde 
eines Ehrendoktors verlieh und ihm 
damals den Jubelrus entlockte: 
„Nun sage noch einer, daß der 
Prophet nichts gilt im Vaterlande!" 
In zwiefachem Amt will ich sprechen, 
und doch nicht ohne eigenen Antrieb, 
und auch so, denk ich, im Sinne 
Vieler, die dem Umgänge des 
Verstorbenen geistersrischende und 
herzerquickende Stunden verdanken. 
Manche unter uns haben erst in 
diesen Tagen einen Einblick erhalten 
in die ganze Fülle der Entbehrungen 
und Leiden, die unseren Bickell durch 
Jahrzehnte, ja säst durch sein ganzes 
Leben begleitet haben. Hat er doch das Schwerste 
davon auch der Kenntniß der Nächststehenden 51t ent 
ziehen gewußt! Wir sind heute mehr denn je ergriffen 
von Mitgefühl, aber wir wollen nicht klagen über 
die Dürftigkeit dieses Daseins, dessen Form er sich 
zum guten Theil selbst geschaffen, und das behag 
licher zu gestalten er den Freunden eigensinnig 
verwehrt hat. Wir dürfen nicht sagen, daß sein 
Leben arm gewesen sei. Nein, es war reich an 
kleinen, stillen Freuden und an Momenten hoher, 
heimlicher Erhebung. Wenn es dem Ruhelosen in 
nächtlichem Tüfteln gelang, einem mittelalterlichen 
Kunsthandwerker das Geheimniß seiner längstver 
schollenen Fertigkeiten abzulauschen, wenn er beim 
unermüdlichen Verrücken seiner Camera in einer 
gothischen Kirche zu Durchblicken von ungeahnter 
Schönheit und zur tiefsten Erfassung der architek 
tonischen Absichten des Erbauers gelangte, wenn 
Ludwig Bickell. 
— (Nachdruck verboten.) 
ihm der neidische Epheu ein Jahrhunderten ent 
zogenes Schönheitsbild wiedergeben mußte, wenn 
ihm ein bestimmt erschlossenes und längst gesuchtes 
Bindeglied einer Entwicklungsreihe in der Wirklich 
keit entgegentrat, ja, das waren für ihn Stunden 
Hellen Sonnenscheins. Oder wenn der Einsame, 
der doch ein so guter Kamerad sein konnte, in 
seiner Klause von Alterthums- 
sreunden und Kunstforschern aus 
aller Welt um Auskunft angesprochen 
wurde, wenn er dem obersten Chef 
der preußischen Denkmälerpflege als 
berufenster Führer die Reize des 
alten Hameln erläutern durfte, 
wenn in weit vorgerückter Stunde 
strebsame junge Architekten aus der 
Schule Schäser's und Otzen^s 
seiner Belehrung lauschten, die stets 
die ganze Linie vom handwerks 
mäßigen Detail, ja vom Material 
bis hinaus zur reinen Schönheits- 
Wirkung durchmaß, dann mußte er 
sich doch sagen, daß er nicht 
umsonst gelebt habe und daß 
der göttliche Funke aus ihm in's 
Weite leuchtete, wie Vieles auch 
Erstrebten und Ersehnten unerreicht 
von dem 
blieb. 
Ludwig Bickell war ein Gelehrter, gleichfern von 
jedem Zünftlerthum wie vom Dilettantismus. Sein 
Wissen war kein Bücherwissen, ja es war vielleicht 
in den letzten Jahren zu wenig gestützt und ge 
fördert durch die Literatur. Dafür stand ihm 
aber ein Reichthum von lebensvoller Anschauung 
zu Gebote, wie wenigen unter seinen Fachgenossen, 
und eine Vereinigung vom technischem, ästhetischem 
und historischem Verständniß, wie keinem einzigen 
neben ihm. Er sah nicht nur, wonach wir alle 
auf dem Felde geschichtlicher Forschung streben und 
was wir auch zumeist erreichen, das einzelne Denk 
mal oder Kunstprodukt als Glied einer Kette, in 
seiner historischen Bedingtheit, nein, er sah es auch 
unter den Bedingungen seiner Herstellung, er er 
kannte oder erforschte den Grad technischen Ver-
	        

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