Full text: Hessenland (15.1901)

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Unruhe des Vergänglichen erlöst, in tiefer Ruhe 
die Sonne untergehen sieht. 
Wie aber wird uns zu Muthe- wenn wir diese 
Anforderung hören und ans die uns umgebende 
Welt sehen, in welcher Hunger und Elend jammern, 
Haß und Mord wüthen, Kleinheit und Hohlheit sich 
breit machen in verächtlichem Wohlleben? 
Wer ist der Tröster in diesem Chaos des Welt 
lebens, wo ist die Zufluchtsstätte, iu der wir 
vorahnend die Möglichkeit und die Seligkeit der 
Erlösung des gefangenen Gottes in uns feiern? 
Der Genius ist der Tröster, die Kunst ist die 
Zufluchtsstätte. Der Genius, welcher als ein Bote 
aus dem Reich der Ideale uns unser eigenes Denken 
und Empfinden mit der Fackel herrlicher Offen 
barungen beleuchtet. Die wahre, reine, hehre Kunst, 
insbesondere die dramatische von der Musik verklärt, 
in welcher wir das Mysterium der Erlösung in den 
tragischen Helden miterleben. 
tu Donnerstag den 28. October wurde plötzlich 
Hanau, Morgens um 6^/2 Uhr, von einigen 
100 bayrischen Reutern so schnell besetzt, daß 
selbst der größte Theil der Einwohner nichts da 
von gewahr wurde. Sehr bald war jedoch die 
ganze Stadt in Bewegung, und von allen Seiten 
ertönte lauter Jubel, welcher leider nur zu bald 
dadurch unterbrochen wurde, daß Nachricht von 
einer von Fuld aus anrückenden französischen 
Colonne eintraf, und von Seiten der Bayern, 
weil die erwartete Infanterie noch nicht eingetroffen 
war, der Rückzug mit vielen Gefangenen an 
getreten wurde. Die französische circa 6000 Mann 
starke Colonne traf wirklich um 5 Uhr ein, zog 
aber, in Gemäßheit einer mit dem hiesigen Präfecten 
geschlossenen Convention an der Kinzigbrücke vor 
bei. Kaum war der Zug passirt, als ohngefähr 
um 7 Uhr österreichische und bayrische Infanterie 
in aller Stille einrückte und sogleich die ganze 
Stadt besetzte. 
Am andern Tag rückte das Gros der Armee 
nach, und es wurden sogleich von dem comman- 
direnden General Wrede Recognoscirungn an- 
gestellt und Vorkehrungen getroffen, welche ein 
*) Dieser authentische Bericht stammt von einem Jugend 
freunde der Brüder Grimm, Meisterlin, datirt den 
10. November 1813, und ist uns von Herrn Professor 
Reinhold Steig in Berlin mitgetheilt worden. 
D. Red. 
Und wir besitzen das, wir haben die Tröster, 
wir haben die Zufluchtsstätte. Ist das nicht un 
ermeßlich viel? 
Ja, wir haben nod) mehr, wenn wir mit Ernst 
und Wahrhaftigkeit den Blick nach Innen richten 
und den Gott in uns suchen. Er ist da, in 
uns Allen und rüst nach Erlösung, nach Befreiung 
aus dem engen Gefängniß. Er will wieder aus 
Erden wandeln, ein Gott unter Göttern. Ihr 
könnt ihn befreien, Ihr könnt ihn erlösen, wenn 
Ihr nur ernstlich wollt. — — — — — — — 
Ein linder Lufthauch, auf dem sich Blumendüfte 
wiegten, weckte mich aus meinem Gedanken und es 
war mir, als strahlte das Antlitz des Apoll von 
Belvedere noch siegreicher, als lächle der Eroö 
freudiger, als schaue der Minerva sinnendes Auge 
eine ferne, erfüllte Zukunft und als sängen sie Alle 
leise einen Hymnus von dem, was noch kein Auge 
geschaut und kein Ohr gehört hat, und was doch 
Gewißheit ist, ewige, untrügliche, siegende Gewißheit. 
ernsthaftes Gefecht vermuthen ließen. Denselben 
Morgen vernahm man schon eine ziemlich be 
deutende Kanonade von Rückingen her, welche sich 
immer näher zog und damit endigte, daß sich 
1200 Franzosen ergeben mußten. Dieses erweckte 
überall Zutrauen, und schon glaubten Biele, daß 
alle Gefahr vorüber sei, als man plötzlich den 
Sonnabend Morgen um 6 Uhr abermals Kanonen 
schüsse hörte, welche wieder immer häufiger wurden 
und näher und näher rückten. Ob Napoleon 
selbst bei der Armee sei, wußte man nicht be 
stimmt, indessen ließ sich daraus, daß alle Bayern 
und Oesterreicher ausrücken mußten und das Ge 
fecht immer ernsthafter wurde, mit Grund schließen, 
daß die französische Hauptarmee vor den Thoren 
sei. Um 11 Uhr hatten die Franzosen den ganzen 
Lamboy-Wald bis an den Neuhof bereits occupirt, 
und jetzt sah ich selbst von dem Thurn, wie die 
Bayern und Oesterreicher von der Lamboy-Brücke 
bis über den Gelnhänser Weg aufgestellt waren 
und das Hervordrillgen der Franzosen aus dem 
Wald zu verhindern suchten. Mit wüthender 
Hartnäckigkeit wurde den ganzen Tag gefochten, 
bis auf einmal gegen 5 Uhr die Franzosen das 
Celltrum der Alliirten zum Weichen brachten uub 
solche zum Rückzug in die Stadt zwangen. Bon 
diesem Augenblick an strömten die unordeiltlichen 
französischen Haufen an der Kinzigbrücke die 
ganze Nacht durch ununterbrochen vorbei, jedoch 
-«-<4* 
Die Schlacht bei Kanau. 
Bericht eines A u g e n z e u g e n.*)
	        

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