Full text: Hessenland (15.1901)

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etwas Anderes ist; dafür weiß ich aber und kann 
es Schritt für Schritt verfolgen, daß alle ethischen 
Phänomene nur Folge von Gewohnheit, Vererbung 
und historisch entwickelter Anschauung, und keines 
wegs angebornes Bewußtsein sind, daß wir also 
keinerlei Recht haben, von ihnen aus eine meta 
physische, hinter der unsrigen liegende Welt zu 
schließen — wollte die Wissenschaft uns dies sagen, 
so dürsten wir ihr doch erwidern: beweisen 
kannst bu uns auch hier nur, daß die Ansichten 
über diese und jene ethische Erscheinung sich geändert 
oder entwickelt haben, z. B. daß es eine Zeit gab, 
in welcher man das Mitleid verächtlich, die Rache 
edel und lobenswert!) fand. Die Ansichten aber 
sind Sache des Intellekts, welcher sich, wie man 
es bei jedem Kinde sehen kann, allmählich entwickelt 
und seine Begriffe nach der jedesmaligen Stufe 
seiner Entwickelung modisizirt oder völlig verändert. 
Wenn nun der Intellekt als ein der Welt der 
Vorstellung zugetheiltes, in ihr thätiges und er 
kennendes Vermögen, die Geschichte der moralischen 
Empfindungen aus Grund ernster Forschung zu 
erklären unternimmt, so wird das jedenfalls sehr- 
belehrend sein und uns über eine Menge Irrthümer 
ans diesem Gebiet aufklären, wie die Darwinsche 
Theorie vom Kampf nm's Dasein uns über eine 
Menge Irrthümer aus biologischem Gebiet auf 
klärte. Ein Anderes ist es aber, diese Geschichte 
der Entwickelung innerhalb der Bedingungen von 
Raum, Zeit und Vorstellung zu beschreiben und 
den lebten Ursprung der Empfindungen überhaupt 
ansfinden, die sich entschieden im frühesten Zustand 
des Menschengeschlechtes vorfinden, wenn auch nur 
instinktiv, ohne sich noch im Spiegel des Intellekts 
erkennend betrachtet 311 haben. Sind sie doch schon 
bei den höheren Thieren da, wie Zorn, Wuth, List, 
Liebe, Treue, Mitleid u. A. — Der Ursprung 
dieser Empfindungen überhaupt muß daher wohl 
tief im Grunde des Seins gesucht werden, da, bis 
wohin kein in der Welt der Vorstellung befangenes 
Auge reicht. Denn es wäre sicher auch selbst der 
Logik des radikalsten Materialisten unmöglich, zu 
beweisen, wie plötzlich solche Empfindungen in der 
chemischen Kombination bewußtloser Atome auf 
tauchen sollten, wenn sie nicht bereits als Möglich 
keiten in denselben gelegen hätten. Aber nicht nur 
das; es läßt sich gewiß mit Sicherheit sagen, daß, 
soweit unser Auge zurückreicht in die Nacht der 
Zeiten, wir in allem Lebenden ein Streben über 
sich hinaus, zu etwas Höherem, Entwickelterem, 
Voltkominnerem wahrnehmen. Ans den niederen 
Stufen des organischen Lebens entspricht dies 
Streben der Darwin'schen Lehre. In der Sphäre 
höher organisirter, geist- und bewnßtseinssähiger 
Wesen schreitet es von den rohesten Anfängen an 
fort zu höherem Wissen, zu größerem Können, zu 
edlerem Wollen. Es trat auf im Gewände der 
Naturreligionen, es sang in den Veda-Hymnen zu 
den segenspendenden Naturkrästen, welche als wohl 
thätige Wesen über dem irdischen Leben walteten. 
Es wurde zur idealisirenden Kunst bei den Griechen 
und schuf die herrlichen Typen einer Gott-Mensch 
heit. Es offenbarte sich in einem einzig tiefen 
Herzen, welches es in den schmachvollsten Tod trieb, 
um das Evangelium der welterlösenden Liebe zu 
besiegeln. Es erwachte wieder nach langem, dumpfen 
Winterschlase und, weil die sogenannte wirkliche 
Welt ihm immer feindlich entgegen trat, flüchtete 
es in das Gebiet der Kunst und schuf durch Rafael'8 
Genius eine ideale Welt voll holdseliger Wesen 
aus blumengeschmückter Erde, einen verklärten Aus 
druck der uralten Empfindung, daß der zum Geist 
organisirte Mensch ein höheres Ziel hat als der 
Gorilla, und daß, selbst wenn er auch nicht aus 
einer Gotterheimath stammt, er sich eine Götter- 
heimath schaffen, ihr mit allen Kräften seines 
Wesens zustreben soll. 
Was beißt das nun wieder? wird man sagen; 
das ist wieder einer von den utopistischen Träumen, 
welche die Phantasten aller Zeiten geträumt haben, 
ohne sie jemals verwirklichen zu können. 
Wäre es schon zunächst auch nur das, so wäre 
es immer vorzuziehen so zu träumen, als das traum- 
lose Leben der Philister zu führen, welche sehr ver 
traut mit ihren Götzen umgehen, ohne je daran zu 
denken, daß sie den Gott in sich zu enthüllen 
haben, zu dessen Ebenbilde, wie sie doch sagen, wir 
geschaffen sind. 
Aber es ist mehr als ein Traum! Ja, Ihr 
Spötter, Ihr hvchmüthigen Thoren, lacht nur/ oder 
fürchtet Euch, wie Ihr wollt. Es ist eine Wirklich 
keit, gegen welche Eure Wirklichkeit ein schales, ge 
meines Trugbild ist. Den G0tt in nns zu ent 
hüllen, das ist der rothe Faden, welcher durch die 
Geschichte geht, das ist das Ziel des geheimniß 
vollen Zuges, welcher sich immer wieder Bahn bricht 
und sich aus einer Form in die andere flüchtet, 
wenn die erste dein Schicksal alles Vergänglichen 
unterliegt. Ist das nicht in dem erhabensten 
Mythos, welcher sich je um eine menschliche Gestalt 
schlang, ausgedrückt? Am Kreuze starb die ver 
gängliche Form und der im Leiden und im Liebeö- 
opfer erlöste Gott stieg aus in die Freiheit, ans 
der er stammte. Meint das nicht Schopenhauer 
mit seinem soviel mißverstandenen Ausdruck der 
Verneinung des Willens zum Leben? Der blinde 
Drang, welcher nur nach Dasein und Genießen ver 
langt, muß sich wie ein gebändigter Lene zu den 
Füßen des Weisen niederlegen, welcher, ans der
	        

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