Full text: Hessenland (15.1901)

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man die Selbsttreue einer solchen Individualität, 
wie die der Jdealistin, sich anders erklären als 
durch die Annahme einer bewundernswerthen Ver 
anlagung zum Schönen, da diese Natur trotz aller 
bitteren Lebenserfahrungen, die sie zum inneren 
ltnb äußeren Bruch mit ihren Familienangehörigen, 
zum Verlust der Liebe eines ihr gleichgearteten, 
nach Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit dürstenden 
Mannes, in's Exil und zu säst ruhelosen Wande 
rungen führte, bei alle dem sich niemals selbst 
aufgab, niemals von der Richtung nach dein 
magnetischen Pol ihrer Gesinnungshoheit abwich? 
Sagt die Denkerin doch selbst, der wahre Charakter 
des Menschen wäre das Seiende, das Bleibende, 
das Metaphysische. Nun Hütte ihr erleuchteter 
Sinn doch auch darauf verfallen müssen, daß 
nicht nur das Gute, sondern auch das Böse ewig 
ist, nicht nur das Edle, sondern -auch das Ge 
meine, nicht nur die Sehnsucht des Geistes nach 
Erkenntniß, sondern auch die apathische Gleich 
gültigkeit gegen alles tiefere, ernste Forschen. 
Nicht nur das Positive — man mag es aufbauen, 
auf welchem Grund man auch wolle—, sondern auch 
das Negative ist ewig. Trotzdem, daß solche Er 
wägungen ihr nahe liegen mußten und trotzdem 
sie bei den Gedanken an die Ewigkeit des Seins 
nicht die des Vergehens übersehen konnte, ist es 
ihr nie eingefallen, auch nur irgend etwas anderes 
im Menschen für wesentlich zu halten und zu er 
klären als das Gute. Wie soll man sich das zu 
recht legen? Ist hier eine bewußte Tünschung? 
Das wäre ein schweres Unrecht an der Reinheit 
und Lauterkeit des Charakters der Jdealistin. 
Es bleibt nur eins übrig: der scharfe und geschulte 
Intellekt Malvida's von Meysenbng wurde stets 
durch die natürliche Veranlagung zum Guten in 
ihr beherrscht. Ihr Intellekt war ein rastloser 
Renner, der sich in den weiten Bahnen großer 
Denker, namentlich S ch o p e n h a u e r' 6. und 
Goethe'.s tummelte und siegreich seine Selbst 
ständigkeit errang, ohne sich eine fremde Gangart 
anzueignen; der muthige Renner wurde aber stets 
von einem guten Reiter, einem edlen Ritter, dem 
zum Edlen geborenen Gemüth gelenkt. Malvida 
von Meysenbng vereinigt den Intellekt eines Mannes 
mit bcm Gemüth eines edlen Weibes. Hiermit 
soll nicht gesagt sein, daß sich der Charakter der 
Jdealistin nicht entwickelt habe. Gewiß, auch sie 
hat einst die Maske einer ihr unbewußt auferlegten 
Geistesbildung getragen, aber sie hat dieselbe mit 
der Entschiedenheit eines frei sich entwickelnden 
Geistes von sich geworfen. 
Die Stufen der Entwickelung der Jdealistin hat 
sie selbst in ihren Büchern jedermann offen und klar 
dargelegt. In dogmatisch orthodoxem Christenthum 
erzogen, streifte sie, sobald sich ihr die Feuerseele eines 
gleichgearteten, freidenkenden und geistvollen Jüng 
lings nahte, die Fesseln einer ihren Geist einengenden 
traditionellen Glaubensbewunderung ab. In der 
Liebe zu einem Mann entfaltete sich zum ersten 
Male die Knospe ihrer seelischen Individualität. 
Sie hat aber in der Liebe zu dem Erwählten 
ihres Herzens auch einen Ersatz für das Ab 
geworfene gefunden, nämlich den Lebensgrundsatz, 
daß die Freiheit des Denkens und Handelns die 
thätige Liebe zu den Mitmenschen zur Bedingung 
mache. Hiermit war der eine Pol ihres Innen 
lebens gelegt; der zweite entstand nicht minder 
durch äußere Schicksale' wie der erste. Bei seinem 
Tode hinterließ der Vater Malvida's von Meysen- 
bug ein Vermögen, das den Hinterbliebenen un 
geahnte Beschränkungen der Lebensweise auferlegte. 
Die Tochter sah bald ein, daß die von ihr be 
gonnene Unabhängigkeit des Geistes nur bei 
ökonomischer Unabhängigkeit fortgesetzt werden 
könne. Auf diese Weise gelangte Malvida zur 
F r a u e n f r a g e und ist bis aus den heutigen Tag 
eine muthige Vorkämpfern! für die Emanzipation 
der Frau geblieben. Sie sucht aber die Erreichung 
des Zieles nicht in dem Erhaschen der Erwerbs 
zweige des Mannes, sondern in einer prinzipiellen 
Umgestaltung der gesammten Erziehung des weib 
lichen Geschlechtes. Erst dann hat auch die von 
ihr erhoffte Gleichberechtigung des Weibes in 
politischen Dingen einen Sinn, wie gleichfalls 
der von ihr in keiner Hinsicht bezweifelte wohl 
thätige Einfluß der Frauen auf den Gang der 
Politik. 
Ihre Ansichten über diese praktische Lebensfrage 
wie über die Grundlage einer wahren Geistes 
bildung hat sich die Jdealistin durch eifriges 
Studium philosophischer Schriften und durch beit 
beneidenswerthen Umgang mit zahlreichen hoch 
bedeutenden Männern und Frauen ihres Zeit 
alters erworben. Charakteristisch ist, daß sie für 
die Seite ihres künstlerischen Gemüths am meisten 
Goethe, für die Ausbildung, ihres' Intellekts 
am meisten Schopenhauer gefolgt ist. Nach 
einer logischen Begründung des in ihr liegenden 
Idealismus sich umsehend, greift sie zu dem bei 
Schopenhauer überall in den Vordergrund treten 
den Kausalitütspriitzip. Hieran klammert sich 
ihr Idealismus. Von Nietzsche*) — dessen 
Uebermenschenthum das Gegentheil ihres Ideals 
ist — wendet sie sich frühzeitig ab, weil er, wie 
viele andere, das Prinzip der Kausalität in ein 
*) Ueber ihr Verhältniß zu Nietzsche vergl. „Friedrich 
Nietzsche's Gesammelte Briefe" (Berlin 1900), Band I, 
in denen außerordentlich viel non Nietzsche über Malvida 
von Meysenbng gehandelt wird. Anm. d. Red.
	        

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