Full text: Hessenland (15.1901)

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lkalvida von 
jsgm 28. Oktober erlebt unsere vortreffliche 
Landsmännin M a l v i d a v o n M e y s e n b u g 
den Abschluß ihres 85. Lebensjahres. Welcher 
Ernst liegt in dieser Zahl und welche Wonne! 
Die Wonne eines rastlos thätigen Geistes ist ihr 
treu geblieben. — Die Flamme, die sich über 
dem Werden und Weben ihres Geistes entzündete, 
ist nicht erloschen und leuchtet mit strahlender 
Kraft über die Schwelle eines neuen Jahrhunderts. 
Ihr reines und reiches Gemüth hat viele Herzen 
zu dauernder Begeisterung entflammt, ohne sich 
in dem Ausströmen von so viel intensiver Glnth 
zu erschöpfen. 
Malvida von Meysenbug ist eben eine gott 
begnadete Natur, sie giebt immerfort aus dem 
Reichthum ihres slnthenden Seins, und die Körner 
ihrer Weisheit vervielfältigen sich zusehends unter 
den Bewegungen ihrer säenden Hand. Ihre Ideal 
welt ist die geheime Werkstätte reichen Denkens 
und Wollens, ein Heiligthum, das sie sich selbst 
geschaffen, ein Künstlerheim, in dem ein großer 
Intellekt und ein starkes Gemüth die Künstler 
waren, welche die reine und edle Seele Malvida's 
geschaffen haben. 
Es giebt nur wenige Menschen, die ihr Innerstes 
aller Welt so offenbart haben, wie es Malvida 
von Meysenbug gethan hat, vorausgesetzt, daß sie 
sich nicht über ihre eigene Natur getäuscht hat. 
Eine Täuschung ist jedoch bei einer mit so seiner 
und stets wachsamer Beobachtungsgabe ausgestatteten 
Natur so gut wie ausgeschlossen. Wie ganz anders 
sind doch die Memoiren derer beschaffen, die ans 
ihren Lebenserinnerungen Weihrauchwolken für ihre 
vermeintliche Größe und Bedeutung aufsteigen 
lassen oder ihre Memoiren als Maske benutzen, 
unter der sie ihr wahres Gesicht verbergen. 
Malvida von Meysenbug nennt sich eine 
Jdealistin und thut das mit der Ueberzeugung, 
daß sie dazu ein von niemand zu bestreitendes 
Recht habe, sie thut es mit dem Muthe einer 
freien, starken und • großen Seele. Sie nimmt 
den Namen einer Jdealistin nicht aus dem Ruse 
achselzuckender Spötter auf, um sich daraus einen 
Ehrentitel zu machen, sie nennt sich nicht darum 
eine Jdealistin, weil sie eine unpraktische 
lliepsenbug. 
Schwärmerin ist, die in unzugänglichen Höhen 
schwebend die Welt nur in dem ausgleichenden 
Schimmer der Ferne sieht, sondern aus einem 
realen Grunde. Ihr Idealismus ist nicht aus 
den Flügeln irgend einer Religion, nicht aus den 
Höhen irgend einer Metaphysik, nicht aus den 
himmlischen Sphären irgend einer Kunst zu ihr 
auf die Erde gekommen, sondern er ist ihr an 
geboren, ein Antochthone ihres Herzens. Sie hat 
der Welt in's Angesicht gesehn und in ihren 
Mienen die Züge der Vergänglichkeit und unver 
gänglichen Seins erkannt. Diesem starken 
Pessimismus ihres Intellekts vermählte sich die 
großartige Reinheit eines zu edlem Thun ge 
borenen Herzens. 
Wenn ich sage, daß ihr Idealismus ein an 
geborener ist, so will ich damit nicht leugnen, 
daß der größte Theil von dem, was Malvida 
von Meysenbug ist, erworbenes, selbst erworbenes 
und heiß erstrittenes Gut ist, aber doch nur 
quantitativ, doch nur in dem Sinne, daß es viel 
schwerer ist zu erhalten als zu erwerben. 
Eine schöne Menschenseele finden, sagt Herder, ist 
Gewinn. Dies Glück hat Malvida von Meysenbug 
gehabt: sie fand ihre eigene Seele. Sie hat auch 
den höheren Gewinn erlebt, daß sie sich den Fund 
erhielt. Den schönsten Gewinn im Sinne der 
Herder'schen Legende konnte sie freilich nicht er 
werben, nämlich ihre Seele zu retten. Sie ist 
ihr nie verloren gegangen. 
Hierin liegt die eigenartige Macht dieser Seele, 
und das ist es, was ich das Angeborene nennen 
möchte. Der Starke wird als Starker geboren. 
Er kann seine Kräfte durch Uebung vermehren, 
er kann zeitweilig erlahmen, allein die angeborene 
Kraft der Seele wird ihn bis zur Katastrophe und 
gegebenen Falls über sie hinaus nicht verlassen. 
Das läßt sich aus den Schriften der hochbegabten 
Frau beweisen. Oder, wie will man es erklären, 
daß diese Frau, ans einem adeligen Geschlecht 
stammend, den ganzen Verlauf ihres Lebens so 
gestaltete, daß sie, von Stufe zu Stufe vorschreitend, 
die Aristrokratie des Herzens in einem inneren 
Adel der Seele, in dem Idealismus des Schönen 
im Denken und Thun suchte und fand? Wie will
	        

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