Full text: Hessenland (15.1901)

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knirschenden Schnee, kauert da ein allerliebstes 
Dachshündlein, als ob eZ Einlaß begehre. „Armer 
Kleiner", sagte der gutmüthige Alte, „komm herein!" 
und damit öffnet er ihm die Thür zur warmen 
Stube. Kaum aber war der Hund vor ihm her 
dorthin getrottet, da erhob sich in der Luft ein 
Geschrei, ein Johlen und Rauschen und Rufen, und 
die Ziegeln klapperten und die Fenster klirrten, 
als ob die Hölle los wäre, und dazwischen hörte 
der Müller gellend einen Hundenamen rufen, und 
— da fam’3 ihm zum Bewußtsein: der taube 
Jäger! er ist's, dem das Hündlein gehört. Er 
öffnete die Thür, und als es draußen zwischen den 
Waldriesen verschwand, entfernte sich weiter und 
weiter das laute Hussa und Halloh, bis es endlich 
weit, weit im Thale gänzlich erstarb. 
4. Der Goldkessel. 
Im Forstort „Kessel" *) liegt ein großer Kessel 
voll Gold vergraben. Nun hatten sich drei Männer 
zusammengethan, diesen Schatz zu heben. Alles 
war bis aufis Kleinste vorbereitet, sogar der Sack 
nicht vergessen, in den sie die Goldstücke zu thun ge 
dachten. Bald that die Wünschelruthe ihre Schuldig 
keit und hüpfte dreimal lustig empor. Das „still 
schweigende" Graben begann, und mancher Schweiß 
tropfen fiel aus die Erde. Und, o Wunder, schon zeigte 
sich den erstaunten sechs Augen der goldgesüllte 
Kessel. Frisch ging's an's Werk, ihn herauszuheben. 
Jetzt galt es noch eine letzte Anstrengung, darum 
alle Kraft zusammengenommen. Hei, wie bliesen die 
drei die Backen auf und stemmten die Beine gegen 
die Erde! Doch als er garnicht weichen wollte, 
rief einer so recht kurzathmig: „Hebt!!" wie die 
Maurer zu thun Pflegen, wenn sie einen schweren 
Stein wälzen. In demselben Augenblicke that's 
einen gewaltigen Donnerschlag: die drei Goldgräber 
fuhren mit ihren Köpfen zusammen, daß dieselben 
einen hohlen Klang gaben. Der Kessel aber mit 
all den gleißenden Schätzen war wohl 100 Klafter- 
tief in die Erde versunken — und dort liegt er 
noch heute. 
5. Am Weiherodsteich**). 
Ties drinnen im Walde zwischen Wiera und 
Willingshausen liegt in der Wasenberger Gemarkung 
der Weiherodsteich. Er ist jetzt nur noch klein, 
ganz mit Schilf bewachsen, aber ehemals war er 
*) Zwischen Obergrenzebach und Steina. 
**) Weiherode oder Weiderode ist ein ausgegangener Ort 
bei Wiera. 
groß, wohl 1 Im, tief und fischreich: er war der 
Dorfteich von Weiderode. Das Dorf aber ist 
längst verschwunden. Da, wo der Teich am tiefsten 
ist, steht jetzt noch eine alte, knorrige Eiche. Sie 
ist nicht sehr hoch, aber ihre Aeste breitet sie weit 
hin schattend über das Wasser 
Einstmals wollten zwei Wieraer Burschen Nachts 
in dem Teiche fischen. Als sie jedoch an denselben 
herankamen, sahen sie ein Feuerchen unter der Eiche 
brennen. Sie gewahrten ein kleines, graues Männ 
chen dabei. Es kehrte ihnen den Rücken und 
blätterte in großen Büchern, die es nahm und dann 
wieder beiseite legte. Eine Zeit lang sahen die 
Wieraer dieser Beschäftigung zu, dann faßte sich 
der eine ein Herz und sagte: „Was machen wir 
denn hier?" „Stecke deine Nase in den Kalender, 
dann weißt dws", sagte der Graue, ohne sich um 
zusehen. Weil die Stimme gar so absonderlich 
klang und ihnen alles so gruselig vorkam, traten 
die Burschen den Rückzug an. Und als sie in der 
„Johanniswiese" angelangt waren, da liefen sie, 
was sie konnten — sind auch nie wieder nachts 
fischen, gegangen. Mancher hat aber auch später 
noch am Weiherodsteiche nächtlicher Weise den 
hierher verbannten Granen rufen hören: „Drei 
Schoppen Wasser und ein Schoppen Wein giebt 
auch ein Maß!" .... 
6. Die wundersamen Laubblütter. 
Eine Witwe - besaß nur eine Ziege und sonst 
kein Vermögen. Eines Tages ging sie in die 
Landsburg, Futter für dieselbe zu sicheln. Dabei 
geriethen auch einige Blätter unter ihr Gras, die 
ihr seltsam vorkamen. Als sie zu Hause den Sack 
ausleerte, fielen zugleich einige Goldstücke auf die 
Erde. Die rührten von nichts Anderm her als 
von den wundersamen Blättern. Die arme Frau 
wußte dies auch gleich und eilte zur Landsburg 
zurück, aber sie konnte dort keine Gold-Blätter 
mehr entdecken. 
In der einzigen älteren Stadtrechnung vom 
Jahre 1605, die sich im Fritzlarer Stadtarchiv er 
halten hat, findet sich unter der „entzelen außgifft 
q. Jnvocavit" ein bemerkenswerther Eintrag über 
eine Beihülfe, die die Stadt Fritzlar dem hessischen 
Chronisten Wilhelm Dilich zu seiner Chronik 
bewilligt hat: „XVII t. Ylllß Wilhelmo Dilichio 
von der Heßischen cronichen uß beider burgermeister 
gehaiß ahn 4 Rdalrn geben, dessen sein 26 alb. 
dem botten gegeben so mitt eingerechnet." g. g.
	        

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