Full text: Hessenland (15.1901)

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schwerfällig massiven Armsessel jener Zeit, sinnend, 
leicht emporblickend, da. Die rechte Hand stützt 
das Kinn, der linke Arm hängt frei herab. Im 
Hintergrund links sieht man ihr schönes Goethe 
denkmal, den Dichter wie Jupiter auf dem Thron 
mit dem geflügelten Genius, der in die Saiten 
seiner Lyra greift; rechts steht ein runder Tisch, 
auf dessen Decke drei Bände liegen (wahrscheinlich 
soll es ihr „Briefwechsel" sein), von einer voll 
erblühten Rose gekrönt. Links unten in der Ecke 
heißt es: „29. Nov. 1838. aä. viv. Cassel", 
und unter dem Ganzen liest man, offenbar in 
der Handschrift Bettinens, ihren Namen. Dies 
Porträt ist ein höchst stimmungsvolles Kunstwerk, 
zugleich aber auch eine seine Huldigung für die 
merkwürdige Frau, denn in dem Denkmal, dem 
Buch und der Rose ist die Quintessenz ihres 
Wesens und ihres Lebenswerkes zart symbolisch 
ausgedrückt. Ja, mir scheint sogar darin ein 
Sinn zu liegen, und ein sehr bedeutungsvoller, 
daß, wenn schon das Ganze sorgfältig ausgeführt 
ist, doch der Kopf sich ganz besonders liebevoll 
behandelt zeigt und geradezu ein Wunderwerk 
der Radirkunst genannt werden muß. Der 
Ausdruck verräth eine eigenthümliche Mischung 
von Verstand, Phantasie, Kühnheit, Offenheit 
und leiser Schwermuth. 
Ein Jahr vorher hat dem Künstler Bettinens 
Bruder Clemens zum Bilde gesessen, und dies 
Blatt ist in mehrfacher Hinsicht ein Gegenstück 
zu dem Porträt Bettinens, da beide Bildnisse 
Nicht nur ziemlich aus derselben Zeit stammen, 
sondern auch in der Anlage und der Idee ent 
schiedene Aehnlichkeit zeigen. Denn auch Clemens 
ist in fast vollständiger Figur sitzend dargestellt 
und auch bei ihm, und zwar mit augenscheinlicher 
Absicht, findet sich in der Staffage, hier in Form 
von Arabesken an der Wand, eine Symbolisirung 
seiner Dichtung und seines Charakters sehr sinn 
reich angedeutet. Man sieht nämlich in allerlei 
krausen Verschlingungen, wie sie die Gedanken- 
gänge und Dichtungen des genialen Brentano 
übergenug bieten, Figuren aus „Gockel, Hinkel 
und Gackeleia" neben dem Kruzifix und dem 
Bild einer Nonne. Clemens selbst sitzt in einem 
langen Rock mit einem schwarzen Tuch uin den 
Hals am Schreibtisch. Vor ihm liegen Bücher, 
deren eines, aufgeschlagen, mit Spangen an der 
Seite, die Visionen der Katharina Emmerich zu 
enthalten scheint. Ganz rechts im Vordergrund 
steht entweder als bloße Nippsache oder etwa als 
Petschaft die kleine Figur der Puppe mit dem 
Ring Salomonis ans dem Gockelmärchen. Bren- 
tano's Gesichtszüge haben hier etwas Spitzes, 
Scharfes und Verstecktes. Namentlich um den 
Mund füllt ein meprisanter Zug auf. Vortrefflich 
gezeichnet sind wieder die Hände, und überhaupt 
als Porträt gehört das Blatt zu den vorzüglichsten. 
Wenn man die Gattung der Porträtmalerei 
(als Darstellung der unbewegten Menschengestalt) 
in einem weiteren Umfang, als gewöhnlich ge 
schieht, abgrenzt, sodaß ein guter Theil der 
Historie dazu gehört, so darf man andererseits 
wieder im engeren und schärferen Sinn die Be 
hauptung aufstellen, daß neben dem Porträt 
eigentlich nur noch die Landschaft ein wahrhaft 
geeigneter Vorwurf für die bildliche Darstellung 
genannt werden kann. Denn da die bildende 
Kunst, als eine rein räumliche, auf wirkliche 
Bewegung ihrer Gegenstände nun einmal ver 
zichten rnuß, so ist sie von vornherein auf die 
Darstellung irgendwie ruhender Körper ange 
wiesen, und es hat auch, falls hiervon abgewichen 
wird, (namentlich in der Plastik) etwas unleugbar 
Widersinniges und aus die Dauer höchst Pein 
liches, wenn man einen scheinbar schnell bewegten 
Körper bei längerer Betrachtung doch natürlich 
immer wieder stillstehen sieht. Daher haben auch 
die großen Meister, wo sie sich nicht auf das 
Porträt (in jenem weiteren Sinn des Wortes, 
wozu denn z. B. alle Madonnen und Christus 
ani Kreuz gehören) und auf die Landschaft be 
schränken, meist solche Momente der Bewegung 
gewählt, die entweder durch ihre Bedeutsamkeit 
oder ihre Schönheit den Wunsch wenigstens nach 
einer Dauer veranlassen, die ihnen die Kunst ja 
auch gewährt. Eine gewisse Ruhe aber und vor 
Allem Beruhigung muß wie jede Kunst namentlich 
die bildende darstellen und mittheilen, will sie 
nicht das Gegentheil aller wahrhaft / ästhetischen 
Wirkung erreichen. 
Diese Bemerkungen scheinen mir ihre Nichtig 
keit zu behalten auch einer der Grimm'schen 
Landschaften gegenüber, die ihnen scheinbar wider 
spricht, und die ich besonders erwähne, um von den 
landschaftlichen Schöpfungen Grimm's wenigstens 
eine herauszugreifen. Ich meine die Radirung, 
die das Meer bei Terracina darstellt und zwar 
ein eben recht bewegtes Meer, dessen Bewegung 
aber durch die Gleichförmigkeit der immer wieder 
kehrenden Brandung für das Auge doch endlich 
fast zum Festgewordenen erstarrt. Die Wogen 
mit' ihrem Schaum im Vordergrund des Bildes 
und in der Ferne die undeutlich ineinander 
fließenden, durch die Luftperspektive immer zarter 
erscheinenden Wellen sind mit größter Sorgfalt 
und allmählich mit geradezu unglaublicher Feinheit 
radirt. Dabei liegt ein leichter Sonnenschimmer 
über der sonst eigentlich nicht italienisch an- 
muthenden Küstenlandschaft. Denn außer dem
	        

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