Full text: Hessenland (15.1901)

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Federbusch und Schwert hoch auf dem Bocke saß 
und bei Festgelagen mit aufwarten half, hielt es 
unter seiner Würde, als Modell zu dienen — 
so kam der junge Künstler auf den Gedanken, 
die Vorbilder seiner Schöpfungen in sich selbst 
zu suchen, durch athletische Uebungen die Aus 
bildung seiner Körperkräfte dergestalt zu erhöhen, 
daß ihn niemand darin erreichen könne. Er 
kletterte auf die höchsten und dicksten Bäume mit 
der Geschwindigkeit einer Katze, übersprang die 
breitesten Grüben, setzte über den Rücken eines 
Pferdes hinweg wie ein Zirkusspringer, schleuderte 
große Steinblöcke, die kein anderer Mensch heben 
konnte, weit vor sich hin und begann seine Kraft 
proben schon am frühen Morgen durch Auf 
hebung eines Steinblocks, der vor seinem Bette 
so lange lag, bis er den Fußboden eindrückte 
durch die Gewalt seines Gewichts. 
Zn solchen Uebungen erwiesen sich natürlich 
die beengenden Trachten, wie sie die Mode vor 
schrieb, völlig untauglich; er schuf sich deshalb 
eine eigene Tracht, die seinen Bewegungen den 
weitesten Spielraum ließ und auch völlig zu 
seiner übrigen ungebundenen Lebensweise paßte, 
welche er für die allein richtige und menschen 
würdige hielt. Danach nahm er nie Theil an 
der Familientafel, nicht blos weil die Kleider- 
ordnnng sein Erscheinen dabei unmöglich machte, 
sondern mehr noch, weil er alle Kochkunst für 
naturwidrigen Fleischverderb hielt,-der durch Zu 
satz von Gewürzen nur vermehrt werde, das Blut 
verderbe und allerlei Krankheiten erzeuge. Er 
selbst nährte sich von rohem Fleisch, welches er 
eigenhändig so lange zerhackte, bis er Knödel 
daraus bilden konnte, die er Urknödel nannte 
und von deren Genuß er seine fabelhafte Leibes 
kraft herleitete, die ihm alle anderen Menschen 
als verzärtelte Weichlinge erscheinen ließ. 
Durchaus naturgemäß, oder wie er es nannte: 
urwüchsig zu leben und zu schaffen und überall 
auf ureigenem Wege zu wandeln, war sein 
höchster Stolz; alle noch so begründeten Einreden 
dagegen erwiesen sich fruchtlos, während es ihm 
ganz angenehm in's Ohr klang, in Escheberg 
immer Urmüller genannt zu werden. 
.Abgesehen von seinen sich immer schrullenhafter 
gestaltenden Eigenheiten, die seine Mutter und 
den väterlich für ihn sorgenden Kammerherrn 
mit schweren Sorgen für seine Zukunst erfüllten, 
war Urmüller ein prächtiger Kerl, mit dem sich's 
gut plaudern ließ, befonders wenn man ihn in 
seiner Werkstatt aufsuchte, wo ich ihn, bei meinem 
ersten Eintritt, mit der Ausführung seines Kartons: 
„Harald Harfagar in der Vravalla- 
Sch lacht" beschäftigt fand. Es war alles noch 
zu unfertig, um ein Urtheil zu gestatten, aber 
ich hatte vorher ein paar Büsten von ihm ge 
sehen, die mir einen sehr guten Eindruck gemacht, 
fo daß ich ihm Freundliches darüber sagen konnte. 
Indeß schien er auf seine früheren Arbeiten wie 
auf einen überwundenen Standpunkt zurückzu 
blicken; alles Große- war erst in Vorbereitung; 
was daraus geworden, konnte ich erst sieben 
Jahre später, bei meiner Berufung nach München, 
erfahren, wo ich ihn wieder traf. 
(Schluß folgt.) 
Fereromed. 
(Hinterländer Mundart.) 
Wenns OwedU wird eem Hemetdoal 2 ) 
Ean brennt die häße Sonn' naut mie, 
Ean eawer aller Moi ean Quoal ch — 
Hug beawerm Berk die Sterncher stieh, - 
Dr häße Schweatz eas oabgewescht ^), 
M'r Hirt eam Feald ke Seaste 6 ) mie, 
Ean mich ean koihle Dronk I erfrescht: 
Da eas 's doach goar z' wonnerschie. 
Da giehn^) ich noach so ganz e'lee 
Steall O) dorch die groine Wisse 10 ) hie, 
Beas ich doas waiße Häusche seh 
Ohm Bach eam Doal, da blaiw ich stieh. 
Ich hus X1 ) met Lorche ausg'moacht, 
Deß jedesmol „e Goatt b'hüt" 
Nanzhausen. 
Ich weanke ihm z'r goure Noacht — 
Ean feange da e Owedlied. 
D's Lorche nimmt d's Licht ean streacht 12 ) 
Ohm Gloas so droimol her ean hie, 
Der Gruß meacht mir doas Herz fo leacht: 
Die Laib la ) eas goar z' wonnerschie. 
Da seang ich noach d'r Schluß vom Lied 
Ean gieh eans Hemetdoal z'reck. 
Ach Lorche — daß dich Goatt b'hüt! — 
Mei soißes Feieroweds-Gleck! 
') Abend; - 2 ) Heimaththal; 3 ) Und über aller Müh' 
und Qual; 4 ) Hoch über'm Berg; 6 ) Der heiße Schweiß 
abgewischt ist; °) Sense; h kühler Trunk; 8 )gei)e; ") still; 
") grünen Wiesen; ") hab's; 12 ) streicht; ") Liebe. 
Kernrich Naumann.
	        

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