Full text: Hessenland (15.1901)

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beinige Postbote von Zierenberg hergeschritten 
und zieht aus seiner Hängetasche außer den 
neuesten Zeitungen auch einen großen, schwarz 
geränderten Brief, welchen er mit Leichenbitter 
miene dem Baron überreicht, der ihn hastig er 
bricht und die Trauerbotschaft darin findet: daß 
es dem Allmächtigen in seinem unerforschlichen 
Rathschluß gefallen habe, den hochwohlgeborenen 
A. Freiherrn von X. kurz nach vollendetem fünf- 
undneunzigsten Lebensjahre aus dieser Welt der 
Leiden zu einem besseren Leben abzurufen. 
Der verdutzte Briefbote, der schon manchen 
Geldbrief an den alten Onkel besorgt hatte, 
erhielt nun für die Trauerkunde von dessen Hin 
scheiden einen Thaler, um sein Andenken zu 
feiern. 
Die Arbeiter wurden angewiesen, bis ein Uhr 
fleißig bei der Arbeit zu bleiben, dann sollte 
auch jeder von ihnen auf der Rentei einen Thaler 
ausgezahlt bekommen, um das Andenken des alten 
Onkels zu feiern. 
Als im Laufe des Nachmittags der Baron 
wieder ans der Heerstraße erschien, kam ihm eine 
ganze Schaar von Weibern entgegen, und auf 
seine Frage nach ihrem Begehr trat eine beherzte 
Frau vor mit den Worten: „Gnä'er Herr, mer 
ha'n gehört, daß Sie heute de Mannslüde traktirt 
ha'n, un .mer möchten Sie schön gebeten ha'n, 
uns auch zu traktiren." 
Er erwiderte: „Packt Euch nach Haus, Ihr 
närrisches Weibervolk! Die Mannsleute hab' 
ich traktirt, weil ein alter Onkel gestorben ist; 
sobald eine alte Tante stirbt, kommt ihr an die 
Reihe." 
„Ach so!" sagte die Rednerin und zog mit den 
übrigen wieder ab. 
-i- * 
* 
Es fiel mir auf, daß der Baron fast immer 
„Herr Kammerherr" angeredet wurde. Er er 
klärte mir, daß dies geschehe, um ihn von den 
vielen anderen Malsburgs zu unterscheiden, welche 
im Staats-, Hof- und Heerdienst standen. Der 
Kurfürst hätte ihn schon vor vielen Jahren zum 
Kammerherrn ernannt, was ihn verpflichtete, hin 
und wieder bei Hof zu erscheinen. In Körper 
länge blieb er weit hinter seinen hochgewachsenen 
Verwandten zurück, aber in Schnlterbreite und 
behäbiger Leibesfülle übertraf er sie alle und in 
seinem Kammerherrnfrack sah er stattlich genug 
aus. Er ließ sich öfter einen neuen anfertigen, 
als nöthig war, weil er mit den abgelegten 
Fracks ein eigenes Spiel trieb, indem er einen 
alten, treuen Diener des Hauses, Namens Fülling, 
damit bekleidete, dessen schmächtige Figur sich in 
der weiten Umhüllung so wunderlich ausnahm, 
daß man bei seinem Anblick Mühe hatte, das 
Lachen zu unterdrücken. 
Dieser alte, klapperdürre Fülling war von 
seinem Herrn scherzhafter Weise zum „Wegban 
inspektor" ernannt worden, und der Frack, der 
gleichsam als ein Ableger der Kammerherrn- 
würde seine Schultern umschlotterte, erhöhte sein 
Selbstgefühl nicht minder als sein Ansehn in 
den Augen der Arbeiter. 
Kein Tag verging ohne komische Zwischenfülle. 
Eines Morgens kommt der sehr schmucke Kammer 
diener Philipp zu mir aus die Bibliothek, wo 
ich die Vormittagsstunden zuzubringen pflegte, 
und fragt mich, ob ich nichts zur Post zu be 
sorgen habe: er müsse gleich in Familienange 
legenheiten nach Zierenberg. 
„Sind Sie schon verheirathet?" 
„Ja; ein bischen!" 
„Wie so ein bischen?" 
„Nun, weil ich nicht immer bei meiner Frau 
sein kann, die in Zierenberg ein Geschäft hat, 
wohin ich nur zuweilen auf Urlaub komme.. .." 
Die Originale schienen in Escheberg auf den 
Bäumen zu wachsen, aber das größte von allen 
war der einzige Sohn der das Hauswesen leitenden 
Frau Dr. Müller, den der Baron als Pflegesohn 
angenommen und ganz seinen Anlagen und eigenen 
Wünschen gemäß hatte ausbilden lassen. Er 
zeigte schon früh entschiedene Neigung und An 
lage zur Bildhauerkunst und trieb mit Vorliebe 
die darauf vorbereitenden Studien. Ueber seine 
anatomischen Kenntnisse lagen aus Göttingen und 
München die glänzendsten Zeugnisse vor. Ebenso 
war er gründlich bewandert in der nordischen 
Sagenwelt, deren Götter und Helden durch den 
Meißel neu in's Leben zu rufen er als die 
Hauptaufgabe seines Lebens betrachtete. Als ein 
Schüler Henschel's hatte er diesen Meister nach 
Italien begleitet und sich dort in der Ueber 
zeugung bestärkt, daß durch Nachahmungen der 
Meisterwerke des Alterthums nichts Großes mehr 
zu erreichen sei. Nach seiner Rückkehr von Nom 
begann er dann in dem sogenannten Treibhaus 
erker, wo der Kammerherr ihm ein großes Atelier 
hatte herrichten lassen, eine Menge Cartons ans 
der nordischen Sage und Geschichte zu entwerfen, 
die in Marmor ausgeführt werden sollten, sobald 
sich kunstsinnige und reiche Liebhaber zu Be 
stellungen begeistern ließen. Da es ihm jedoch 
zu seinen Göttern und Helden Nordens an 
passenden Modellen fehlte — der alte Förster 
war ein Mann von gewaltigem Wuchs, aber 
von zu schwammigem Leibesumfang, und sein 
stämmiger Sohn, der bei Paradefahrten mit
	        

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