Full text: Hessenland (15.1901)

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Gschederger Erinnerungen. 
Von Friedrich von Bodenstedt. 
(Fortsetzung.) 
uf der Rückfahrt Nach Escheberg kam der 
Baron auch dazu, mir den Schluß seiner in 
Hannover begonnenen Lebensgeschichte zu erzählen, 
deren Inhalt hier natürlich nur kurz angedeutet 
werden kann. 
Karl von der Malsburg war der jüngere 
Sohn eines hessischen Stabsoffiziers, dessen häufig 
wechselndes Garnisonleben ihm eine regelrechte 
Erziehung seiner beiden Söhne sehr erschwerte. 
Den älteren, Ernst, nahm der Bruder des Vaters, 
der begüterte und einflußreiche Staatsminister 
von der Malsburg, zu sich, um ihn zum Diplomaten 
ausbilden zu lassen; der jüngere, Karl, sollte dem 
Berufe seines Vaters folgen, kam nach der Flucht 
des Kurfürsten an den Hos Jorome's als Page 
und wurde von dem jungen Königspaar zwar 
sehr huldvoll behandelt, fand aber in seiner 
Stellung wenig Gelegenheit, sich weiter auszu 
bilden. Er machte später als Rittmeister den 
unheilvollen Zug Napoleons nach Rußland mit, 
wurde in der Schlacht von Borodino schwer ver 
wundet und gelangte unter großen Drangsalen 
in die Heimath zurück, wo er in bescheidenen Ver 
hältnissen lebte, bis (1824) sein Bruder Ernst 
starb, der nach dem Tode des Ministers von der 
Malsbnrg dessen Erbe geworden war und nun 
seinen jüngeren Bruder Karl zum Erben hatte. 
So kam dieser in den Besitz von Escheberg und 
der dazu gehörigen Güter, nachdem er schon 
längere Zeit seinen Bruder dort vertreten, der 
als kurhessischer Gesandter am sächsischen Hofe 
lebte und nur seine Urlaubszeit im heimischen 
Herrenhause zubringen konnte. Schon 1806 war 
er als Legationssekretär nach München, ein paar 
Jahre später als Geschäftsträger seiner Regierung 
nach Wien gekommen und hatte neben seinen 
diplomatischen Geschäften immer noch Zeit zu 
eingehenden Sprachstudien und literarischen Arbeiten 
gefunden. Seine Stellung erleichterte ihm überall 
die Anknüpfung mit bedeutenden Persönlichkeiten 
und seine Mittel gestatteten ihm, die schon früh 
planvoll angelegte Büchersammlung fortwährend 
zu vermehren. Seine glücklichsten Jahre verlebte 
er in Dresden im Umgänge mit Tieck, Löben 
und Graf Kalkreuth, und dort sind auch die 
Hanptfrüchte seiner schriftstellerischen Thätigkeit 
gereift: die Uebersetzung der Dramen Calderon's 
(6 Bde. 1819—25) und die freie Nachdichtung 
einiger Schauspiele von Lope de Vega, unter dem 
Titel „Stern, Szepter, Blume" (1824). 
Karl von der Malsburg war oft bei seinem 
älteren Bruder zu Gast und wuchs so gleichsam 
in dessen Freundeskreis hinein, mit welchem er 
dann auch später in Verbindung blieb. Durch 
seine Vermählung mit einer hochgebildeten und 
anmuthigen Holsteinerin, Freifränlein von Heintze, 
kam neues Leben nach Escheberg und erblühte 
dort eine Gastfreundschaft, wie dergleichen auf 
keinem anderen Edelsitze weit und breit zu finden 
war. Als er das Unglück hatte, seine innig ge 
liebte Frau zu verlieren, zog deren Mutter nach 
Escheberg, um die Erziehung der noch unerwachsenen 
Kinder zu überwachen. Allein auch ihr waren 
nur noch wenig Lebensjahre beschieden. Doch 
der Geist dieser beiden edlen Frauen lebte fort 
in der Familie und waltete über allem, was im 
Hanse geschah. 
Je vereinsamter der trauernde Wittwer sich 
fühlte, desto mehr ward's ihm zum Bedürfniß, 
Gäste bei sich zu sehen, die ihn verstanden, denn 
er war ein so eigenartiges Gebilde der Natur 
und der Umstände, daß er nur in seinem eigenen 
Heim recht verstanden werden konnte. Wenn er 
auf Reisen Zerstreuung suchte, kam er leicht in 
Gefahr, falsch beurtheilt zu werden, weil sein 
lebhafter Geist es ihm unmöglich machte, während 
der Fahrt oder an der Wirthstasel lange stumm 
zu sitzen, und ihm dann bei seinen Versuchen, 
eine Unterhaltung anzuknüpfen, zuweilen unwill 
kürlich Bemerkungen entschlüpften, die zu Miß 
deutungen Anlaß gaben. 
Er hatte einen gesunden Mutterwitz, der einem 
guten Herzen entsprang und sich oft bis zum 
Humor steigerte, aber nur auf seinem eigenen 
Grund und Boden ■ zu voller Geltung kommen 
konnte. Hier ein kleines Beispiel: In Berlin 
lebte ein entfernter Verwandter des Hauses, ein 
steinalter, menschenscheuer Jnnggesell, dem der 
verstorbene Minister von der Malsburg schon 
vor einem halben Jahrhundert eine Leibrente 
zugesichert hatte, welche der Neffe, als Erbe von 
Escheberg, nun fortbezahlen mußte. Dieser be 
schäftigte fortwährend eine Menge Arbeiter mit 
Ausbesserung alter verfahrener Wege und Ausbau 
einer neuen, gepflasterten Landstraße, welche Esche 
berg mit dem unfern davon gelegenen Städtchen 
Zierenberg verbinden sollte. Er selbst führte die 
Aufsicht über die Arbeiten und brachte so regel 
mäßig mehrere Stunden des Vormittags im 
Freien zu. Eines Morgens kommt der krumm-
	        

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