Full text: Hessenland (15.1901)

248 
hätte nicht die Landesherrschaft eingegriffen und 
Abhülfe getroffen. Insbesondere war es Landgraf 
Moritz, der 1601 an dem Wasser der Fulda 
rüstig zu bauen begann. Im Frühlinge des 
folgenden Jahres war das Werk so weit fort 
geschritten, daß „man zur Nottnrfft mit beladenen 
Schiffen aufs- und abfaren und die Schiffart 
brauchen" konnte. Bis Hersfeld hinauf machte 
Moritz die Fulda schiffbar. Die Unterhaltung der 
Fluß- und Uferbauten ward nun den Gemeinden, 
die am Strome lagen, übertragen, mit Unterstützung 
der Landesherrschaft; sicherlich nicht zur Freude 
der meisten Uferbewohner. Auch im Uebrigen 
traten Bestimmungen und Beschränkungen zu 
Gunsten der Schifffahrt ein. Zum Holzflößen 
ließ man bloß geschickte Leute zu, damit die 
Wasserbauten durch sie keinen Schaden erlitten. 
Die Fischer durften nur noch an elf bestimmten 
und näher bezeichneten Stellen der Fulda ihre 
„Fischwehre und Ohlfache" errichten, dann konnten 
die Kähne zur rechten Zeit ausweichen. Pfähle 
und Steine, die man zum Fischen in's Wasser 
schlug und legte, mußten nachher wieder heraus 
geholt werden.*) 
Damit war aber Moritzens Eifer für die Schiff 
fahrt nicht erschöpft. Eine Verordnung vom 
28. April 1613 traf neue Vorschriften. Er suchte 
jetzt seine und seiner Vorfahren Wasserbauten, 
die zum Nutzen der Schifffahrt ausgeführt waren, 
vor allem die von ihm angelegten Schleusen bei 
den Mühlenwehren, gegen Beschädigungen dauernd 
zu schützen, und den Leinpfad, von dem aus die 
Kähne an Stricken stromaufwärts geschleppt 
wurden, vor dem Zuwachsen zu bewahren. Zn 
gleicher Zeit wurde der Flößerlvhn für jedes 
Stück Holz festgesetzt. Er betrug von Morschen 
und den benachbarten Ortschaften bis Kassel 
14 Albus, in geringerer Entfernung entsprechend 
weniger. Dem Flößer brachte es nicht so viel 
ein, wenn er von dem Karlshagen oder Eichen 
berg (zwischen Melsungen und Schwarzenberg) 
Holz nach der Hauptstadt beförderte, als von dem 
näheren Qnitler ans. Das hängt wahrscheinlich 
mit dem Umstande zusammen, daß damals aus 
dem Niedfvrste mehr herrschaftliches Holz die 
Fulda hinabging. Landgraf Moritz legte Werth 
darauf, daß die Schleusen niemals von den 
Schiffern, sondern von dem Schlensenmeister und 
*) Hess. Landesordn. 1, 493, 494. 
den Mühlenknechten für die durchfahrenden Boote 
geöffnet würden.*) Das war lästig und zeit 
raubend für die Bootsleute, legte ihnen auch 
jedesmal eine Ausgabe von 2 Albus auf. So 
war es erklärlich, daß die Verfügung trotz ihrer 
Erneuerung allmählich wieder einschlief. Von 
Melsungen wird 1786 in amtlicher Niederschrift 
berichtet, daß die Schiffer die Schleuse selbst 
öffneten und schloffen, ohne Zoll oder Entgelt.**) 
Auch in anderer Beziehung zeigten sich im 
Laufe der Zeit manche Abweichungen von den 
Erlassen. Den Gemeinden, die am Strome 
lagen, war die Unterhaltung der Strom- und 
Uferbauten übertragen, zum mindesten die Frci- 
haltung der Fahrrinne im Flußbette. Allein die 
Bauern zeigten sich naturgemäß wenig geneigt, 
aus jeden Wink der Schiffer Sense und Acker- 
gerüth im Stich zu lassen und ans den „©offen" 
Steine und Schlamm herauszuholen. Den land 
gräflichen Beamten fiel dann die schwierige und 
unerquickliche Aufgabe zu,, die widerspenstigen 
Landlente an ihre aufgedrungene Pflicht zu er- 
innern.fi) Es war vermuthlich diese Pflicht, die 
die Dorfbewohner. auf den Gedanken brachte, 
auch angenehme Vortheile und Rechte damit zu 
verbinden und auf diese Weise das von frenldem 
Koche aufgetischte Gericht schmackhafter zu machen. 
Seit dem dreißigjährigen Kriege, dessen wüthende 
Gewalt und lange Dauer Althergebrachtes im 
Gedächtniß auslöschte und die Einführung von 
Neuerungen erleichterte, begannen die Bauern sich 
selbst Kähne anzuschaffen und die Schifffahrt zu 
betreiben. Solch ein Wettbewerb schmälerte das 
Einkommen der städtischen Schiffer erheblich; aber 
deren Bestreben, durch ein herrschaftliches Verbot 
den Dorflenten das Handwerk zu legen, blieb 
ohne Erfolg. Im Jahre 1722 wohnten allein 
im Amte Melsungen zwölf Bauern, die als Holz 
flößer und Kahnbesitzer reichlichen Nebenverdienst 
gewannen. Das war der erste Nagel zum Sarge 
der Flußschifffahrt. 
*) Hess. Landesordn. I, 521—523. Eine ähnliche 
Verfügung wurde am 29. Januar 1737 getrvffen. 
**) Metsnnger Katasterbuch von 1786 im Marburger 
Staatsarchive. 
t) Aktenstück vom 8. Juli 1729 im Marburger Staats 
archive LI. 8t. 8679. Ebendort die folgenden Nachrichten. 
(Schluß folgt.)
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.