Full text: Hessenland (15.1901)

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hält man einige Angaben, mit welcher Art von 
Waaren die Güterschiffe in damaliger Zeit haupt 
sächlich beladen wurden. Das Kloster Lippolds- 
berg ließ auf der Werra und der Fulda Korn 
und Wein anfahren, aber auch andere Bedürfnisse 
(ne in omnibus aliis indigenciis). In späteren 
Jahrhunderten findet außer den genannten Landes 
erzeugnissen oder Waaren das Holz häufige Er 
wähnung, das von den waldreichen Bergen an's 
User befördert und dann stromabwärts geflößt 
wurde. Auf der Fulda sah man oft Tuch- und 
Färbelühne fahren, aus der Werra Salzschisie. 
„Allendorf in den Sooden" bildete den Ausgangs 
punkt dieser letztem Frachten. Ein eigener Salz- 
schiffer war im sechszehnten Jahrhundert hierfür 
angestellt und verpflichtet. Merkwürdiger Weise 
wählte man 1599 einen Bürger der hannöverschen 
Stadt Münden, der die Stellung des Salzschiffers 
und Schiffmeisters übernehmen sollte?) 
Schon der starke Verbrauch solcher Gegenstände 
wie Korn, Wein, Salz, Holz und Tuch läßt auf 
eine gewisse Lebhaftigkeit der hessischen Flußschiff 
fahrt in früherer Zeit schließen, noch mehr der 
Umstand, daß es bereits um 1200 für der Mühe 
werth gehalten wurde, einen regelmäßigen Zoll 
von den Werra- und Fuldakähnen zu erheben. 
Zu demselben Schluffe führen noch andere 
Anzeichen. Es bildete sich hier und da an den 
hessischen Strömen, wie an den Seeküsten, eine 
Art von Strandrecht aus: ein Schiffer, der schiff 
brüchig wurde, verfiel mit Leib, Schiff und Gütern 
der Obrigkeit oder den Bewohnern desjenigen Ortes, 
an dem sich das Unglück ereignete. Philipp's 
des Großmüthigen „peinliche Halsgerichtsordnung" 
vom Jahre 1535 schritt gegen diesen barbarischen 
Mißbrauch ein.**) 
Von demselben Fürsten ist auch ein Zeugniß 
dafür erhalten, wie durch die Landesherrschast 
keine Hindernisse der Schifffahrt im Fahrwasser 
geduldet wurden und andere Interessen dagegen 
zurücktreten mußten. Kaspar von Haustein baute, 
offenbar um eine Mühle in Betrieb zu setzen 
oder auch zur wasserarmen Zeit in beständigem 
Gange zu erhalten, ein Wehr quer durch die 
Werra. Dadurch legte er die Holzflößerei und 
den Bootsverkehr aus dem Strome lahm. Land 
graf Philipp kam jedoch ben Flößern und Schiffern 
zu Hülse und ordnete den Abbruch des Wehres 
an. Aber der Familie von Haustein mußte wohl 
sehr viel an jenem Wehre liegen, denn ein Sohn 
*) Original-Reverse des Salzschiffers und Schiffmeisters 
Hans Beulken (oder Bolden) im Königl. Staats-Archiv 
Marburg. Ueber die Salzschiffe vgl. auch die Hessischen 
Landesordnungen I, 423 (vom Jahre 1541). 
**) Hess. Landesordn. I, 87, § 49. 
Kaspar's errichtete wiederum eins an derselben 
Stelle der Werra. Philipp der Großmüthige 
hielt sich nun am Michaelissonntage (29. Sep 
tember) 1538 in Wanfried an der Werra auf 
und hörte dort gewiß von den zahlreichen Schiffern 
und deren Freunden, was geschehen war. . Sofort 
richtete er an den Herrn von Haustein ein 
Schreiben*) und forderte ihn in befehlendem 
Tone auf, das Wehr zu beseitigen oder so zu 
verändern, daß es fernerhin kein Hemmniß für 
die Schifffahrt bilde. Auf dem einen Ufer, das 
allerdings auch landgräslicher Grund und Boden 
war, sollte eine Fahrrinne frei bleiben. Zugleich 
erhielten die fürstlichen Beamten Befehl, das 
Wehr rücksichtslos zu zerstören, wenn der Herr 
von Haustein nicht selbst Anstalten zur Besserung 
träfe. 
Ebensowenig gestattete der Landgraf. Philipp 
den Fischern, die Schifffahrt im Mindesten zu 
stören. Sie hatten ihre „Oelsache" (Umzäunungen 
im Wasser, die zum Aal- und Fischfänge dienten) 
an jedem User eine Ruthe (= 3,77 m) breit 
offen zu halten, damit man mit den Kähnen 
ungehindert hindurchfahren konnte.**) 
Dagegen blieben einzelne Städte im Besitze 
ihres Stapelrechtes, das sie auch bei Fracht 
wagen ausübten. Die durchkommenden Schiffer 
niußten ihre Waaren erst ausladen und einige 
Tage feilbieten, ehe sie weiterfahren durften. Ein 
arger Hemmschuh am Handel und Verkehr! 
Natürlich waren es nicht bloß Menschenhände 
und menschliche Interessen, die der Schifffahrt 
Hindernisse in den Weg legten, sondern nicht 
minder die großen Naturgewalten. Der Eisgang 
oder die Hochfluth riß Baumstämme, Felsblöcke, 
Erde und Geröll vom Ufer los und füllte an 
der nächsten Strombiegung die Fahrrinne aus, 
sodaß die beladenen Fahrzeuge aus den Grund 
geriethen und keinen Durchgang mehr fanden. 
War die Verschlammung nur seicht und schmal, 
dann vernwchten die Schiffer selbst Rath zu 
schaffen. In schwereren Fällen sahen sie sich 
dagegen aus. mächtigeren Beistand angewiesen. 
Das 16. Jahrhundert war dem Strombette der 
Fulda besonders verhängnißvoll. Es traten Über 
schwemmungen ein, deren wüthenden Angriffen 
sogar Mühlen, Häuser und Brücken erlagen. Wer 
weiß, welches Schicksal über die Schifffahrt aus 
der Fulda schon damals hereingebrochen wäre, 
*) Joh. Wolf, Geschichte des Elchsfeldes. Urkunden 
zum II. Theile, S. 82, Nr. 89. 
**) Undatirte Fischereiordnung des Landgrafen Philipp 
in den Hess. Landesordn. 1. 170, § 11. Wiederholt in 
der Fischordnung Lndwig's III. vom 21. Aug. 1581. 
Hess. Landesordn. I, 450, 8 11.
	        

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