Full text: Hessenland (15.1901)

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Künstler und überhaupt Genies sind zwar immer 
auch Kinder ihrer Zeit, mehr aber noch Beherrscher 
ihrer Zeit und Schöpfer einer neuen Zeit, nicht 
nur Interpreten, sondern auch Propheten. Kleinere 
Talente aber, zumal mit einem Charakter ver 
bunden, der sie zu keiner besonders eingreifenden 
Thätigkeit veranlaßt, treffen es glücklich mit ihrer 
Zeit oder unglücklich. Unter günstigen Bedin 
gungen könnten sie mehr leisten, unter ungünstigen 
leisten sie weniger. Nach seiner bestimmten Eigen 
thümlichkeit kann Jeder die Welt im Allgemeinen 
und seine Zeit im Besonderen derart auffassen, 
daß er das Leben entweder als ein bequemes 
Wohnhaus oder ein Gasthaus, ein Schulhaus, 
eln Kloster oder gar ein Gefängniß ansieht. Alle 
diese Vorstellullgen haben ihr Berechtigtes und 
ihr Falsches. Für Ludwig Grimm war die Welt 
ein passend eingerichtetes Wohnhaus, noch besser 
ein Gartenhaus, bescheiden zwar, aber behaglich. 
Seine Zeit war ihm ein völlig adäquates Element. 
Zeit und Talent gehen bei ihm sozusagen auf. 
Und diese Ruhe und dies Behagen, die wohl 
thuenden Folgen eines solchen Verhältnisses, 
äußern sich unverkennbar in seinen Werken und 
gehen still auch auf den Beschauer über. Alles, 
was er geschaffen hat, zeigt etwas in sich Ab 
geschlossenes, in sich Befriedigtes, und verfehlt 
schon darum nicht einer wahrhaft künstlerischen 
Wirkung. 
(Schluß folgt.) 
Empor 
Bei dir, o Himmel, voll strahlendein Licht, 
Bei dir nur, du glutheubesäter, 
Da schmettert die Lerche ihr Lrühliugsgedicht, 
Hochflatteriid im sonnigen Aether. 
Nicht drunten im Staube erklingt uns ihr Lied 
In seelendurchströinenden Tönen; 
hinauf ist's, hinauf nur, wohin sie uns zieht, 
An's Hohe das Herz zu gewöhnen. 
Drmn steiget, ihr Sänger, mit eurem Gesang 
Hinab nicht, hinab in's Gemeine: 
Empor zieht die Welt mit verlockendem Klang 
In's Hohe, in's Göttliche, Reine. 
Wächters dach. Karl PsCSCI*. 
4>><^ 
Beiträge nit hessischen Famitienkundc. 
Von Gustav Freiherrn Schenk zu Schweinsberg. 
II. 
Die Samilkn von £ückr, vörmg von Lüaer 
una von Lauler?) 
Nebst einer Siegeltafel in Lichtdruck. 
Herr N. Schäfer hat nach meiner Wider 
legung *) seiner Antikritik * 2 3 ) abermals eine kurze 
Erwiderung U erscheinen lassen, welche sich haupt 
sächlich gegeu meine Beschreibung dreier undeut 
licher Siegel richtet, die er, zu seinem Schaden, 
in seiner Arbeit verwerthet hatte. ^Da er sich 
dabei auch aus eine ihm ertheilte Auskunft des 
Marburger Staatsarchivs beruft, so ist es un 
vermeidlich geworden, darauf zu antworten. 
*) Mit den nachstehenden Erörterungen halten wir die 
Angelegenheit im „Hessenland" endgültig für abgethan. 
D. Red. 
') „Hessenland" von 1901, Nrn. 12 und 13. 
2 ) Ebenda Nr. 11. 
3 ) Ebenda Nr. 17. 
Zu meiner Verwunderung hat es Herr Schäfer 
für möglich gehalten, seine Ausdeutung der Bilder, 
die er aus diesen verletzten oder mangelhaft ab 
gedrückten Siegeln zu.erkennen glaubt, als That 
sachen zu bezeichnen. Er hat dabei übersehen, 
daß jede Erklärung einer undeutlichen heraldischen 
Figur subjektiv sein muß. Es kommt eben darauf 
an, wer richtiger gesehen und erkannt hat! 
Damit aber die wenigen Leser dieser Blätter, die 
für solche Spezialfragen Interesse haben, selbst 
urtheilen können, habe ich eine Siegeltafel 
beifügen lassen, die das Material in Lichtdruck 
wiedergibt; ein Verfahren, dessen Objektivität 
also Niemand anfechten kann. Ich sende eine 
kurze Orientirung voraus, damit man nicht 
genöthigt ist, alles Frühere nachzuschlagen. 
I. Die Abbildung Nr. 1 gibt das älteste mir 
zur Hand beffudliche Lüder'sche Wappen 
siegel wieder: das an einer Urkunde von 1353
	        

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