Full text: Hessenland (15.1901)

tft }o zart und zierlich, baj) man oft an die 
Arbeiten des Wenzeslaus Hollar zu denken Ver 
anlassung findet. Manches darf geistreich, selbst 
ausdrucksvoll genannt werden, zumal unter den 
Bildnissen. Die Prospekte sind meistens gut 
gesehen, das will sagen, aus wohlgewählten Stand 
punkten gezeichnet; indessen scheint der Künstler 
in diesem Fach weniger Fertigkeit zu besitzen als 
in dem der Bildnisse, denn oft ist die Behand 
lung der einzelnen Theile nicht bedeutend, nicht 
abwechselnd genug; auch wäre mehr Haltung und 
kunstgerechte Vertheilung von Licht und Schatten 
zu wünschen."*) Und als im Jahre 1824 eine 
zweite Serie Grimm'scher Radirungen erschien, 
Bildnisse mehrerer Göttinger Professoren, darunter 
das vorzügliche Porträt Blumenbach's, hat Goethe 
in einer kürzeren, diesmal aber lediglich an 
erkennenden Kritik sich abermals ausgesprochen. 
Auch persönlich sich unserem größten Dichter 
vorstellen zu dürfen, wurde Ludwig Grimm von 
einem glücklichen Zufall vergönnt. Auf einer 
Rheinreise, die er mit seinem Bruder Wilhelm 
1815 unternahm, sah er Goethe in Frankfurt 
und nachher noch einmal in Heidelberg. Hier, 
wo damals die Boisseroe'sche Gemäldesammlung 
die Kunstkenner anzog, und wo sich Goethe be 
sonders freundlich gegen Ludwig zeigte, war es 
auch, wo der Dichter, dem man oft seine eigen 
sinnige Vorliebe für die Antike, der Mensch, dem 
man sogar Egoismus und unnahbaren Hochmuth 
vorgeworfen hat, nach der Besichtigung eines 
van Eyck'schen Gemäldes die merkwürdige, ja 
unvergleichliche Aeußerung that: „Da habe ich 
nun in meinem Leben viele Verse gemacht, 
darunter sind ein paar gute und viele mittel 
mäßige; da malt der Eyck ein solches Bild, das 
mehr werth ist als Alles, was ich gemacht habe." **) 
Goethe selber Porträtiren zu dürfen, wie er in 
Rom (1816) den Maler Müller (den Sturm 
und Drang-Dichter), in Kassel Heinrich Heine 
auf dessen Durchreise (1827) und endlich in 
München (1837) auch Clemens Brentano radirte 
(alle drei Bildnisse sammt jenem ersten der Bettina 
findet man in Könnecke's „Bilderatlas" wieder 
gegeben), und wie er durch seine Freundin Bettina 
zu erreichen lebhaft wünschte, wollte ihm nicht 
gelingen. Auf eigene Faust den Versuch zu 
machen und den Dichter darum zu bitten, war 
er zu bescheiden und zu schüchtern. Schon früh 
tritt dieser feindiskrete Charakterzug in ihm her 
vor, der ihn sich leicht unterordnen und schwer 
*) Llus „Kunst und Alterthum", wiederabgedruckt bei 
Neinhold Steig: „Goethe und die Brüder Grimm." 
Berlin 1892, S. 186. 
**) Steig, a. a. O. S. 98. 
eine Initiative ergreifen ließ. Seine Brüder (die 
er liatürlich auch mehrfach porträtirt hat) blieben 
ihm überall Autoritäten. Was ihm durch sie an 
Bekanntschaften und Anregungen vermittelt wurde, 
war für ihn die Hairptsache. Dabei neigte seine 
Natur überhaupt zum beschaulichen Fürsichleben 
in der Zurückgezogenheit der Familie und der 
Freundschaft. Und wenn sich diese Eigenheit 
schon immer gezeigt hatte, so wurde sie seit dem 
Jahre 1833, nach seiner Anstellung an der 
Kasseler Akademie, wo er nach Lobe („Wande 
rungen durch Kassel" S.56) die Klasse der Kom 
position und Gewandung bekam, die herrschende. 
Er lebte nun ganz seinen Ideen und seinem 
nächsten Umgang, ohne sonst etwas zu verlangen 
oder zu vermissen. Wie er selbst ein liebens 
würdig kindliches Wesen besaß, liebte er auch das 
Zusammensein mit Kindern, und so sind ihm die 
letzten dreißig Lebensjahre meist ruhig und heiter 
verflossen. 
Indem ich nun eine künstlerische Werthschätzung 
Grimm's zu unternehmen versuche,' muß ich von 
vornherein erklären, daß ich mich aus eine Be 
sprechung auch nur seiner Hauptwerke, wenigstens 
der Gemälde (unter denen ein Selbstbildniß, eine 
Madonna mit Heiligen und eine Mohrentaufe 
die geschätztesten und genanntesten sind oder viel 
mehr gewesen sind), meist nicht einlassen kann, 
da mir in dieser Beziehung nicht genug bekannt 
geworden ist. Die Sachen sind sehr schwer und 
zum großen Theil gar nicht zugänglich, sodaß 
meine etwaige Anregung eigentlich Niemandem 
zum Nutzen diente. Worauf es mir hier an 
kommt, ist nur die Absicht, Grimm's Andenken 
zunächst in Hessen zu erneuern und im Allgemeinen 
festzustellen zu suchen, wie seine Künstlernatur 
geartet war. Das ist ja das Schicksal der meisten, 
weniger bekannten Künstler, daß, wenn man sich 
später ihre Thätigkeit in einem Ueberblick ver 
gegenwärtigen will, längst sich die Spur ihrer 
Werke verloren hat, und daß, falls man sie hier 
und da im Privatbesitz ausspürt, dann erst die 
Schwierigkeit überwunden werden muß, nun sie 
auch besichtigen zu können. Was uns bei Ludwig 
Grimm aber zu Stattekl kommt, ist der Umstand, 
daß er offenbar mehr Zeichner als Maler war, 
daß er in seinen Radirungen sein Bestes gegeben 
hat, und daß seine Leistungen auf diesem Gebiet 
minder schwer kennen zu lernen sind als seine 
Gemälde. 
Das größte Glück, das dem Talent Ludwig 
Grimm's und darum auch seinem Leben vielleicht 
zu Theil geworden ist, scheint mir das harmonische 
Verhältniß seiner Zeit zu ihm. Das ist durch 
aus nichts Selbstverständliches. Ganz große
	        

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