Full text: Hessenland (15.1901)

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ernste und drollige Szenen aus seiner nächsten 
Umgebung genial dargestellt findet. Dem Ver- 
sasser dieser Zeilen ist schon als Kind das Glück 
zu Theil geworden, als einem Verwandten der 
Familie, jene Bilderbücher bisweilen betrachten 
zu dürfen. Gern erinnere ich mich der alten 
Wohnung Grimm's in der Bellevue (an der Ecke 
der Georgenstraße), wo in den zwanziger und 
dreißiger Jahren auch Jakob und Wilhelm wohnten. 
Es muthete Einen schon ans der Treppe still und 
vornehm an. Alan kam in alte, weite Verhält 
nisse. Eine ewige, unbegreifliche musterhafte 
Reinlichkeit ließ die Stille noch wirksamer werden. 
Es war ein Hans (jetzt ist es umgebaut), wie 
man damals noch manche ans der Oberneustadt 
sah, bei aller Einfachheit unendlich viel eleganter, 
als der moderne. Reklamelnxus zu Wege bringt, 
dem man gleich ansieht, wie ängstlich alles Räum 
liche und wie oberflächlich Protzig die Theater 
ornamentik ausgenutzt ist. Dieses Haus, ur 
sprünglich dem Hofmaler Böttner (seinem ersten 
Schwiegervater), später Grimm selber zugehörig, 
schien, zumal mit einer so wundervollen Aussicht, 
für einen Maler und namentlich für einen' 
Menschen wie Ludwig Grimm ganz geschaffen. 
Kam man nun aus dem ruhigen, erwartungs 
vollen Treppenhaus in das Innere der Wohnung, 
so sah man sich plötzlich in eine bunte, malerische 
Welt versetzt. Alle Wände waren dicht behängen 
mit Gemälden, meist kleineren Formates. Aber 
auch hier schieden sich zwei Reiche. Neben den 
heiterlieblichen, romantisch zarten Bildern Grimm's 
breitete sich in anderen Räumen der pomphafte 
Klassizismus Böttner's aus. (Böttner war als 
Hofmaler der Nachfolger des älteren Tischbein.) 
Und hatte man sich eben noch an dem blumen- 
haften Reiz der innigsinnigen Gebilde aus der 
Zeit eines schüchternjünglinghasten Nazarener 
deutschthums erfreut, so spreizte sich in der nächsten 
Ecke eine kolossale Latona mit den Fröschen aus 
einer Periode, die noch das letzte zeremonielle 
Pathos der Rokokohoswelt schwellte. Doch fand 
man diese beiden Bezirke (durchaus geschmackvoll) 
getrennt. Der Giebelraum des Hauses war seiner 
Zeit ein Saal mit Decken- und Wandgemälden 
von Böttner. 
Zum Maler war Ludwig Grimm (um hiermit 
wieder zu seinem Lebenslaus zurückzukehren) von 
vornherein bestimmt. Im Jahre 1808 ging er 
nach München in die Lehre zum Kupferstecher 
Heß. Dort scheint er sich schon bald hervorgethan 
und allgemein beliebt gemacht zu haben. Denn 
1809 schreibt Savigny an Jakob Grimm: „Ihr 
Bruder ist aus das Fest zu uns aus Besuch sfls 
war Weihnachtens Wir haben ihn sehr lieb, 
wie alle Menschen, die ihn kennen. Er ist treu, 
fleißig und kommt gewiß sehr weit. Die Bettina 
sSavigny's Schwägerin^ hat er recht brav gestochen, 
worüber Goethe gar schön und theilnehmend ge 
schrieben, was die Bettina Wilhelm in Abschrift 
geschickt hat." Es handelt sich hier um das erste 
von mehreren radirten Porträts der Bettina 
von Arnim, von dem auch in „Goethe's Brief 
wechsel mit einem Kinde" die Rede ist, und zwar von 
Seiten des großen Dichters aus eine für Grimm 
sehr rühmliche Weise. „Dein hinzugefügtes Bild", 
schreibt Goethe (ich citire die Stelle nach dem 
von Herman Grimm mitgetheilten Original), 
„ward gleich von Jedermann erkannt und gebührend 
begrüßt. Es ist sehr natürlich und kunstreich, 
dabei ernst und lieblich. Sage dem Künstler 
etwas Freundliches darüber und zugleich: er möge 
ja fortfahren, sich im Radiren nach der Natur 
zu üben, das Unmittelbare fühlt sich gleich." 
Man merkt auch aus den weiteren Stellen des 
Briefes am Angelegentlichen des Tones und über 
haupt an der ganzen eingehenden Art, wie sich 
Goethe angezogen gefühlt hat von diesem eigen 
artigen Talent. Denn seine Eigenart zeigt das 
Blatt des noch so jungen Künstlers bereits voll 
entwickelt, das älteste Porträt übrigens von allen, 
die mir von ihm bekannt geworden sind (wenn 
ich nicht den ausgezeichneten humoristischen Kopf 
des „Geehrten Publikums" in der „Einsiedler 
zeitung" von 1808 mitrechne, der aber eben wohl 
kein Porträt ist). 
In späterer Zeit hat Goethe seine Stimme 
auch öffentlich für unseren Malerradirer erhoben. 
Als Grimm nach den Freiheitskriegen (während 
deren er kurze Zeit als Offizier eingetreten war) 
mit Georg Brentano eine Reise nach Italien 
gemacht hatte (1816), radirte er eine Reihe von 
Platten, deren Abdrücke sein erstes größeres Werk 
für die Öffentlichkeit wurden, und diese Blätter 
sind von Goethe, dem Wilhelm Grimm ein 
Exemplar gesandt hatte, rezensirt worden. „Die 
radirten Blätter von L. E. Grimm", heißt es 
in der Kritik, „haben uns bei wiederholter Durch 
sicht angenehm unterhalten und zur Achtung gegen 
das angeborene Talent des wackeren Künstlers 
verpflichtet. Sie enthalten Gegenstände mannich- 
faltiger Art, Bildnisse von Mohren, Zigeunern, 
Malern, Fuhrleuten, Hirten, schönen Frauen und 
Mädchen, Prospekte merkwürdiger Gegenden, 
Blumen, Insekten, Thiere und Bruchstücke alter 
Bildhauerkunst, wohl meistens Dinge, welche 
Herr Grimm während seines Aufenthaltes in 
Italien, auch aus der Reise dahin und zurück, 
zur Erinnerung in sein Taschenbuch zeichnete und 
jetzt dem Publikum mittheilt. Die Nadirnadel
	        

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