Full text: Hessenland (15.1901)

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Ludwig Grimm. 
Ein Beitrag zur hessischen Kunstgeschichte von Hans Alt Müller. 
I st schon unter den bedeutenden Männern, die 
Hessen hervorgebracht hat, und denen ein Nus 
über die Grenzen ihres Heimathlandes hinaus zu 
Theil geworden ist, die Zahl der Gelehrten und 
Dichter nicht groß, so kann die Gruppe der 
musikalischen und bildenden Künstler, deren sich 
unser Hessenland berechtigterweise rühmt, wenn 
wir den Maßstab des allgemeinen Bekaunt- 
seins anlegen, kaum nur klein genannt werden. 
Denn von hessischen Komponisten ist heute noch 
weltberühmt (und vielleicht, streng genommen, 
schon nicht einmal mehr) der einzige Friedrich 
Kalkbrenner (sofern er nicht gar, wie Einige 
wissen wollen, in Berlin und nicht in Kassel 
geboren ist, wo es mir dann wie dem seligen 
Hegel auf seinem Sterbebett erginge: „Von 
meinen Schülern hat mich nur einer verstanden, 
und dieser Eine hat mich mißverstanden"), und 
was die bildenden ^vsmftler Hessens betrifft, so 
spielen heute und spielten eigentlich immer nur 
die beiden Tischbein (Johann Heinrich und 
Wilhelm) eine Nolle in der offiziellen Kunst 
geschichte, so viel anch der Talente waren, die zu 
ihrer Zeit noch neben ihnen eines gewissen An 
sehens genossen (wie die Du Ny, ferner Jussvw, 
Büttner, Kobold, Nohden, Hummel, die 
drei Nu hl und Werner Henschel). 
Ueberhanpt ist zu sagen, daß der Antheil, den 
Hessen an der deutschen und der Kunstgeschichte 
im Allgemeinen hat, wenn er auch kein hervor 
ragend bedeutender ist, doch nicht entfernt die 
geringschätzige und meist sogar die Hauptsachen 
übersehende Behandlung rechtfertigt, die ihm in 
den gewöhnlichen Lehrbüchern der Kunstgeschichte 
widerfahren ist (Kunstgeschichte hier einmal im 
weitesten und zugleich richtigsten Sinn des Wortes, 
der auch die schöne Literatur einschließt). Fast 
keine Literaturgeschichte, selbst die neueste von 
Richard Meyer nicht, der doch sonst manchen Ver 
schollenen ausgräbt, erwähnt einen der originellsten 
mtb echtesten Humoristen deutscher Sprache, unseren 
Ernst Koch (Heinrich Kurz führt ihn an), und, 
um ein viel ausfallenderes Beispiel zu wählen, 
nicht leicht wird sich eine Kunstgeschichte nennen 
lassen, in der das Oktogon mit dem Herkules 
und den Kaskaden auf Wilhelmshöhe, jedenfalls 
(mag man sonst darüber urtheilen, wie man will) 
eines der eigenartigsten und imposantesten Werke, 
die das Barockzeitalter hervorgebracht hat, auch 
nur beiläufig eine gebührende Erwähnung fände. 
Die meisten Kunsthistoriker schweigen einfach 
darüber (während Wilhelmsthal neuerdings hier 
und da Gnade findet). Der einzige Gur litt 
(in seiner „Geschichte des Barockstiles und des 
Rokoko in Deutschland") läßt sich ausführlicher 
darüber ans, aber — und ich muß wieder an 
Hegel's Wort erinnern — auch nur darüber, wie 
Guernieri. (dessen Namen er übrigens falsch wie 
einen französischen schreibt) das Werk geplant, 
aber nicht, wie er es wirklich ausgeführt hat. 
Unter diese gänzlich ignorirten Künstler Hessens 
gehört anch ein Meister, der uns schon durch 
seinen Namen, d. h. durch die berühmte Familie, 
die diesen Namen trägt, theuer sein muß, der 
indessen auch an sich, durch ebenso unmuthige 
wie höchst eigenthümliche Kunstschöpfungen liebe 
voller Aufmerksamkeit durchaus werth erscheint: 
Ludwig G r i m m. 
Ueber seine äußeren Lebensschicksale läßt sich 
nur wenig sagen. Ludwig Emil Grimm, ein 
jüngerer Bruder von Jakob und Wilhelm, ist zu 
Hanau am 14. Mürz 1790 geboren und zu 
Kassel, als Professor an der dortigen Akademie, 
am 4. April 1863 gestorben.*) Die meiste Zeit 
seines Lebens hat er in Kassel zugebracht (von 
1805 ab), und schon darum gehört er noch mehr 
und noch enger wie die übrigen Grimms seinem 
hessischen Heimathland an, dem er zudem auch 
die meisten Stoffe, wenn nicht zu seinen Nadi 
rungen, so doch zu seinen Zeichnungen überhaupt, 
entnommen hat. Denn seine Familie besitzt noch 
ganze'Stöße von dickleibigen Bänden, die angefüllt 
sind von zum Theil allerliebsten, öfter fein kari- 
kirten, vielfach auch farbigen Zeichnungen, ans 
denen man Personen, Landschaften und allerlei 
*) Als biographische Quelle benutze - ich hier zunächst 
erneu Artikel seines Neffen Herman Grimm in Ersch 
und Grnber's „Allgemeiner Encyklopädie".
	        

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