Full text: Hessenland (15.1901)

234 
Wir tanzten. 
„Du, bist du mir bös?" fragte sie in der Pause. 
„Nein — warum?" 
„Wegen heute Nachmittag! Es ist mir so leid!" 
„Warum gabst du mir den Korb?" 
„Ach Gott! — laß! — ich weiß das ja selbst 
nicht. Oder — ach gelt, laß! Sei mir nicht bös! 
Gelt nicht? — — 's war ja nur Spaß" — und 
sie betonte das so seltsam. Ich verstand. 
Du gekränkt Mädchenherz, du goldiges! Du eitel, 
du trotzig Menschenkind, du frisches, liebes! — dacht' 
ich da. 
Unter Scherzen tanzten wir die folgenden Touren. 
Ein paar Fehler machte das Käthchen schon. Dann 
klatscht' ich ihr zu. 
Und nun ging die Musik in den Schlußgalopp 
über — Und wir beide — husch — ein Bogen 
und Schwung - und wir beide flogen durch den 
Saal. Flogen! 
Dann haben wir noch ein paarmal mitsammen 
getanzt. 
Ich wollte das Käthchen heiinbegleiten, da's gen 
Morgen ging. 
„O ja, das sollte ich", meinte das Käthchen. 
Wir hatten es mit wenig Mühe fertig gebracht, 
uns von den Nachbarsleuten „loszuschrauben". 
Und nun gingen wir. Wie zwei Kinder. Nicht 
nach dem Pfarrhaus. Wie die Kinder im Märchen, 
nur immer gerade aus, immer geraden Wegs vor 
wärts. 
Und nun standen wir im Freien. 
Eine herrliche blaue Mondnacht. Das fahle Mond 
licht aus den Feldern, breit hingelegt. Eine weite, 
weite Stille vor uns. Unzählige Sterne über uns. 
Und jeder Baum und Strauch wie verhüllt. Wie 
ein Gespenst, wie eine alte Hexe da — wie ein 
grauer Mönch dort. Unbeweglich alle, lauernd, als 
ob sie ans uns warteten. 
Und dort am Wiesenrand der Wiesenmann. Er 
saß am Grabenrand. Ganz in sich gebückt. Man 
sah nur seinen großen hohen Hut. Und seine Pfeife, 
die glimmte. In der Hand, an tausend Fäden, 
hielt er die dünnen weißen Nebel, die nach seinem 
Zug und Ruck über.die Wiesen glitten. 
Ich glaub', wir zitterten ein wenig. 
Das Käthchen drückte sich fest an mich. 
„Du — der Wiesenmann, du!" — flüsterte sie. 
„Ich fürcht' mich." 
Jetzt hatt' ich Muth. 
„Geh — das ist ja nur ein Weidenstumpf." 
„Aber seine Pfeife glimmt doch, ich seh' sie deut 
lich glimmen. Komm, wir wollen heim gehen! 
Durch den Pfarrgarten hin, die Thür ist offen. 
Was thun wir denn im Freien da! Ich fürcht' 
mich." 
Wir gingen dann den Weg um's Dorf nach dem 
Pfarrgarten. 
Da fürchtete sie sich nicht mehr. 
Die Thür war nur angelehnt. Sie knarrte ein 
wenig, als das Käthchen öffnete. 
„Das hört niemand", sagte sie. 
Wir traten ein. 
Das Mondlicht rieselte durch die Baumkronen 
und spielte aus den gelben Kieswegen. 
Das Käthchen ging vor. Der Kies knirschte ein 
wenig. 
„Das thut nichts, das hört niemand". 
Da stand eine Bank. Das Käthchen setzte sich. 
„Hier setz' dich her, neben mich, komm! — Siehst 
du, da denk' ich oft an dich. Wenn ich da sitze 
und stricke oder im Gosfinö lese. Das muß ich, 
obschon ich gar nie Lust dazu habe. Hier hab' ich 
auch dein Gedicht gelesen neulich, obschon es der 
Herr Pfarrer mir verboten hatte. Du gehörtest 
jetzt auch zu den Gottlosen, hat er gesagt, und es 
sei ein garstig schlecht Gedicht. Mir hat's aber 
gefallen, so gefallen!" 
Mir lachte das Herz. 
„Das ist lieb von dir. Käthchen. Aber laß! 
Der Pfarrer hat mich schlechter gemacht, als ich 
bin. Und am Ende auch mein Gedicht. Aber laß 
nur, Käthchen, was liegt daran! Sieh, das ist so 
eine stille, schöne Nacht. Die wollen wir jetzt ge 
nießen. Wir beide! Laß den Pfarrer und die 
Gottlosen und das Gedicht." 
„Wie still ist's hier! — Nur fern die Musik, 
hörst du sie?" — — 
„Und unsere Herzen, hörst du sie? Sie schlagen 
ganz laut!" — 
„Ich hör' sie". lispelte das Käthchen und legte 
ihren Kopf auf meine Brust. Und ich strich ihr 
über's Haar, zärtlich und langsam. 
Und so saßen wir — und plauderten ein wenig, 
leise flüsternd — und faßten unsere Hände — und 
waren eine lauge, lange Weile still — und genossen 
so herzlich und rein die verschwiegene Nacht und 
unsere Seligkeit in — Schweigen. 
Und leise hob das Käthchen den Kops — und 
beugte ihn zurück — und sah mich lange und tief 
mit großen, strahlenden, bittenden Augen an. Ich 
neigte ihr den Kops entgegen und berührte ihren 
Mund — und sie schlang stürmisch ihre Arme um 
meinen Hals, und ihre Lippen sogen sich heiß und 
fest an die meinen — und wir verharrten in langem, 
langem Kusse. 
Dem ersten Kuß, den sie geküßt — in Freund 
schaft, in kindlich-seliger Liebe. 
Dann sprang sie aus. „Nun muß ich gehen." 
Auch ich stand . aus. Und wieder umschlang sie 
meinen Hals und küßte mich.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.