Full text: Hessenland (15.1901)

233 
zuschreiben und sie würden sofort beschafft 
werden. 
Ich erwiderte ihm, daß ich die Sache nur 
scherzhaft gemeint habe, da in München, wohin 
mein Weg mich führe, alles zu finden sei, was 
ich brauche, und die Beschaffung werthvoller 
orientalischer Werke, welche zumeist aus kostbaren 
Manuskripten beständen, nicht so leicht zu er 
möglichen sei wie der Ankauf von Büchern, die 
man aus jeder Buchhandlung beziehen könne. 
Allein er beruhigte sich dabei nicht; ich mußte 
mit ihm an einem der nächsten Tage nach Kassel 
fahren, um aus der Staatsbibliothek nachzuforschen, 
ob dort nicht Förderliches für meine Studien 
zu finden sei. Der Ausflug war nicht ganz 
vergebens: ich fand mit Hilfe des liebenswürdigen 
Oberbibliothekars Bernhardt die „Extras 
des Manuscrits du Roi“ von Shlvestre de Sach 
und wir nahmen gleich einen Band davon mit, 
welcher wichtige Beiträge zur Geschichte des Sufis 
mus enthielt. Dann benutzte der Baron die 
Gelegenheit, mich seinen Verwandten in Kassel 
bekannt zu machen, von welchen einer in der 
westfälischen Zeit eine große Rolle gespielt und 
vom König Jerome den Grafentitel erhalten 
hatte, ohne jedoch nach dessen Abzug denselben 
weiter zu führen. 
(Fortsetzung folgt.) 
Pfarrers Mlicken. 
Hessische Dorfgeschichte von W. Holzamer. 
(Schluß.) 
Langsam fügte sich ein Jahr zum anderen, und 
wenn man's übersah, war's doch schneller gegangen, 
als man's gedacht hatte. 
So hat ich meine dreiundzwanzig erreicht. Das 
Käthchen war nun wohl an den zwanzig. 
Ich kam zur Kirchweih heim. Recht lustig wollt' 
ich sein und mein gut Theil tanzen. 
Wie ich am Nachmittag in's Wirthshaus komme 
und in den Tanzsaal trete, steh' ich den Mädchen 
gegenüber, die an der Wand sitzen und auf die 
Burschen warten. Auch 's Käthchen ist dabei. Aber 
es steht da oben und plaudert mit einem Mädchen, 
als ob's nicht dazu gehöre. Der Brauch, an der 
Wand zu sitzen, behagte ihr offenbar nicht. 
Ich laß die Blicke über die Mädchen gleiten. 
Das Orchester spielt einen Walzer. 
Heut — wähl' ich das Käthchen! — 
Burschen kommen — Paare tanzen. Es geht 
alles sehr rasch. 
Und nun ist schon ein wenig Trubel im Saal. 
Das Käthchen plaudert noch. 
Ich gehe hin. 
Formell zu sein, hätte ich nun nicht über's Herz 
gebracht. Ein konventionelles Wort wäre mir nicht 
aus der Kehle gegangen. 
„Käthchen", sag ich, „wollen wir nicht den Walzer 
zusammen tanzen?" 
Sie sieht aus — sie sieht mich an — sie er 
riethet — 
Sie greift in ihre Stirnlöckchen mit verlegenem 
Finger 
Sie neigt den Kops — — „Danke!" — und 
ganz leise: „Nein!" sagt sie und verbeugt sich. 
Ich habe keinen Tanz getanzt. 
Das Käthchen tanzte viel, meist mit Fremden. 
Nun war's bald Zeit zum Abendessen. 
Das Käthchen ging. 
Und bald ging auch ich. 
Wäre meine Mutter nicht gewesen, ich wäre nach 
dem Abendessen zu Hause geblieben. 
„Geh, Bub, schäm dich", sagte sie. „Gar nicht 
getanzt. Und nun zu Hause bleiben. Jung sein 
und in der Stube hocken, wenn's Kirchweih ist, 
Bub, das paßt nicht. Tanzen und froh sein, wie 
wir's auch waren, da wir jung sind gewesen. Werd 
mir kein-Stubenhocker, Bub, und kein Duckmäuser! 
Du hast jetzt das Alter, du gehst mir zum Tanz. 
Jetzt sind die Jahre, hast noch lang genug vor zum 
Daheimhocken —!" 
Da ging ich denn wieder. 
Bald kam auch das Käthchen mit ihren Nachbars 
leuten. 
Und ich tanzte noch nicht.,, 
Da bestellten die Fremden eine Franyaise. 
Unsere Dorfschönen mußten nun „schimmeln". 
Auch das Käthchen. Halb gönnt' ich's ihr. 
Doch nun fehlte noch ein Paar. 
Ich konnte ja die Franyaise. Und nun saßt' ich 
mir ein Herz. 
„Käthchen, wollen wir die Fran^aise zusammen 
mittanzen?" 
Sie lächelte: „Ich kann sie ja nicht." 
Aber sie sah doch ganz stolz aus — und sie 
war recht wohl Willens. 
„Wenn du mit mir tanzst, geht's schon — ich 
sag' dir jedesmal, was du thun mußt." 
Und rascher, als es zu erwarten war, hing sie 
in meinem Arm.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.