Full text: Hessenland (15.1901)

M 17. 
XT. Jahrgang. Kassel, 2. September 1901. 
Zung irmgara. 
Jung Irmgard ritt aus der Väter Schloß 
Hut wehendein kfaar auf feurigem Roß. 
„Lieb' Mutter, die Welt ist so groß und weit, 
Ich welke hin in der Einsamkeit!" 
„Mein Rind, im Walde wohnt Fried' und Ruh', 
Die findest niinmer da draußen Du!" 
„Lieb' Mutter, lieb' Mutter, laß mich doch gehn, 
Mich treibt es, bie schöne Welt zu sehn." 
„Mein Rind, ich halte Dich länger nicht, 
Geleite Dich Gott, mein Sonnenlicht!" 
viel Monde schwanden, manch' Jahr verfloß 
Im tannemunrauschten, stillen Schloß. 
Einst stieß in eisiger Winternacht 
Der greise Thurinwart in's kgorn mit Macht. 
Jung Irmgard kehrt in der Väter Schloß 
Mit bleichendein Haar auf hagerem Roß. 
„Gott grüße Dich, Rind! Bliebst lange aus." 
„Lieb' Mutter, lieb' Mutter, wie schön ist's zu Hans!" 
„Mein Rind, wo blieb Dein blondlockiges Haar?" 
„Ach, Mutter, das färbte manch' trübes Jahr!" 
„Mein Rind, wo sind Deine Wangen roth?" 
„Ach, Mutter, sie bleichte Rninmer und Noth!" 
„Mein Rind, wo ist Dein fröhlicher Blick?" 
„Lieb' Mutter, der blieb im Walde zurück." 
„Mein Rind, mein Rind, was ist Dir gescheh'n?" 
„Lieb' Mutter, ich — — habe die Welt geseh'n!" 
Gießen. LherLSL liösM». 
Vas vergessene 6rab. 
Die Friedhofswege ging ich still entlang, 
Rings um mich her ein Blüthenüberschwang, 
Die Vögel sangen in der Abendluft 
Mb mancher Gruft. 
In gold'nen Lettern sah ich dg und dort 
Erglänzen hell' manch' ernstes Liebeswort; 
Mit Band und Rränzen spielte lieb und lind 
Der Maienwind. 
von Gräbern, so die Liebe reich bedenkt, 
Hab' zu den Hügeln ich den Schritt gelenkt, 
Die, kaum noch sichtbar, wildes Grün bedeckt, 
vom Lenz geweckt. 
Auf ein versunken Grab fiel da inein Blick, 
wen wiegte da in Schlummer das Geschick? 
Der stille j)latz ist schmal und liegt so tief, 
Das Rreuz steht schief. 
Der goldne Name drauf ist "längst -verblaßt, 
Den Marmorsockel deckt die Erde fast. 
Noch lehnt ein Gitter an der Mauerwand, 
Das einst hier stand. 
wer auch da ruhen mag im Erdenschoß, 
Einst war die Liebe tief zu ihm und groß, 
Einst hat die Treue, noch von Schinerz bedrückt, 
Dies Grab geschmückt. 
verweht des Schläfers Leben wie ein Hauch, 
verweht fein Streben, seine Schmerzen auch, 
vergessen! — wo den Namen inan noch liennt, 
Rein Lämpcheii bremlt. 
Ich aber denke sein im Abendroth, 
von Feuerstrahlen ist das Grab umloht; 
So halt' ich still, zu froininen Thun entflamuit, 
Ein Todtenamt. 
I Frankfurt a. M. 6. sßeiltZCl.
	        

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