Full text: Hessenland (15.1901)

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Melsunger Familiennamen bis 1626. 
^Schluß.) 
Die Beinamen der Häuser leiten zu den 
eigentlichen Beinamen der Personen hinüber. 
Noch Ptzt liebt es Jugend und Volk, die Be 
kannten mit einem Spitznamen zu belegen, der 
manchmal ein ganzes Menschenalter überdauert. 
In alten Zeiten aber, als es weder Standesamt 
noch Kirchenbücher gab, wurden solche Beinamen 
häufig vom Vater auf den Sohn übertragen. 
Anfangs fügte man wohl das Wort „genannt" 
hinzu, um den Beinamen zu kennzeichnen, und 
sagte dann: Heinrich genannt Cappuz (1332), 
d. h. Mönchskappe oder Weißkohl, oder Henne 
Gryfse genannt Lewe (1406)*). Bald aber 
vergaß man die Hinzufügung des Wortes „genannt". 
So berichteir in den Melsunger Urkunden und 
sonstigen Schriftstücken noch viele Namen von 
den Eigenthümlichkeiten, den körperlichen und 
Charaktereigenschaften des ersten Inhabers. Langir- 
man (1592) und Lange (1626) zeichneten sich 
durch ungewöhnliche Größe aus. War ein Mensch 
sehr mager, so legte man ihm den Namen Knoche 
(1599; Knock) 1626) bei. Eine kurze, dicke 
Person mußte als „kleiner Knopf", als Knüppell 
(1575; Knoppel 1626) dnrch's Leben gehen.**) 
Wenn der Leibesumfang den Spott gar zu sehr 
herausforderte, dann sprach mau lachend von 
Jörn es et (1437) und Musebog (1437), d. h. 
Eßbauch. An einem andern, der mit der linken 
Hand zugriff, blieb der Name Linke (1469) 
hängen. Manche bewegen einen Finger in auf 
fälliger Weise oder haben einen verwachsenen 
Finger, in solchen Fällen war die Vorzeit mit 
der Benennung Finger (1607) bei der Hand. 
Stelte (1560) ist ein armer Stelzfuß. Ein 
Einwohner ging in der warmen Sommerszeit 
barfuß und zeigte dabei feine behaarten Füße, 
da schalten ihn seine Mitbürger Nuchfuß (1457). 
Wieder einer ward Schele (1288) genannt, weil 
er schielte, ein dritter Flecke (1457), weil er ein 
Muttermal im Gesichte hatte. Nymphe (1388) 
pflegte die Stirn zu runzeln. Slechthnar 
(1332) trug schlichte Haare, während Voll köpf 
(1626) einen wolligen Kopf, krauses Gelock hatte. 
*) Aus andern Gegenden: Heinrich und Bertold ge 
nannt Konege (1290). Werner genannt Groppe (1290). 
Siefried genannt Numph (1291). Bürger Herold genannt 
Kohlhase (1292). Bürger genannt von Pfannkuchen (1294 
in Alsfeld); Conrad Panknche (1308). Bergt. Jos. Nübsam, 
Fuldaer Regesten unter Abt Heinrich V. (1288 —1313) 
in der Zeitschrift für hessische Geschichte N. F. IX, 188 fde. 
Kassel 1882. 
**) In der Nähe des schmalen Weges, der als „Knop- 
zahl" (1575) den Schöneberg hinaufführte, wird diese 
Familie Grundbesitz gehabt haben. 
Harbusch (1575—1626), ein Name, der schon 
1392 in Kassel , nachzuweisen ist, deutet auf einen 
Krieger mit flatterndem Helmbusche hin. Nuck- 
tasche (1569; Nuckdasch 1575) war an der Um 
hängetasche, dem Ranzen kenntlich (vergl. den 
Ausdruck Rucksack). 
Wer die Modethorheiten übertrieb, der durfte 
sicher sein, wegen seines eigenthümlich verzierten 
Hutes als Czirhude (1409) oder wegen seiner 
spitzen Schuhe als Hornschuch (1626) der Nach 
welt überliefert zu werden. 
Springen und laufen vor andern konnte 
Sprenger (1575), geräuschlos traten Lehse 
(1575) und Schlicher (1626) auf. 
Vom niedern Volke „rein und unvermischt" 
hielt sich Eyttel (1626). Dieses Wort kommt 
bei dem preußischen Prinzen Eitel Fritz und in 
Adelsfamilien noch als Vorname vor. Frebel 
(1478) erwies sich „kühn", ja „verwegen," Funcke 
(1575) lebhaft und feurig. Durch Thorheit fiel 
Luley (1464—1575) auf, ein niedersüchsisches 
Schimpfwort. Keinen bessern Sinn hat Omele 
(1288); in der Diemelgegend schilt man einen 
albernen, trügen Menschen Oemel. Placzt 
(1487—1500;' Platz 1510—75) versetzt „plat 
schende Schläge"*). Schmoll (1626) verharrte 
meist in mürrischem Schweigen. Stonze (1493, 
1562, 1626 ; Stunz 1571—75). eigentlich ein 
kleiner Zuber, galt als ein ungeschliffener Gesell. 
Nicht häufig ward einer als Liberknecht 
(1626) gelobt. Auf einen Sohn im Gegensatz 
zum Vater weist Sone hin (1421; Son 1459), 
aus einen „neuen Nachbarn" Nieberueber 
(1575, 1647, 1661; Nibernawer 1626), Gebur 
(1463) auf einen „Mitbürger" schlechthin. Braun- 
moller. (1626) war vielleicht ein Müller mit 
brauner Gesichtsfarbe. Ob Krupenschneider 
(1575) einen Schneider bezeichnete, der eine Lehm 
oder Sandgrube (nhd,Arao6a,llruopa,6i'opa) besaß? 
Grvschel (1626) schien den Groschen, das 
Geld übermäßig lieb zu haben. 
Bei manchen dienten die Lieblingsspeisen als 
Angriffspunkt, so der Pfannkuche (1571—1626 ; 
vergl. Anm.*) auf voriger Spalte) und der Rahm 
oder Flott (1534—45 Vludt; 1575 Vhlott; 
1545—1626 Vloth). 
Wein aber Mutter Natur entstellte Gesichts 
züge oder ein abstoßendes Wesen auf die Lebens- 
*) Vilmar, Namenlmchlein S. 63, erklärt Platz für das 
gleichnamige Gebäck. Aber die älteste Form Placzt scheint 
dieser Dentnng und auch der Beziehung auf die Wohnung 
an einem freien Platze zu widerstehen.
	        

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