Full text: Hessenland (15.1901)

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Pfarrers Käthchen.*’ 
Hessische Vorgeschichte von W. Holzamer. 
Meine Mutter hat mir heut" einen Brief ge 
schrieben, Neuigkeiten aus meinem Heimathdorse. 
Sie interessiren mich ja meist nicht viel; aber die 
Gute meint Wunders, wie viel ich entbehrte, wenn 
ich das nicht all haarklein wüßte. So viele Namen 
sind mir ja nur Klang. Ich bin nun zu lange 
von zu Hause fort. Aber ich sag ihr das nicht. 
Sie soll ihre Freude behalten. 
„Verheirath die Liese mit dem Christoph", heißt's 
da, „ausgerufen die Grete mit dem Lorenz." , Kind- 
tause beim Vetter Jakob, und de „alt Härche" — 
kennst ihn ja noch, der die Klarinette blies — ist 
gestorben und auch schon begraben. Es war eine 
schöne große Leich. Und die Anne-Marie hat einen 
Buben gekriegt, ledig, denk dir." 
Na ja, denk" ich — Gott gesegens ihr und dem 
Buben! Er gesegnetes ja leider meist nicht. 
.Und dann steht da: ,,"s Pfarrers Käthche, denk' 
dir, ist jetzt in"s Kloster gangen. Erst in"s Mutter 
haus, dann geht sie nach Afrika. Schwarze Buben 
soll sie lehren und zu Christen machen. Sie hat 
mir am Sonntag Adje! gesagt und auch einen 
schönen Gruß an dich noch ausgetragen. Schade 
für das schöne, frische Ding, meinst nicht auch?" 
Ach ja, mein ich auch, Mutter. Schad" is! 
Und — — "s Pfarrers Käthchen! — — ich 
denk" ein paar Jahre zurück. 
Und noch ein paar Jahre — :.da wir Kinder waren. 
Unser Pfarrer hatte eine neue Köchin gekriegt, 
die hatte das Käthchen mitgebracht, „"s Pfarrers 
Käthche", nannten wir Kinder sie — Pfarrers 
Käthche" nannte sie "s ganze Dorf. 
Wir spielten oft zusammen — aus der „Psarr- 
treppe", das war die hohe Treppe vor'm Pfarrhaus. 
Sie war ein sauberes Mädchen. Sie hatte große 
schwarze Augen und ein allerliebstes Zöpslein. Da 
rin war immer ein rothes Bändchen am Ende — 
und ich hab ihr oft die Schleife heimlich aufgezogen. 
Da schmollte sie so hübsch. 
Sie hatte artige Manieren, und da sie eine andere, 
bessere Sprache hatte als die übrigen Dorskinder, 
wurde sie oft verspottet von denen. Da nahm 
ich mich ihrer an und vertheidigte sie. Dafür war 
sie mir immer sehr dankbar. 
Wir waren überhaupt gute Freunde. Ich glaub" 
freilich, der Pfarrer wußte nichts davon. 
Oft, wenn ich aus der Schule heimkam, wartete 
sie schon, aus mich — ich kam nämlich täglich aus 
der Stadt mit der Bahn gefahren — und bestellte 
*) Aus „Im Dorf und draußen", neue Novellen. 
Vergl. S. 225. 
mich zum Mittagsspiel — auf der Pfarrtreppe — 
im Pfarrgarten — in den Wiesen. Was spielten 
wir nicht alles da! Laufen, Verstecken — „wo 
ist gut Bier feil?" — Vogelrathen — und Gott 
was alles noch! Wir naschten heimlich von des 
Pfarrers Obstbüumen und waren wie die Staare an 
seinen Trauben. Im Winter fuhren wir Schlitten 
und warfen Schneebällen, und Käthchen war eine 
der wildesten. Und als ihr die Mutter — ohne 
Wissen des Pfarrers — nach viel Bitten und Betteln 
ein Paar Schlittschuhe gekauft hatte, hals ich ihr auf 
dem Eise die ersten Uebungen und Aengste überstehen. 
Sie mochte danmls zehn Jahre, ich dreizehn sein. 
Ja, wir waren gute Freunde. 
Dann im Frühjahr waren wir alle einmal 
aus den Wiesen am Sonntag Nachmittag. Wir 
hatten Blumen gesucht, Veilchen und Schlüssel 
blumen, große Sträuße. Und es war schon gegen 
Abend geworden und Zeit zum Heimgang. Einer 
machte den Vorschlag, einen Brautzug zu bilden. 
Jeder sollte sich eine Braut wählen. 
Die Mädelchen kicherten, uns Buben leuchteten 
die Augen. Wir hatten alle nichts dagegen. „Und 
wir wollen singen!" sagte einer. 
In einer Reihe standen die Bräute, ihnen gegen 
über wir Buben. 
Ich war der größte, ich sollte zuerst wählen. 
Ich ließ den Blick die Reihe hingehen. 
Jed' Mädel stand mit lachendem Gesicht, halb 
verlegen, und ließ die Zähne blinken. 
Nur 's Käthchen nicht. Es war über und über roth 
geworden. Und als mein Blick es traf, gingen 
ihm lockend die Lider höher. Ich seh"s noch heut". 
Und es machte eine leise Bewegung mit der Hand. 
„Mich, mich!" hieß das. 
Aber was mir einfiel! — mein Blick ging weiter. 
Ich glaub",ich wollte sie nur necken. Ich wußte wirk 
lich nicht mehr, welchen anderen Grund ich hätte haben 
können. Ob ich einen anderen hatte, ich glaube nicht. 
Ich glaube, ich wollte sie nur necken, und ich wählte 
die Anne-Marie, die jetzt ledig eines Buben genesen ist. 
Das Käthchen ließ den Kops sinken. Ich glaube 
nicht, daß sie geweint hat. Aber-.zum Weinen 
war"s ihr gewiß, das merkt" ich Wohl. 
Und auch mir war"s jetzt so leid. Die andern 
sangen. Ich führte zwar die Anne-Marie an der 
Hand, aber ich war nicht froh und sang nicht. 
Vor'm Dorf, wo wir wieder durcheinander gingen, 
suchte ich an ihre Seite zu kommen und flüsterte 
ihr zu: ,,"s war ja nur Spaß, Käthchen", aber sie 
schüttelte es von sich ab.
	        

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