Full text: Hessenland (15.1901)

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„so scharf anrückte, daß ich die Regimenter 
von Mansbach und denen 2 Schwadronen zu 
sammenhielte und langsam abmarschirte".*) 
Nicht so glücklich war das Regiment Prinz 
Carl. „Der Feind attaquirte wirklich das in 
Marsch begriffene Regiment Prinz Carl, verfolgte 
und entourirte solches bis in das Dorf Münster; 
da ich denn mit dem was ich bey mir hatte nebst 
Zuziehung der 2 Schwadronen englischer Gris- 
horses dem Prinz Carl'schen Regiment entgegen 
rückte und vom Feinde durch einige Schüsse der 
Regiments-Stücke degagirte. Darauf habe mich 
wiederum in langsamen Marsch gesetzet und so 
lange als die schwere Artillerie, Pontons und 
dessen Bagage vor mir weg nach und durch 
Grünbergen marschirte, den Feind bis zu ihrer 
Retraite abgehalten."**) Während das Regiment 
Canitz dem Feinde viel Schaden zufügte, war der 
diesseitige Verlust unbedeutend. 
Schlimmer erging es einer Abtheilung vom 
Holstein'schen Corps. Wir verließen dasselbe bei 
Lich, wo das Kommando des Generals von Finken 
stein stand, und in Langsdorf, wo Major von Thum 
mit seinen 2 Schwadronen Dragonern und 1 Ba 
taillon braunschweigischer Infanterie postirt war. 
Um 8 Uhr war Finkenstein der Befehl geworden, 
sofort bei Empfang der Marschdisposition für 
den 19. von Lich aufzubrechen. Die von dem 
Prinzen von Holstein an das Licher Detachement 
verfügte Marschordre konnte nicht eingehen, da 
der Offizier, welcher dieselbe überbringen sollte^), 
unterwegs vom Feinde abgefangen wurde. Ver 
gebens wartete das Kommando in Lich auf den 
Marschbefehl. 
Die Abtheilung von Langsdori, der Weisung 
von Lich zugehen sollte, wohin sie sich in Marsch 
zu setzen habe, wartete gleichfalls und entsandte 
einen Offizier nach Lich. Derselbe wurde mit 
dem Befehle zurückgeschickt, die Langsdorfer Ab 
theilung solle sich nach Lich zurückziehen. Bis 
der Offizier au seinen Bestimmungsort zurück 
gekehrt war, war die Abtheilung abgerückt, und 
Niemand wußte, wohin. 
*) Marburger Archiv-Akten. 
**) Ebenda. 
f) Aus der Ordre des gefangenen Offiziers sah Blaisel, 
daß sich die erste Kolonne unter dem Herzog Ferdinand 
bei Grünberg, die zweite bei Laubach unter dem Herzog 
von Holstein, die dritte, welche aus der Artillerie, der 
Bagage und dem Lazareth bestand, bei Schotten ver 
sammeln sollte. Blaisel griff die erste Kolonne an, wurde 
aber übel empfangen, sodaß er sie in Frieden ziehen ließ 
und sich gegen die Truppen, die sich bei Laubach zusammen 
ziehen sollten, wandte. Indem er diese Absicht ausführen 
wollte, bekam er Nachricht von einer Abtheilung, die 
linker Hand von Langsdorf aus marschirte. 
Unterdessen war die Abtheilung bei Lich, die 
nun Nachricht von dem Aufbruch der Armee nach 
Grünberg erhalten hatte, auf das Vernehmen 
von Kanonendonner aus dieser Richtung hin auf 
gebrochen und hatte sich über Hambach, Hattenrod 
in Marsch nach Grünberg gesetzt. In dem 
Walde von Hattenrod wurde die Fiukenstein'sche 
Abtheilung plötzlich überfallen. Der Widerstand 
in den Walddistrikten wurde sehr erschwert, und 
nur mit Mühe gelang es, sich durchzuschlagen, 
bis man gegen 9 Uhr Abends Grünberg erreichte, 
wohin sich die leichten Truppen, Husaren und 
Jäger, die bei Hungen die Vorpostenkette gebildet 
hatten, glücklich zurückgezogen hatten. 
Die Abtheilung bei Langsdorf war unter dem 
Major von Thum, ohne die Rückkehr des nach 
Lich abgeschickten Offiziers abzuwarten, auf 
gebrochen. Zwischen Münster,mb Queckborn in 
der Nähe von Laubach traf sie mit einer starken 
feindlichen Abtheilung zusammen. Das Infanterie- 
bataillon marschirte eben durch Queckborn; hinter 
demselben zog die Bagage, Und den Schluß bildeten 
die Dragoner. Diese sahen sich plötzlich vom 
Feinde umringt, wollten nach Lich ausweichen, 
fielen aber dem Feinde in die Hände, der sie bis 
auf 50 Dragoner, die sich durchschlugen, gefangen 
nahm. Unter den Gefangenen befand sich auch 
Major Thum mit 8 Offizieren.*) Dem Infanterie- 
bataillon gelang es, den Feind von sich abzuhalten, 
und es erreichte ohne Verlust Grünberg. 
Am 19. befanden sich die Quartiere der 
sämmtlichen Truppen in einer Stärke von 35 
Schwadronen und 35 Bataillonen in folgenden 
Ortschaften: das Hauptquartier stand in Burg- 
Gemünden. Die einzelnen Cantonnements waren: 
Büßfeld, Bleidenrod, Bernsfeld, Otterbach, Groß- 
Eichen, Nieder-Gemünden, Nieder-Obmen, Kirsch 
garten. Atzenhain, Groß-Felda, Hainbach, Ermen 
rod, Ober-Ohmen, Elbenrod, Merlau, Ilsdorf, 
Sellnrod, Sorga, Flensungen, Klein- und Groß- 
Lorn (?), Weitershain, Ruppertenrod, Grünberg. 
Am 20. April wurde das Hauptquartier nach 
Alsfeld verlegt. Am 23. setzte sich die Armee 
in Marsch und trat den Rückzug über Alsfeld 
und Neuenkirchen nach Ziegenhain an. 
Die Kolonne des Prinzen von Holstein und 
des Generals Wutginau, 6 Bataillone und 
16 Schwadronen stark, rückte dann weiter über 
Jesberg nach Fritzlar, während der Erbprinz mit 
*) Dies war auch der einzige bedeutende Verlust an 
Gefangenen seitens der Verbündeten, obgleich das „Theätre 
de la guerre“ ohne jeden Beweis behauptet: „Le« de- 
tachemens Francis qui etoient ä leur poursuite 
amenoient tous les jours des prisonniers en grand 
nombre.“
	        

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